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GRRMs „Am Morgen fällt der Nebel“ ist ein Liebesbrief an die Fantasie

Titelbild von Marc Simonetti für die französische Ausgabe von „A Song for Lya and Other Stories“; es stellt das Wolkenschloss aus „With Morning Comes Mistfall“ dar, mit dem Gipfel des „Roten Geists“ links im Hintergrund. (Gefunden im „Thousand Worlds Wiki“.)

Von Priscilla Zorzi. Original: GRRM’s With Morning Comes Mistfall is a love letter to fantasy, veröffentlicht am 3. April 2018 (The Fandomentals). Die hier wiedergegebenen GRRM-Zitate sind dem Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) entnommen, aus dem auch der hier von mir – dem Übersetzer – zur Einstimmung und als Leseprobe vor der Übersetzung von Priscilla Zorzis Artikel eingefügte Anfang von „Am Morgen fällt der Nebel“ stammt:

An jenem ersten Morgen nach der Landung erschien ich zu früh auf der Speiseterrasse, aber Sanders war bereits draußen. Er stand allein am Geländer und schaute über den Nebel hinweg, der die Berge einhüllte.

Ich trat zu ihm und wünschte ihm halblaut einen guten Morgen. Er fand es nicht der Mühe wert, den Gruß zu erwidern. Stattdessen sagte er, ohne sich umzudrehen: „Schön, nicht wahr?“

Und er hatte recht.

Nur ein kleines Stück unterhalb der Terrasse wälzten sich die Nebelmassen, und ihre gespenstischen Brecher brandeten lautlos gegen die Mauern von Sanders‘ Schloss. Von Horizont zu Horizont erstreckte sich die zähe weiße Schicht und deckte alles zu. Im Norden konnten wir den Gipfel des Roten Geists erkennen; ein scharfer Dolch aus brandrotem Fels, der in den Himmel stach. Die anderen Berge lagen noch unter der Nebeldecke.

Wir jedoch befanden uns über den Nebeln. Sanders hatte den höchsten Gipfel der Kette ausgewählt und dort sein Hotel errichtet. Wir schwebten einsam über einem brodelnden weißen Ozean, segelten inmitten von Wolken dahin.

Wolken. Sanders nannte sein Hotel Wolkenschloss. Der Name lag auf der Hand.

„Ist das hier immer so?“ fragte ich, nachdem ich das Bild eine Weile in mich aufgesogen hatte.

„Immer wenn der Nebel fällt“, erwiderte er und lächelte wehmütig. Er war ein beleibter Mann mit einem jovialen fleischigen Gesicht und dicken roten Backen. Kaum die Sorte Mensch, der man ein wehmütiges Lächeln zutraut. Aber er bildete eine Ausnahme.

Er wies nach Osten. Die Sonne von Geisterwelt ging auf und ließ den Morgenhimmel orangerot und purpurn erglühen.

„Die Sonne“, sagte er. „Sobald sie höher steigt, treibt die Wärme den Nebel zurück in die Täler, zwingt ihn, vor den Bergen, die er nachts besiegt hat, die Waffen zu strecken. Der Nebel fällt, und ein Gipfel nach dem anderen kommt zum Vorschein. Gegen Mittag kann man dann die ganze Kette überblicken, meilenweit. Dieses Schauspiel erlebt man nirgends auf der Erde – oder auch einer anderen Welt.“ Er lächelte wieder und führte mich an einen der Tische, die auf der Terrasse standen. „Und dann, bei Sonnenuntergang, kehrt sich alles um. Heute Abend müssen Sie zusehen, wie der Nebel steigt.“

Wir nahmen Platz, und ein geschmeidiger Rober rollte heran, da er unser Gewicht auf den Stühlen registrierte. Sanders beachtete ihn nicht. „Es ist eine Schlacht, verstehen Sie?“ fuhr er fort. „Eine ewige Schlacht zwischen der Sonne und dem Nebel. Und der Nebel erweist sich als stärker. Er beherrscht die Täler, die Ebenen, die Meeresküsten. Die Sonne besitzt nur über einige Berggipfel Macht – und das auch nur bei Tag.“

Er wandte sich an den Rober und bestellte Kaffee für uns beide, damit die Zeit bis zum Eintreffen der anderen schneller verging. Selbstverständlich war der Kaffee frisch aufgebrüht. Sanders duldete auf seinem Planeten kein Instantpulver und schon gar keine synthetischen Gemische.

„Ihnen gefällt es hier“, stellte ich fest, während wir auf den Kaffee warteten.

Sanders lachte. „Warum auch nicht? Wolkenschloss bietet die gleichen Annehmlichkeiten wie Ihre Erde – gutes Essen, Unterhaltung, ein eigenes Spielcasino. Dazu kommt die Atmosphäre dieses Planeten. Finden Sie nicht selbst, dass ich die bessere der beiden Welten gewählt habe?“

„Vielleicht. Aber die meisten Menschen würden das anders sehen. Niemand kommt des guten Essens wegen oder um des Vergnügens willen auf Ihre Geisterwelt.“

Sanders nickte. „Es gibt einige Jäger, die hinter den Felskatzen und Prärieteufeln her sind. Und der eine oder andere will hinaus zu den Ruinen.“

„Aber das sind die Ausnahmen“, erklärte ich. „Nicht die Regel. Die Mehrzahl Ihrer Gäste kommt aus einem einzigen Grund.“

„Klar“, gab er lachend zu. „Wegen der Geister.“

„Wegen der Geister“, wiederholte ich. „Sie leben auf einer schönen Welt, die zum Jagen, Angeln und Bergsteigen verlockt. Aber nichts davon reizt die Touristen. Sie wollen die Geister sehen.“

In diesem Moment servierte der Rober zwei große, dampfende Tassen Kaffee, dazu einen Krug mit dicker Sahne. Der Kaffee war sehr stark, sehr heiß und sehr gut. Nach dem synthetischen Zeug, das man uns wochenlang an Bord des Raumschiffs vorgesetzt hatte, war er die reinste Offenbarung.

*      *      *

GRRMs „Am Morgen fällt der Nebel“ ist ein Liebesbrief an die Fantasie

von Priscilla Zorzi

George R. R. Martin (GRRM) schrieb With Morning Comes Mistfall während seines produktiven Sommers 1971. Die Kurzgeschichte wurde ein paar Monate nach The Second Kind of Loneliness, (dt. „Die zweite Stufe der Einsamkeit“) in der Maiausgabe 1973 von Analog veröffentlicht.

Zwei Geschichten vom selben Autor dicht hintereinander im führenden Magazin des Genres erweckten Aufmerksamkeit, und „Nebel“ wurde für den Nebula und den Hugo nominiert, meine erste Geschichte, die für preiswürdig erachtet wurde.  (George R. R. Martin in Traumlieder I)

Obwohl sie keinen der beiden Preise gewann, betrachtete Martin seine Geschichte als eines seiner bis dahin besten Werke. Noch Jahrzehnte später bleibt sie ein berührendes und wirksames Zeugnis der Liebe des Autors für das Fantastische.

Ein fliegendes Schloss inmitten eines Wolkenmeers

Am Morgen fällt der Nebel führt uns auf den fernen Planeten Geisterwelt. Der Planet ist nicht wegen seiner schönen Landschaft bei Touristen beliebt, sondern wegen der Geister, die ihm seinen Namen geben. Es gibt keinen wirklichen Beweis dafür, dass solche Kreaturen existieren, aber die Berichte von Sichtungen und mysteriösen Fällen von Verschwinden genügen, um die Legende am Leben zu halten.

Der Geistermythos wird durch die ungewöhnlichen Nebel unterstützt, die Geisterwelt einhüllen. Mit jedem Sonnenuntergang findet der Nebelaufgang statt, und das gesamte Land wird von dichtem Nebel bedeckt, außer den höchsten Bergen. Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel, und der Nebel zieht sich in die Täler zurück. Geister können überall sein, wo es Nebel gibt.

Unser Erzähler ist ein Journalist unbekannten Namens und Geschlechts, der nach Geisterwelt kommt, um eine wissenschaftliche Expedition zu begleiten. Unter der Leitung von Dr. Charles Dubowski sucht die Expedition nach konkreten Beweisen für die Geister, falls welche zu finden sind. Dubowski glaubt, dass die Geister nicht wirklich sind, und er hat die Ressourcen, um Geisterwelt abzusuchen und es herauszufinden.

Das Hauptquartier der Expedition ist das Hotel Wolkenschloss, die einzige dauerhafte menschliche Wohnstätte auf dem Planeten. Selbst nachts über den Nebel ragend, ist das Hotel immer sicher vor den Geistern. Der Besitzer des Hotels, Paul Sanders, ist nicht sehr glücklich über seine neuen Gäste; er befürchtet, dass Dubowskis Expedition die Magie ruinieren wird, die Menschen zum Planeten bringt, ungeachtet des Ergebnisses.

Während der Expedition verliebt sich der Erzähler langsam in die unheimliche Schönheit von Geisterwelt und freundet sich dabei mit Sanders an. Sie erkunden gemeinsam den Planeten, bis für den Erzähler eine Gelegenheit kommt, anderswo über eine andere und potenziell größere Story zu berichten. Von Planet zu Planet und von Story zu Story springend, kehrt der Erzähler erst nach Geisterwelt zurück, als Dubowski eine Pressekonferenz einberuft, um seine Ergebnisse zu verkünden.

Wie vorhergesagt, hat Dubowski keinen Beweis für die Geister gefunden und kommt zu dem Schluss, dass sie nicht existieren. Dies tötet effektiv die Legende und den Tourismus, der in Verbindung damit kam, einschließlich Sanders‘ Geschäft. Innerhalb weniger Jahre ist Sanders fort, und sein Wolkenschloss ist verlassen und beginnt zu zerbröckeln. Geisterwelt ist nun bloß eine weitere nicht bemerkenswerte menschliche Kolonie.

Sonst ist alles gleich geblieben. Wenn die Sonne sinkt, steigt der Nebel auf, und im Frühlicht fällt er wieder. Der Rote Geist erhebt sich schroff in den Morgen. In den dunstigen Wäldern lauern die Felskatzen wie früher.

Nur die Geister fehlen.

Nur die Geister.

„Otherwise the planet hasn’t changed much. The mists still rise at sunset, and fall at dawn. The Red Ghost is still stark and beautiful in the early morning light. The forests are still there, and the rockcats still prowl.

Only the wraiths are missing.

Only the wraiths.”

Eine seltsame Art von Schönheit

Menschen werden unterschiedliche Meinungen zu Martins Prosa haben, aber sie ist für gewöhnlich nicht einer der Gründe, warum sie sich an seine Schriften erinnern. Nicht, dass irgendetwas daran nicht in Ordnung wäre, aber er hat doch Zeilen geschrieben wie „der Anblick ihrer Erregung war erregend“ (A Dance With Dragons).

Dennoch, einer der größten Vorzüge besagter Prosa ist, dass sie Martins Geschick im Worldbuilding vorführt. Wenn ihr A Song of Ice and Fire (ASOIAF) gelesen habt, dann wisst ihr, wozu er fähig ist. Martin erschafft ganze Städte, komplexe Familienstammbäume, regionale Kulturen, reiche Geschichte und Mythologie, alles während er sie glaubhaft und fesselnd macht. Es ist kein Wunder, dass so viele Menschen mit akademischer Hingabe über die Serie diskutieren.

Ich habe dieses Geschick etwas vermisst, seit ich das GRRM-Leseprojekt begann. Die Welten, die er in seinen Kurzgeschichten erbaut, sind nicht schlecht, sie sind bloß auch nicht unvergesslich. Vielleicht ist das Format nicht hilfreich, aber Worldbuilding ist mehr als bloß lange Beschreibungen und Anhänge voller Namen. Tatsächlich zeigt Am Morgen fällt der Nebel, dass man diese nicht braucht, um einen Handlungsschauplatz zum Leben zu erwecken.

Trotz der generischen Namen („Geisterwelt“ und „Wolkenschloss“ passen da zu „Seven Kingdoms“ und „Narrow Sea“) fühlt der Handlungsschauplatz sich nie generisch an. Martins außergewöhnliches Geschick als Weltenbauer manifestiert sich darin, wie er Atmosphäre und Stimmung erzeugt. Die Welt wird greifbar nicht wegen dem, was er beschreibt, sondern wie er es beschreibt. Dies zieht sich durch die ganze Geschichte, und die Geisterwelt, der wir mit dem Erzähler begegnen, ist nach Dubowskis Expedition nicht mehr derselbe Planet.

Die Geisterwelt muss sich so überzeugend anfühlen, damit die Geschichte funktioniert. Wir müssen uns in ihre Schönheit und ihre Wunder verlieben, bevor wir betrauern können, was verlorenging, nachdem die Geister verschwunden sind. Dort finden wir die zentrale These der Geschichte.

Ewiger Krieg zwischen Sonne und Nebel

Ihr wisst, wie manchmal bloß eine Zeile eine ganze Geschichte auf eine andere Ebene heben kann? Die letzten beiden Sätze von Am Morgen fällt der Nebel haben diese Wirkung für mich. Meine Reaktion, als ich sie las, war ein Haufen Rufzeichen, denn diese beiden Sätze fassen den zentralen Konflikt der Geschichte zusammen und das, was sie sowohl schön als auch traurig macht.

Es gibt zwei Hauptspannungen in der Geschichte: der offensichtliche ständige Zusammenprall zwischen Sanders und Dubowski und der subtilere Kampf zwischen dem Nebel und der Sonne um die Länder von Geisterwelt. Beide Konflikte ergänzen einander und die Themen der Geschichte.

Sanders und Dubowski stehen von Anfang an gegen einander, nachdem sie sehr verschiedene Positionen verkörpern. Sanders ist leidenschaftlich und romantisch, ein Verteidiger von Geheimnis und Staunen, Hüter der unbeantworteten Fragen.

„Antworten“, knurrte er. „Antworten. Auf alles brauchen sie Antworten. Dabei sind die Fragen viel schöner. Warum lassen sie sie nicht in Frieden?“

„Answers. Always they have to have answers. But the questions are so much finer. Why can’t they leave them alone?”

Es ist nicht klar, wie sehr er wirklich an die Legenden von den Geistern glaubt oder wie weit ihm einfach nichts daran liegt, die Wahrheit zu kennen. Er will die Legende gleichwohl schützen, wegen des Zaubers und der Ehrfurchtwürdigkeit, die sie dem Planeten gibt.

Alle, die hier landen, hoffen insgeheim auf ein Abenteuer mit den Geistern – bilden sich ein, dass sie persönlich die Antwort auf das Rätsel finden werden.

Aber so einfach ist das nicht. Also schnallen sie einen Strahler um, streifen ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Wochen durch die Nebelwälder – und finden nichts. Na und? Sie können wiederkommen und sich noch einmal auf die Suche begeben. Der Traum bleibt, die Romantik, das Geheimnis.

„Each guy who touches down here is secretly hoping he’ll have an adventure with the wraiths, and find out all the answers personally. So he doesn’t. So he slaps on a blaster and wanders around the mist forests for a few days, or a few weeks, and finds nothing. So what? He can come back and search again. The dream is still there, and the romance, and the mystery.”

Es ist vielsagend, dass Sanders zusammen mit den Geistern verschwindet und sein Schicksal unbekannt ist. Es gibt für ihn keinen Platz in einer mittelmäßigen Menschenkolonie, einer unter tausenden, eine Welt, der all ihre Magie genommen wurde.

Dubowski ist derjenige, der für diese Verwandlung verantwortlich ist. Er ist exzessiv praktisch eingestellt, kalt gegenüber der Schönheit von Geisterwelt. Er erkundet den Planeten nicht, solange er nicht muss, und nimmt sich nie Zeit, um den Niedergang oder Aufgang des Nebels zu betrachten. Antworten sucht er nicht getrieben von Neugier, sondern von Arroganz. Er ist nicht böse, aber ihm fehlt Menschlichkeit.

Es herrschte Stille. Dann sagte Sanders niedergeschlagen: „Nur eine Frage – warum?“

Dubowskis Lächeln war wie fortgewischt. „Sie haben das nie verstanden, Sanders, was?“, fragte er. „Es ging mir um die Wahrheit. Ich wollte diesen Planeten von der Ignoranz befreien, vom Aberglauben.“

There was silence. Then Sanders spoke, but his voice was beaten. ‘Just one question,’ he said softly. ‘Why?’

That brought Dubowski up short, and his smile faded. ‘You never have understood, have you, Sanders?’ he said. ‘It was for truth. To free this planet from ignorance and superstition.’

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als hätte Dubowski gewonnen: seine Expedition ist erfolgreich, und er beweist, dass die Geister nicht real sind, genau wie er geglaubt hatte. Währenddessen verliert Sanders sein Unternehmen und alles, was er an Geisterwelt liebte. Und doch hat Sanders den existenziellen Sieg, nachdem die Erzählung für ihn Partei ergreift. Die Geschichte feiert nicht Dubowskis Entdeckungen, sondern betrauert den Verlust der Geister und von allem, was sie verkörperten. Am Ende wird Sanders recht gegeben.

(Martin ist ein Fan existenzieller Siege. Charaktere, die verlieren und scheitern und sterben, denen aber letztendlich von der Erzählung recht gegeben wird wegen der Entscheidungen, die sie trafen, und wegen der Werte, die sie verteidigten. Denkt hier an Ned Stark.)

Trotzdem sie eindeutig Partei für Sanders ergreift, fühlt die Geschichte sich nicht wissenschaftsfeindlich an. Das Problem mit Dubowski ist nie die Wissenschaft, die er repräsentiert, sondern seine kalte Einstellung zu ihr. Er will Antworten aus den falschen Gründen und bemüht sich nie darum, den Planeten wirklich zu kennen, den er angeblich erforscht.

Der Schlussdialog zwischen Dubowski und Sanders unterstreicht das gut. Sie diskutieren eine mögliche Kolonisation von Geisterwelt, wo nun die Expedition bewiesen hat, dass der Planet frei von Geistern ist:

„Sie haben die Geisterwelt nicht befreit, sondern zerstört. Sie haben sie ihrer Geheimnisse beraubt und nichts als Leere zurückgelassen.“

Dubowski widersprach. „Ich glaube, in diesem Punkt täuschen Sie sich. Man wird die eine oder andere Methode finden, um den Planeten wirtschaftlich zu nutzen. Der Mensch strebt nun mal vorwärts. Leute wie Sie stemmen sich immer und überall gegen den Fortschritt, aber das nützt nichts. Sie haben es selbst gesehen. Unsere Rasse braucht das Wissen.“

„Vielleicht“, seufzte Sanders. „Aber braucht sie nur das Wissen? Ich glaube es nicht. Ich glaube, sie braucht auch das Rätsel, die Poesie, die Romantik. Ich glaube, sie braucht ein paar Geheimnisse, damit sie grübeln und staunen kann.“

Dubowski war aufgestanden. „Dieses Gespräch ist ebenso sinnlos wie Ihre Philosophie, Sanders“, sagte er mit gerunzelter Stirn. „In meinem Universum gibt es keinen Raum für ungelöste Fragen.“

„Dann leben Sie in einem sehr öden Universum, Doktor.“

„‘You haven’t freed Wraithworld. You’ve destroyed it. You’ve stolen its wraiths, and left an empty planet.’

Dubowski shook his head. ‘I think you’re wrong. They’ll find plenty of good, profitable ways to exploit this planet. But even if you were correct, well, it’s just too bad. Knowledge is what man is all about. People like you have tried to hold back progress since the beginning of time. But they failed, and you failed. Man needs to know.’

‘Maybe,’ Sanders said. ‘But is that the only thing man needs? I don’t think so. I think he also needs mystery, and poetry, and romance. I think he needs a few unanswered questions to make him brood and wonder.’

Dubowski stood up abruptly, and frowned. ‘This conversation is as pointless as your philosophy, Sanders. There’s no room in my universe for unanswered questions.’

‘Then you live in a very drab universe, Doctor.’”

Dies ist nicht das letzte Mal, dass Martin ähnliche Fragen angeht: Dubowski ist bloß einer seiner exzessiv praktisch eingestellten Typen, für die keine Gefühle erlaubt sind, und das Narrativ widerlegt sie immer. Vergleicht den obigen Dialog zum Beispiel mit diesem aus A Song for Lya (1974) (dt. „Abschied von Lya“, ebenfalls in Traumlieder I enthalten):

„Sie glauben, die Shkeen haben eine Antwort auf die Mysterien der Schöpfung gefunden. Aber sehen Sie sie sich doch an. Die älteste zivilisierte Rasse des bekannten Weltraums, aber sie sitzen seit vierzehntausend Jahren in der Bronzezeit fest. Wir kamen zu ihnen. Wo sind ihre Raumschiffe? Wo sind ihre Türme?“

„Wo sind unsere Glocken?“ erwiderte ich. „Und unsere Freude? Sie sind glücklich, Dino. Sind wir es? Vielleicht haben sie gefunden, wonach wir noch suchen. Warum zum Teufel ist der Mensch überhaupt so besessen? Warum will er unbedingt die Galaxis, das Universum, überhaupt alles erobern? Vielleicht sucht er nur nach Gott…? Vielleicht. Er kann ihn aber nirgends finden, und deshalb treibt es ihn weiter, immer auf der Suche, aber am Ende immer wieder auf derselben dunklen Ebene, allein.“

„You think the Shkeen have found the answer to the mysteries of creation. But look at them. The oldest civilized race in known space, but they’ve been stuck in the Bronze Age for fourteen thousand years. We came to them. Where are their spaceships? Where are their towers?”

“Where are our bells?” I said. “And our joy? They’re happy, Dino. Are we? Maybe they’ve found what we’re still looking for. Why the hell is man so driven, anyway? Why is he out to conquer the galaxy, the universe, whatever? Looking for God, maybe…? Maybe. He can’t find him anywhere, though, so on he goes, on and on, always looking. But always back to the same darkling plain in the end.”

Was Martin in beiden Dialogen sagt, ist, dass wir mehr brauchen. Wir brauchen mehr als bloß die praktischen Aspekte des Lebens, mehr als bloß die Grundbedürfnisse. Antworten werden nicht genügen, weil das, wonach wir uns sehnen, diese unbeantwortbare, ungreifbare Sache ist. Wie brauchen Bedeutung, und Hoffnung, und Möglichkeit.

Geschichten können uns das geben. Spezifischer, Genregeschichten.

Wirklicher als wirklich

Wenige Schriftsteller verstehen den Reiz der Fantasy so gut wie Martin:

„Die besten Fantasy-Geschichten sprechen die Sprache der Träume. Sie sind so lebendig wie Träume, wirklicher als die Wirklichkeit… wenigstens für einen Augenblick… jenen langen, magischen Augenblick, ehe wir erwachen.

Fantasy ist silbern und scharlachrot, indigo- und azurblau, mit Gold und Lapislazuli geäderter Obsidian. Die Realität besteht aus Sperrholz und Plastik, verkleidet in Schlammbraun und Braunoliv. Fantasy schmeckt nach Habaneros und Honig, Zimt und Gewürznelken, blutigem rotem Fleisch und nach Weinen, süß wie der Sommer. Die Wirklichkeit besteht aus Bohnen und Tofu und wird am Ende zu Asche. Die Wirklichkeit, das sind die Einkaufszentren in Burbank, die Schornsteine von Cleveland, eine Parkgarage in Newark. Fantasy besteht aus den Türmen von Minas Tirith, den uralten Mauern vorn Ghormenghast, den Sälen von Camelot. Die Fantasy fliegt auf Ikarus‘ Schwingen, die Wirklichkeit mit Lufthansa. Warum schrumpfen unsere Träume so sehr zusammen, wenn sie Wirklichkeit werden?

Ich glaube, wir lesen Fantasy, um die Farben wiederzufinden. Um intensive Gewürze zu schmecken und dem Gesang der Sirenen zu lauschen. In der Fantasy liegt etwas Ursprüngliches, Wahrhaftiges, das uns tief in unserem Inneren anspricht und das Kind in uns erreicht, das davon träumte, dereinst im Nachtwald auf die Jagd zu gehen, zu Füßen der Hollow Hills ein Festgelage abzuhalten und irgendwo zwischen dem südlichen Oz und dem nördlichen Shangri-La die Liebe zu finden, die ein Leben überdauert.

Ihren Himmel können sie behalten. Wenn ich sterbe, gehe ich lieber nach Mittelerde.“

(George R. R. Martin in „Traumlieder II“, am Schluss von Die Erben der Schildkrötenburg)

“The best fantasy is written in the language of dreams. It is alive as dreams are alive, more real than real … for a moment at least … that long magic moment before we wake.

Fantasy is silver and scarlet, indigo and azure, obsidian veined with gold and lapis lazuli. Reality is plywood and plastic, done up in mud brown and olive drab. Fantasy tastes of habaneros and honey, cinnamon and cloves, rare red meat and wines as sweet as summer. Reality is beans and tofu, and ashes at the end. Reality is the strip malls of Burbank, the smokestacks of Cleveland, a parking garage in Newark. Fantasy is the towers of Minas Tirith, the ancient stones of Gormenghast, the halls of Camelot. Fantasy flies on the wings of Icarus, reality on Southwest Airlines. Why do our dreams become so much smaller when they finally come true?

We read fantasy to find the colors again, I think. To taste strong spices and hear the songs the sirens sang. There is something old and true in fantasy that speaks to something deep within us, to the child who dreamt that one day he would hunt the forests of the night, and feast beneath the hollow hills, and find a love to last forever somewhere south of Oz and north of Shangri-La.

They can keep their heaven. When I die, I’d sooner go to middle Earth.”(GRRM in On Fantasy)

Ich sage nicht, dass das eines der besten jemals geschriebenen Zitate ist, aber das ist es total.

Martins gesamte Bibliografie hindurch können wir diese Wertschätzung für die Fantasie in verschiedenen Formen sehen. Mit Geschichten wie ASOIAF etabliert er einen Dialog mit anderen Fantasy-Werken. Er untersucht und dekonstruiert populäre Konventionen und erinnert uns daran, warum wir sie überhaupt erst liebten. Dann gibt es Geschichten wie Am Morgen fällt der Nebel, die sich als Meta-Kommentar zur Bedeutung der Fantasie lesen – hier weniger als klar definiertes Genre und mehr als Vorstellungskraft und Traum.

Meta-Geschichten sind schwer zu schreiben, aber Am Morgen fällt der Nebel ist erfolgreich, weil es auch als unabhängige Geschichte funktioniert. Es fühlt sich nicht so an, als würde Martin uns einen Punkt einhämmern, sondern dass der Punkt eine Konsequenz der Geschichte ist, die er erzählt.

Martin zeigt uns eine Welt in den Nebeln der Fantasie, wo sich mysteriöse Kreaturen und bewegende Anblicke verbergen können. Es ist eine Welt voll von Möglichkeiten und unbeantworteten Fragen. Dann vertreibt das Licht von Dubowskis konkreten Antworten den Nebel, und es ist kein Zufall, dass die Geschichte nach diesem Phänomen benannt ist. Als wir die Geisterwelt wiedersehen, hat sich alles geändert. Oberflächlich besehen fehlen nur die Geister. Aber mit ihnen ist alles verschwunden, was sie verkörpern, die Stimmung, die Atmosphäre, die Bedeutung.

Zu dem Zeitpunkt, wo wir die letzte Zeile erreichen, scheint Am Morgen fällt der Nebel uns zu fragen: Seht ihr es jetzt? Seht ihr, warum wir die Geister brauchen, die Legenden, die Möglichkeiten? Warum wir Geheimnisse und Fantasie und unbeantwortete Fragen brauchen? Seht ihr jetzt, was diese Geschichten für uns tun können?

*      *      *

Im George R. R. Martin’s ‚Thousand Worlds‘ Universe Wiki gibt es auch einen kurzen Artikel über With Morning Comes Mistfall

Und hier gibt es noch einen Rezensions-Podcast der Bastards of Kingsgrave zu dieser Geschichte:

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