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Einsamkeit und Liebe in GRRMs „Abschied von Lya“

Von Priscilla Zorzi. Original: Loneliness and love in GRRM’s A Song for Lya, veröffentlicht am 1. Mai 2017 (The Fandomentals). Die hier wiedergegebenen GRRM-Zitate sind dem Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) entnommen, aus dem auch der hier von mir – dem Übersetzer – zur Einstimmung und als Leseprobe vor der Übersetzung von Priscilla Zorzis Artikel eingefügte Anfang von „Abschied von Lya“ stammt:

Die Städte der Shkeen sind alt, viel älter als die der Menschen, und die weite rostfarbene Metropole, die das heilige Hügelland überzog, war, wie es hieß, die älteste von allen. Diese Shkeen-Stadt hatte keinen Namen. Sie brauchte keinen. Obwohl die Shkeen Hunderte und Aberhunderte von Städten besaßen, kannte die Hügelstadt nicht ihresgleichen. Sie war die Erste an Größe und Einwohnerzahl, und sie allein beherrschte die heiligen Hügel. Sie war das Rom, das Mekka und Jerusalem dieser Welt. Sie war die Stadt, und alle Shkeen kamen hin in den letzten Tagen vor der Vereinigung.

Diese Stadt war bereits uralt, als Rom fiel, sie war mächtig und alt, als Babylon noch ein Traum war. Und doch sah man ihr das Alter nicht an. Ein menschliches Auge sah nichts als eine meilenweite Landschaft aus niedrigen Ziegelkuppeln; kleine Buckel aus rot gebranntem Lehm, die die Hügel bedeckten wie rötlicher Ausschlag. Im Innern der Kuppelhäuser war es düster und stickig. Die Räume waren eng, das Mobiliar primitiv.

Und doch war es keine trostlose Stadt. Tag um Tag brütete sie in den kahlen Hügeln dahin, unter einer sengenden Sonne, die wie eine überreife Melone am Himmel hing, und war doch voll Leben: Essensgerüche, der Lärm von Gelächter und Geplauder und spielenden Kindern, das geschäftige Treiben schwitzender Ziegelbrenner und Maurer, die die Kuppelhäuser instand hielten, der Glockenklang der Verbundenen in allen Straßen. Die Shkeen waren ein heiteres, lebensfrohes, fast kindliches Volk. Nichts an diesem Volk hätte auf hohes Alter oder gereifte Weisheit schließen lassen. Dies ist eine junge Rasse, sagte man sich, eine Kultur in ihrer Kindheit.

Nur hatte diese Kindheit bereits mehr als vierzehntausend Jahre gedauert.

Das eigentliche Kind war die Stadt der Menschen, noch keine zehn Erdenjahre alt. Sie war am Rand des Hügellands erbaut worden, zwischen der Shkeen-Metropole und der staubig-braunen Ebene, auf der der Raumhafen entstanden war. Nach menschlichen Begriffen war es eine schöne Stadt: offen und luftig, mit zierlichen Laubengängen und glitzernden Springbrunnen und weiten, baumgesäumten Boulevards. Die Gebäude waren aus Metall und farbigem Plastik und einheimischen Hölzern geschaffen worden, und die meisten waren niedrig, aus Rücksicht auf die Bauweise der Shkeen. Die meisten… der Administrativturm war die Ausnahme, eine polierte blaue Stahlnadel, die in den kristallklaren Himmel stieß.

Man konnte ihn aus weiter Entfernung sehen. Lyanna entdeckte ihn sogar schon vor der Landung, und wir bewunderten ihn aus der Luft. Die nüchternen Wolkenkratzer der Alten Erde und von Baldur waren höher, die fantastischen Netzstädte von Arachne waren weitaus schöner – aber jener schlanke blaue Turm war eindrucksvoll genug, wie er so in einsamer Größe über die heiligen Hügel emporragte.

Der Raumhafen lag fast zu Füßen des Turms, sodass wir nicht weit zu gehen gehabt hätten. Wir wurden jedoch abgeholt. Ein stromlinienförmiges, purpurnes Flugauto erwartete uns mit schnurrenden Maschinen am Fuß der Rampe, als wir von Bord gingen. Der Fahrer rekelte sich auf dem Steuersitz, und Dino Valcarenghi stand daneben, an eine Tür gelehnt, und sprach mit einem Adjudanten.

Valcarenghi war der Planetare Administrator, der Wunderknabe dieses Raumsektors. Jung natürlich, aber das wusste ich ja. Relativ klein, ein dunkler, gut aussehender Typ mit schwarzem, dicht gelocktem Haar und einem fröhlichen, überaus charmanten Lächeln.

*      *      *

Einsamkeit und Liebe in GRRMs „Abschied von Lya“

von Priscilla Zorzi

Die meisten Autoren hier auf The Fandomentals sind Fans von George R. R. Martins A Song of Ice and Fire (ab jetzt „GRRM“ und „ASOIAF“). Dadurch bin ich überhaupt erst auf diese Seite gestoßen. Aber wie viele von uns haben GRRMs andere, nicht mit ASOIAF zusammenhängende Geschichten gelesen? Vor ein paar Wochen wäre ich zuzugeben gezwungen gewesen, dass ich, trotzdem ich seine meisterhafte Fantasy-Serie fast obsessiv liebe, niemals irgendetwas anderes gelesen habe, das GRRM schrieb. Auftritt von A Song for Lya (dt. „Abschied von Lya“).

Es ist komisch, wie es Momente gibt, wo wir etwas über eine Geschichte erfahren – eine Zusammenfassung, ein Zitat, eine Analyse -, das uns beschließen lässt, dass wir sie lesen müssen. Nachdem ich diesen erstaunlichen Meta-Beitrag (Achtung, viele Spoiler) der Tumblr-Userin @joannalannister gefunden hatte, erkannte ich, dass ich A Song for Lya lesen musste. Ich musste wissen, warum die Geschichte so endete, wie sie es tat, und ob sie genauso faszinierend und herzzerreißend war wie ich dachte, dass sie sein könnte.

Für diejenigen von euch, die es nicht kennen, A Song for Lya ist eine Science-Fiction-Novelle, die erstmals 1974 im Analog Magazine veröffentlicht wurde. Sie ist eines von GRRMs ältesten veröffentlichten literarischen Werken und hat 1975 den Hugo Award für Best Novella gewonnen. Sie ist schnell und leicht zu lesen, in zwei Stunden war ich fertig. Und Spoileralarm, sie ist genauso faszinierend und herzzerreißend, wie ich dachte, dass sie sein könnte, und noch mehr.

Ab jetzt Spoileralarm für die ganze Geschichte (obwohl die Analyse großteils spoilerfrei ist).

Inhaltswarnung: Selbstmord.

Ein Lied von Weinen und Gefühlen

A Song for Lya folgt zwei Menschen mit besonderen Talenten auf einer verstörenden Mission, die sie auf den fernen Planeten Shkea führt. Unser Erzähler Robb ist ein Empath, der die Gefühle von Menschen lesen kann, und seine Geliebte Lyanna ist eine Telepathin mit der Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Lyanna ist ein großes Talent, und ihre Fähigkeiten sind stärker als die von Robb, aber auch fordernder.

Die Kultur von Shkea, eine der ältesten Zivilisationen im All, ist mehr als vierzehntausend Jahre alt. Doch ihre Einwohner, die humanoiden Shkeen, scheinen auf Dauer in der Bronzezeit festzustecken. Die Beziehung zwischen Menschen und Shkeen ist jung, und die menschliche Ansiedlung auf Shkea ist weniger als ein Jahrzehnt alt, aber es beginnen bereits Probleme zu entstehen.

Die Shkeen verehren einen klumpenförmigen Parasiten, der Greeshka genannt wird. Bevor sie vierzig werden, lässt jeder Shkeen sich bereitwillig langsam vom Greeshka fressen, ein Prozess, der Verbindung genannt wird. Bevor sie fünfzig sind, erreicht dieser Prozess sein Ende, die Letzte Vereinigung, bei der der besagte Shkeen vollständig absorbiert wird.

Dies könnte etwas sein, das uns Menschen nichts angeht, aber Dutzende Menschen schließen sich dem Kult der Vereinigung an. Aktuell entscheiden ein Prozent der Leute in der menschlichen Ansiedlung, um einen der Charaktere zu zitieren, „sich für eine Religion, die eine ganz abscheuliche Form von Selbstmord verlangt.“ Warum? Das ist die Frage, zu deren Beantwortung Robb und Lyanna herbeigerufen wurden, unter Verwendung ihrer Talente, um zu verstehen, was mit diesen Leuten los ist.

Mit der Hilfe des Planetaren Administrators Dino Valcarenghi, seinem Adjutanten Nelson Gourlay und der Exo-Anthropologin Laurie Blackburn, mit der Dino eine romantische Beziehung hat, beginnen Robb und Lyanna die Kultur der Shkeen zu verstehen. Für eine außerirdische Rasse sind die Shkeen uns bemerkenswert ähnlich, wie Robb bemerkt, als er die Gefühle der Shkeen zu lesen beginnt. Ihre Emotionen erscheinen ihm weniger komplex und primitiver als unsere, aber verständlich und real. Noch wichtiger ist, dass es keine selbstmörderischen Tendenzen oder irgendetwas Abnormales bei dieser Spezies gibt, die eine Selbstmordrate von 100 % hat.

Robb und Lyanna beginnen die Anziehungskraft der Vereinigung zu verstehen, als sie ihrem ersten verbundenen Shkeen begegnen. Das Greeshka ist ein geistloser Parasit, dem jegliches Bewusstsein fehlt, aber es ist das Medium, das die Vereinigten verbindet. Jene Verbundenen sind immer noch sie selbst, aber sie teilen ihre Gedanken und Gefühle miteinander. Und sie sind glücklich. Sie alle. Wie Lyanna feststellt:

„Sie lieben uns“, sagte sie. „Du musst das gespürt haben, aber ich weiß es, sie lieben uns wirklich. Und es ist so tief. Unter dieser Liebe ist wieder Liebe, und darunter wieder und wieder, bis ins Unendliche. Ihr Geist ist so tief, so offen. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Menschen so lesen konnte. Alles war da, greifbar, hat sich mir entgegengedrängt, ihr ganzes Leben und all ihre Träume und Gefühle und Erinnerungen und – oh, es war so unmittelbar, ich las, wie eine Pflanze das Sonnenlicht aufnimmt. Bei anderen, bei Menschen ist es so mühsam. Ich muss danach graben, ich muss kämpfen, und trotzdem komme ich oft nicht sehr tief.“

„They love us,” she said. “You must know that, but oh, I felt it, they do love us. And it’s so deep. Below that love there’s more love, and below that more, and on and on forever. Their minds are so deep, so open. I don’t think I’ve ever read a human that deeply. Everything is right at the surface, right there, their whole lives and all their dreams and feelings and memories and oh—I just took it in, swept it up with a reading, a glance. With men, with humans, it’s so much work. I have to dig, I have to fight, and even then I don’t get down very far.”

Der wiederholte Kontakt mit dem Geist der Verbundenen, besonders nachdem sie endlich den menschlichen Verbundenen Gustaffson und Kamenz begegnen, bringt Lyanna dazu, alles in Frage zu stellen, was sie über Liebe und Verbundenheit zu wissen glaubt. Nachdem sie Talente sind, können sie und Robb die Liebe auf eine Weise genießen, von der die meisten Menschen nur träumen können. Normale Menschen haben nur „eine Berührung und eine Stimme“, wie können sie einander kennen? Wie können sie wissen, dass sie geliebt werden? Sie sind immer getrennt, vermuten immer nur, versuchen ständig, einander zu erreichen. Aber nicht Lyanna und Robb. Sie sind die Glücklichen. Und doch:

„Die Verbundenen – wenn sie läuten – sie sind so beisammen, Robb. Alle sind eins. Fast so wie wir, wenn wir einander lieben. Und sie lieben einander auch. Und uns, sehr intensiv. Ich fühlte… ich weiß nicht recht. Gustaffson aber liebt mich so sehr wie du. Nein. Er liebt mich mehr. (…) Oh Robb. Bitte. Ich wollte dich nicht verletzen. Es liegt nicht an dir. Wir alle sind in derselben Lage. Was haben wir, verglichen mit ihnen?“

„The Joined—when they ring—they’re so together, Robb. All linked. Like us when we make love, almost. And they love each other, too. And they love us, so intensely. I felt—I don’t know. But Gustaffson loves me as much as you do. No. He loves me more. (…) Oh, Robb. Please. I don’t mean to hurt you. It’s not you. It’s all of us. What do we have, compared to them?”

Wenn das, was Lya und Robb haben, Liebe ist, was ist dann dieses Gefühl, an dem sie teilhat, wenn sie die Shkeen liest? Die Shkeen sind zusammen, wahrhaft zusammen. Lyanna und Robb kennen einander so gut, wie menschliche Wesen einander überhaupt kennen können, aber wieviel ist das?

„Ich lese dich, ja. Ich kann die Wörter in deinem Kopf herumrasseln hören, wenn du einen Satz formulierst, noch bevor du ihn aussprichst. (…) Aber das ist alles an der Oberfläche, Robb, ganz außen. Darunter liegt noch mehr, mehr von dir. Treibende Halbgedanken, die ich nicht ganz auffangen kann. Gefühle, die ich nicht benennen kann. Regungen, die du unterdrückst, und Erinnerungen, von denen du selbst nicht weißt, dass du sie besitzt. Manchmal dringe ich bis in diese Schicht durch. Manchmal. Wenn ich wirklich kämpfe, mich bis zur Erschöpfung anstrenge. Aber wenn ich dann dort bin, dann weiß ich – weiß ich -, dass darunter noch eine tiefere Schicht liegt. Und noch eine und noch eine, immer weiter, immer tiefer. Das alles kann ich nicht erreichen, Robb, obwohl es ein Teil von dir ist. Ich kenne dich nicht, ich kann dich nicht kennen. Du kennst ja nicht einmal dich selbst nicht wahr? Und mich, kennst du mich? Nein. Noch viel weniger.“

„I read you, yes. I can hear the words rattling around in your head as you fit a sentence together before saying it. (…) But it’s all on the surface, Robb, all on the top. Below it, there’s more, more of you. Drifting half-thoughts I don’t quite catch. Feelings I can’t put a name to. Passions you suppress, and memories even you don’t know you have. Sometimes I can get to that level. Sometimes. If I really fight, if I drain myself to exhaustion. But when I get there, I know—I know—that there’s another level below that. And more and more, on and on, down and down. I can’t reach them, Robb, though they’re part of you. I don’t know you. I can’t know you. You don’t even know yourself, see? And me, do you know me? No. Even less.”

Letztendlich sind Menschen immer irgendwie voneinander getrennt, „jeder allein in einem großen, dunklen, leeren Universum“. Aber nicht die Shkeen. Wenn das Greeshka sie absorbiert, werden sie Teil voneinander. Sie wissen alles, was es voneinander zu wissen gibt, jede Ebene, jede Schicht, das Gute und das Schlechte, und sie lieben einander dennoch zutiefst. Dies lässt Lyanna die Grenzen der menschlichen Liebe in Frage stellen:

„Und da sagst du, ich bin perfekt, und du liebst mich, und ich bin richtig für dich. Aber bin ich es? Robb, ich lese deine Gedanken. (…) Und ich bin alles dies, Robb, weil du es möchtest, weil ich dich liebe, weil ich in deinem Geist die Freude über alles fühle, was ich richtig mache. Ich hatte nie die Absicht, mich so zu verhalten, es geschah einfach. (…) Aber bist das wirklich du? Bin ich wirklich ich? Was ist, wenn ich kein Ideal bin, einfach nur ich selbst, mit all meinen Fehlern und Eigenschaften, die du nicht kennst, nicht wahrhaben willst? Würdest du mich dann immer noch lieben? Ich weiß es nicht. Aber Gustaffson würde es, und Kamenz. Das weiß ich, Robb. Ich habe es gesehen. Ich kenne sie. Bei den beiden gibt es keine Schichten mehr… Ich kenne sie, und wenn ich zurückginge zu ihnen, wäre ich mit ihnen tiefer verbunden als mit dir. Und sie kennen mich, mein wahres Wesen, alles von mir, glaube ich. Und sie lieben mich. Verstehst du jetzt?“

„You say I’m perfect, and that you love me. I’m so right for you. But am I? Robb, I read your thoughts. (…) I am those things, Robb, because you want me to be, because I love you, because I can feel the joy in your mind at every right thing that I do. I never set out to do it that way, but it happened. (…) But is it really you? Is it really me? What if I wasn’t perfect, you see, if I was just myself, with all my faults and the things you don’t like out in the open? Would you love me then? I don’t know. But Gustaffson would, and Kamenz. I know that, Robb. I saw it. I know them. Their levels… vanished. I KNOW them, and if I went back I could share with them, more than with you. And they know me, the real me, all of me, I think. And they love me. You see? You see?

Verzeiht mir, wenn ich übermäßig aus diesem Buch zitiere, aber die Dialoge zwischen Robb und Lyanna sind pures Gold, ein Beweis für Martins Erzählkunst.

Robb und Lyanna glauben, dass sie weitere Antworten finden können, wenn sie die Höhlen der Vereinigung besuchen, das Zuhause des Greeshka-Hauptklumpens und der Ort, wo die Letzte Vereinigung stattfindet. In der Nacht davor verschwindet Lyanna jedoch.

Überredet von Dino Valcarenghi besucht Robb die Höhlen ohne sie. Als er dem Haupt-Greeshka begegnet und dessen Gefühle zu lesen versucht, beginnt er zu verstehen, was die talentiertere Lyanna spürte:

Ich öffnete meinen Geist. Der Sturm packte mich. Aber es ist nicht richtig, es einen Sturm zu nennen. Es war ungeheuer und gewaltig und intensiv, brennend und blendend und atemberaubend. Aber es war auch friedvoll und sanft, mit einer Sanftheit, die heftiger war als menschlicher Hass. (…) Es erfüllte mich und machte mich gleichzeitig leer. Und irgendwo hörte ich die Glocken, ihren herben bronzenen Klang, einen Gesang von Liebe und Hingabe und Einssein, von Verbindung und Vereinigung und dem Ende aller Einsamkeit. (…) und seine Gewalt war die Gewalt der Liebe.

I opened myself. And the mindstorm hit. But it’s wrong to call it a mindstorm. It was immense and awesome and intense, searing and blinding and choking. But it was peaceful too, and gentle with a gentleness that was more violent than human hate. (…) It filled me and emptied me all at once. And I heard the bells somewhere, clanging a harsh bronze song, a song of love and surrender and togetherness, of joining and union and never being alone. (…) its violence was the violence of love.

Sich eins mit dem Universum fühlend, hätte Robb sich dem Greeshka an Ort und Stelle ausgeliefert, wenn Valcarenghi nicht eingegriffen hätte. Er wacht ein paar Stunden später auf, und Lyanna ist immer noch fort.

In der Nacht träumt er, allein auf einer dunklen Ebene zu sein, und sie kommt zu ihm. Sie sagt, dass sie nicht länger an diesem Ort bleiben konnte, für immer allein, mit nur einer Berührung und einer Stimme, um sie weitermachen zu lassen. Die Vereinigung hatte sie gerufen, jede Nacht konnte sie den Geistessturm fühlen, den Robb in der Höhle gespürt hatte. Und sie hatte sich damit verbunden. Durch ihr Talent war sie das Teilen gewöhnt, es hatte sie dafür bereit gemacht, direkt in die Letzte Vereinigung zu gehen.

Lya ist nun mit Milliarden von Shkeen verbunden, mit allen Shkeen, die in mehr als vierzehntausend Jahren gelebt und sich der Vereinigung angeschlossen hatten. Nun werden sie ewig leben, einander vollständig kennen, dazugehören und an einer unsterblichen Liebe teilhaben. Sie wird nie wieder allein sein. Sie und Robb waren die Glücklichen, aber dies ist besser. Und sie möchte, dass Robb ein Teil dieses Glücks wird. Sich mit ihnen vereinigt. Sich mit ihr vereinigt und sie liebt, wie er es niemals zuvor konnte.

Aber Robb tut das nicht.

Als er aufwacht, weiß er, dass dies nicht bloß ein Traum war. Und er weiß, dass er Shkea so bald wie möglich verlassen muss, weil er sonst vielleicht nicht der Versuchung widerstehen könnte, Lya zu folgen. Bevor er abreist, erzählt er Valcarenghi, was er gelernt hat:

„Das ist der Grund, warum Ihre Leute konvertieren, Dino, warum Menschen zur Vereinigung übertreten. Sie haben Gott gefunden, oder zumindest das Gottähnlichste, was sie je finden werden. Die Vereinigung ist ein Massenintellekt, ein unsterblicher, milliardenfacher Geist, eine Wesenseinheit in Liebe. (…) Er hat vielleicht nicht das Universum geschaffen, aber er/es besteht aus Liebe, aus reiner Liebe, und es heißt doch immer, dass Gott Liebe ist, nicht wahr? Oder vielleicht ist das, was wir Liebe nennen, ein winziger Teil von Gott. Es ist mir gleich, was nun stimmt, jedenfalls ist die Vereinigung Gott. Das Ende der Suche für die Shkeen, und für die Menschen auch. Wir sind ihnen sehr ähnlich, so ähnlich, dass es schmerzt.“

„That’s why your men are converting, Dino, that’s why people are going over. They’ve found God, or as much of a God as they’re ever likely to find. The Union is a mass-mind, an immortal mass-mind, many in one, all love. (…) Maybe it didn’t create the universe, but it’s love, pure love, and they say that God is love, don’t they? Or maybe what we call love is a tiny piece of God. I don’t care, whatever it is, the Union is it. The end of the search for the Shkeen, and for Man too. We’re alike after all, we’re so alike it hurts.”

Der gesamte Austausch zwischen ihnen ist wundervoll, weil Dino die emotionale Bandbreite eines Teelöffels hat und nicht überzeugt ist.

Als er Shkea verlässt, fragt Robb sich, warum er Lya nicht folgte, wenn er glaubte, was er Valcarenghi erzählt hatte, wenn er fühlen konnte, was sie fühlte:

„Vielleicht, weil ich nicht sicher bin. Vielleicht, weil ich immer noch hoffe, auf etwas, das größer ist und mehr Liebe schenkt als die Vereinigung, auf den Gott, von dem man mir vor so langer Zeit erzählt hat. Vielleicht gehe ich ein Risiko ein… doch ein Teil von mir glaubt noch immer. Aber wenn ich mich irre… dann ist es die Dunkelheit, und die leere Ebene… Vielleicht ist es aber etwas anderes, (…) vielleicht gibt es eine menschliche Lösung, eine Möglichkeit, nicht allein zu sein und doch Mensch zu bleiben.“

„Maybe because I’m not sure. Maybe I still hope, for something still greater and more loving than the Union, for the God they told me of so long ago. Maybe I’m taking a risk, because part of me still believes. But if I’m wrong… then the darkness, and the plain… But maybe it’s something else, (…) perhaps there is a human answer, to reach and join and not be alone, and yet to still be men.”

Laurie Blackburn reist ebenfalls nach Hause, im selben Schiff wie Robb. Es wird angedeutet, dass sie den Planeten wegen Dino verlässt, der ihr alles gegeben hatte, was sie sich nur wünschen konnte, „außer sich selbst“. Robb und Laurie verbringen die Nacht miteinander, beide mit gebrochenem Herzen, aber immer noch menschlich, und lindern sich gegenseitig die Dunkelheit.

Obwohl das emotional niederschmetternde Ende bald offensichtlich wird, ist das kaum wichtig. Die Novelle ist schön geschrieben, eine berührende und herzzerreißende Geschichte mit reichen und komplexen Charakteren, die wichtige Fragen über die menschliche Verfasstheit aufwirft und über die Beziehungen, die wir zueinander herstellen.

Wenn ihr denkt, GRRM sei ein Nihilist, dann habt ihr nicht aufgepasst

Ich muss gestehen, dass ich es nicht vermeiden kann und auch nicht wirklich vermeiden will, durch meine Linse als Fan von ASOIAF zu schauen. Es fasziniert mich, in dieser Geschichte einige der Themen zu sehen, die in ASOIAF eine große Rolle spielen werden. Über vertraute Namen wie „Robb“ und „Lyanna“ hinaus, über Lieder und Türme hinaus, handelt A Song for Lya von Isolation, von Beziehungen und vom Versuch, die Dunkelheit gemeinsam zu ertragen. Es ist „das menschliche Herz im Widerstreit mit sich selbst“ in seiner besten Form.

Ich habe immer Schwierigkeiten damit gehabt, Leser zu verstehen, die Martin als Nihilisten sehen und ASOIAF als eine Überhöhung von „grimdark“, und diese Novelle bestärkte diese Meinung. Ja, mir ist bewusst, dass Westeros ein Höllenloch voller Gewalt und Vergewaltigungen und Eiszombies ist, wo jeder, den wir lieben, auf schreckliche Weise stirbt. Ja, mir ist bewusst, dass A Song for Lya im Grunde andeutet, dass wir für immer allein in der Dunkelheit sein werden, unfähig, einander zu erreichen, sofern wir nicht von einem Parasiten verschlungen werden. Ja. Aber darum geht es nicht.

Nur weil GRRM nicht vor den hässlichen Teilen zurückscheut, bedeutet das nicht, dass er sie glorifiziert. Er beschönigt einfach nicht die Härten unserer Wirklichkeit, und das ist in A Song for Lya noch deutlicher. Erwartet von ihm kein standardmäßiges Fantasy-Happy-End, wo alle guten Charaktere ein langes und erfüllendes Leben haben und alle Bösen bekommen, was sie verdienen. Das Leben funktioniert nicht so, und er weiß es. Nicht jeder bekommt ein glückliches Leben bis ans Ende seiner Tage, warum so tun, als sei es nicht so? Er kann uns keine Gewissheiten geben, weil es keine gibt. Er kann uns keine leichten Antworten geben, weil sie nicht existieren. Das einzige, das er uns geben kann, ist Hoffnung. Bloß die Hoffnung eines Narren, wie mir gesagt wurde.

Und das gibt er uns. A Song for Lya ist eine herzzerreißende Geschichte mit einem düsteren und traurigen Ende. Es ist auch ein hoffnungsvolles Ende. Es ist ein Ende, das zugibt, dass die Welt manchmal irgendwie Scheiße ist, es ist nicht so, als hätten wir sie so geplant, sie ist einfach so, wie sie ist. Aber hey, da gibt es dieses Licht am Ende des Tunnels, es gibt diese Möglichkeit, dass wir die dunkle Ebene weniger dunkel machen, und sei es nur für einen Moment, und geht es nicht irgendwie darum?

Die dunkle Ebene ist nicht das, worum es geht, sondern um die Berührung und die Stimme. Es geht nicht um das „grimdark“, sondern darum, wie man es überlebt, und um die Wertschätzung der kleinen Momente und Verbindungen, die uns weitermachen lassen.

Und wir sind hier auf einer dunklen Ebene

Das Konzept einer „dunklen Ebene“, das eine zentrale Rolle in A Song for Lya spielt, stammt aus einem Gedicht namens Dover Beach von Matthew Arnold:

Ah, love, let us be true
To one another! for the world, which seems
To lie before us like a land of dreams,
So various, so beautiful, so new,
Hath really neither joy, nor love, nor light,
Nor certitude, nor peace, nor help for pain;
And we are here as on a darkling plain
Swept with confused alarms of struggle and flight,
Where ignorant armies clash by night.

Obwohl das Gedicht nicht direkt zitiert wird, wird ständig darauf Bezug genommen, und es heißt, dass es eines von Lyannas Lieblingsgedichten ist.

In A Song for Lya ist das Alleinsein auf einer dunklen Ebene ein Teil dessen, was es heißt, menschlich zu sein. Wir können einander finden, einander erreichen, ja, aber wie sehr? Für wie lange? Kennen wir einander jemals wirklich? Könnten wir das? Würden wir einander lieben, wenn wir alles wüssten, was es zu wissen gibt, über uns selbst und über den anderen?

Die Shkeen bieten die ultimative Liebe, mit Ganzheit, Zusammensein, niemals wieder allein sein. Es ist verführerisch, richtig? Und doch nimmt es das weg, was uns zu… uns macht. Wir sind unvollständige Kreaturen, jeder von uns auf seine eigene besondere Weise fehlerhaft. Und weil wir fehlerhaft sind, weil uns etwas fehlt, entwickeln wir unsere Träume, unsere Wünsche, unsere Ziele. Wir handeln, wir erschaffen, wir stellen Verbindungen her, zu Menschen, zu Dingen, zu Orten. Wenn wir ganz würden, wenn wir eins mit dem Universum würden, würden wir das dann immer noch tun? Wären wir dann immer noch wir?

Und seht uns an. Wie schön ist es, dass wir, selbst so unvollkommen und mangelhaft wie wir sind, mit unserer beschränkten und unvollständigen Liebe, dennoch solch starke Verbindungen herstellen können? Dass wir die Dunkelheit dennoch zurückweisen können, und sei es nur für kurze Momente? Und obwohl wir müde und allein sind, machen wir weiter, schmieden wir weiterhin neue Beziehungen, lieben wir weiterhin. Wir sind die Glücklichen, auch wenn die dunkle Ebene immer noch da ist.

A Song for Lya feiert die Verbindungen, deren Schaffung uns doch gelingt, die kleinen Momente, wo wir uns nicht allein fühlen, und unsere Fähigkeit zur Liebe selbst inmitten von Verlust und Furcht. Und es sind nicht nur Menschen: wir können Trost finden in der Kunst, in unseren Haustieren, in der Natur, an Orten… sogar in Geschichten. Ich stellte einen Bezug zu diesem Buch her, es bedeutete mir etwas, es machte meine dunkle Ebene ein bisschen weniger dunkel. Denkt darüber nach: ein 68jähriger amerikanischer Schriftsteller erzählte vor mehr als vierzig Jahren eine Geschichte, und diese Geschichte erreichte mich, sie fand Widerhall bei mir, sie bewegte mich, auch wenn er niemals davon erfährt. Wie erstaunlich wundervoll das ist? Und nun werdet ihr, meine Leser, ein Teil davon, teilt dieses Gefühl, baut eure eigenen Gedanken drumherum.

Ja, alles, was wir haben, ist eine Berührung und eine Stimme. Aber oh Junge, wie mächtig können diese sein.

*      *      *

Im George R. R. Martin’s ‚Thousand Worlds‘ Universe Wiki gibt es auch einen Artikel über A Song for Lya (im deutschen Tausend-Welten-Wiki gibt es keinen dazu).

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