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GRRMs „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ untersucht Isolation und Furcht

Von Priscilla Zorzi. Original: GRRM’s The Second Kind of Loneliness explores isolation and fear, veröffentlicht am 29. Januar 2018 (The Fandomentals). Die hier wiedergegebenen GRRM-Zitate sind dem Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) entnommen, aus dem auch der hier von mir – dem Übersetzer – zur Einstimmung und als Leseprobe vor der Übersetzung von Priscilla Zorzis Artikel eingefügte Anfang von „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ stammt:

18. Juni: Meine Ablösung hat die Erde verlassen.

Es wird mindestens drei Monate dauern, bis er hier ankommt, natürlich. Aber er ist unterwegs.

Heute hat er vom Kap abgehoben, genau wie ich damals, vor vier langen Jahren. Draußen, auf der Komarov-Station, wird er auf eine Mondfähre umsteigen, dann im Orbit um Luna wieder umsteigen, in der Tiefraum-Station. Dort wird seine Reise wirklich beginnen. Bis dahin war er noch immer in seinem eigenen Hinterhof.

Erst wenn die Charon von der Tiefraum-Station ablegt und in die Nacht aufbricht, wird er es fühlen, wirklich fühlen, so wie ich es vor vier Jahren gefühlt habe. Erst wenn Erde und Luna hinter ihm verschwinden, wird es ihn treffen. Er hat natürlich von Anfang an gewusst, dass es keine Umkehr gibt. Aber es ist ein Unterschied, ob man es weiß oder fühlt. Jetzt wird er es fühlen.

Es wird einen orbitalen Zwischenaufenthalt über Mars geben, um Vorräte nach Burroughs City hinunterzuschicken, und weitere Aufenthalte im Gürtel. Aber dann wird die Charon beschleunigen. Sie wird sehr schnell sein, wenn sie den Jupiter erreicht, und viel schneller, wenn sie an ihm vorbeipeitscht, die Schwerkraft des riesigen Planeten wie ein Katapult benutzt, um ihre Beschleunigung hochzutreiben.

Danach gibt es keine Aufenthalte mehr für die Charon. Überhaupt keine Aufenthalte, bis sie mich hier draußen am Cerberus-Sternenring, sechs Millionen Meilen jenseits der Plutobahn, erreichen.

Mein Nachfolger wird viel Zeit zum Grübeln haben. Wie ich damals.

Ich grüble auch jetzt noch, heute, vier Jahre später. Aber andererseits gibt es hier draußen nicht viel zu tun. Ringschiffe kommen ziemlich selten, und nach einer Weile wird man der Filme und Bänder und Bücher ziemlich überdrüssig. Also grübelt man. Man denkt über seine Vergangenheit hach und träumt von seiner Zukunft. Und man versucht, die Einsamkeit und die Langeweile davon abzuhalten, einen aus dem eigenen Schädel zu vertreiben.

Es waren vier lange Jahre, aber jetzt sind sie fast vorbei. Und es wird schön sein, zurückzukehren. Ich möchte wieder auf Gras gehen und Wolken sehen und ein Eiscreme-Sundae essen.

Aber trotz allem: Ich bedaure nicht, hierhergekommen zu sein. Diese vier Jahre allein in der Dunkelheit haben mir gutgetan, glaube ich. Es ist nicht so, dass ich viel zurückgelassen hätte. Meine Tage auf der Erde erscheinen mir jetzt weit weg, aber wenn ich es versuche, kann ich mich noch daran erinnern. Die Erinnerungen sind gar nicht so angenehm. Ich war damals wohl ziemlich kaputt.

Ich habe Zeit zum Nachdenken gebraucht, und das ist etwas, das man hier draußen bekommt. Der Mann, der an Bord der Charon zurückreist, wird nicht derselbe sein, der vor vier Jahren hier herauskam. Ich werde auf der Erde ein ganz neues Leben anfangen. Ich weiß, dass ich es tun werde.

20. Juni: Ein Schiff heute.

Ich wusste natürlich nicht, dass es kommen würde. Ich weiß es nie. Die Ringschiffe kommen unregelmäßig, und die Art von Energien, mit denen ich hier draußen spiele, verwandeln Funksignale in knatterndes Chaos. Als sich das Schiff endlich durch die Statik gepresst hatte, hatten es die Ortungsgeräte der Station bereits registriert und mir gemeldet.

Es war eindeutig ein Ringschiff. Viel größer als die Rosteimer der alten Modellserie, zu der auch die Charon gehört, und schwer gepanzert, um den Belastungen des Nullraum-Strudels widerstehen zu können. Es kam direkt hierher, ohne auch nur den Ansatz eines Bremsmanövers.

Während ich zum Kontrollraum hinunterhetzte, um mich an die Kontrollen zu setzen, kam mir ein Gedanke. Dies könnte das letzte sein. Wahrscheinlich nicht – natürlich. Noch immer lagen drei Monate vor mir, und das ist Zeit genug für ein Dutzend Schiffe. Aber man kann es nie wissen. Die Ringschiffe kommen unregelmäßig, wie gesagt.

Irgendwie störte mich der Gedanke. Die Schiffe waren jetzt vier Jahre lang Teil meines Lebens. Ein wichtiger Teil. Und dieses eine heute könnte das letzte sein. Wenn ja, dann möchte ich es ganz hier drinnen haben. Ich möchte mich daran erinnern. Aus gutem Grund, glaube ich. Wenn die Schiffe kommen, macht das alles andere lebenswert.

Der Kontrollraum liegt im Herzen meiner Behausungen. Er ist das Zentrum von allem hier, der Punkt, an dem die Nerven und Sehnen und Muskeln der Station zusammengefasst sind. Aber er ist nicht besonders eindrucksvoll. Der Raum ist sehr klein, und sobald die Tür zugleitet, sind die Wände und der Boden und die Decke alle konturenloses Weiß.

Es gibt nur eines in diesem Raum: eine hufeisenförmige Konsole, die einen einzelnen gepolsterten Sessel umgürtet.

Ich setzte mich zum möglicherweise letzten Mal in diesen Sessel. Ich schnallte mich an und setzte den Kopfhörer auf und senkte den Helm. Ich griff nach den Kontrollen, berührte sie und schaltete sie ein.

Und der Kontrollraum verschwand.

*      *      *

GRRMs „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ untersucht Isolation und Furcht

Von Priscilla Zorzi

Im Sommer 1971 schrieb George R. R. Martin (GRRM) im Durchschnitt alle zwei Wochen eine Geschichte. Obwohl er eine schwierige Zeit seines Lebens durchmachte, schuf er insgesamt sieben Geschichten. Alle sollten zum einen oder anderen Zeitpunkt verkauft werden, obwohl manche „vier oder fünf Jahre und eine Anzahl Ablehnungen“ brauchen würden. Zwei dieser Geschichten wurden zu wichtigen Meilensteinen für ihn: The Second Kind of Loneliness und With Morning Comes Mistfall („Am Morgen fällt der Nebel“). Martin glaubte, dass diese beiden seine Karriere als Schriftsteller entscheiden würden, denn:

„Das waren in meinen Augen starke Geschichten, das Beste, zu dem ich fähig war. Wenn die Herausgeber sie nicht wollten, verstand ich vielleicht nicht, was eine gute Story ausmachte… oder, noch schlimmer, meine besten Arbeiten waren einfach nicht gut genug.“ (George R. R. Martin in Traumlieder I, „Der schmutzige Profi“)

“These were strong stories, I was convinced, the best work that I was capable of. If the editors did not want them, maybe I did not understand what makes a good story after all . . . or maybe my best work was just not good enough.” (George R. R. Martin – Dreamsongs vol. I)

Die zweite Stufe der Einsamkeit wurde als letzte geschrieben, aber als erste veröffentlicht. Es war die Titelgeschichte der Dezemberausgabe 1972 von Analog, mit einem schönen Cover von Frank Kelly Freas, von dem GRRM es zutiefst bereut, dass er es nicht gekauft hatte, als er die Chance hatte.

Dem Autor zufolge war The Second Kind of Loneliness

„wie eine schwärende Wunde, schmerzhaft zu schreiben, schmerzhaft zu lesen. Für meine Schriftstellerei stellte sie einen echten Durchbruch dar. Meine früheren Geschichten waren ausschließlich aus dem Kopf gekommen, aber diese kam aus dem Herzen und auch aus den Eiern. Es war die erste Geschichte, bei der ich mich verletzlich fühlte, die erste Story, bei der ich mich fragte: Will ich denn wirklich, dass Leute so etwas lesen?“ (George R. R. Martin – Traumlieder I, „Der schmutzige Profi“)

„an open wound of a story, painful to write, painful to read. It represented a real breakthrough for my writing. My earlier stories had come wholly from the head, but this one came from the heart and the balls as well. It was the first story I ever wrote that truly left me feeling vulnerable, the first story that ever made me ask myself, ‘Do I really want to let people read this?’” (George R. R. Martin – Dreamsongs vol. I)

Wir haben Glück, dass er es uns lesen ließ, sehen wir es uns also an.

Zwei Arten von Einsamkeit

Ab hier Spoiler für “Die zweite Stufe der Einsamkeit”

Sechs Millionen Meilen jenseits des Pluto befindet sich ein winziges Loch im Weltraum. Es kann mit wahnsinnigen Energiemengen vergrößert und aufgerissen werden, wodurch es zu einem Gebilde ähnlich einem Wurmloch wird: der Nullraum-Strudel. Um ihn herum wurde der Cerberus-Sternenring gebaut, ein silberner Ring mit über hundert Meilen Durchmesser, der die nötige Energie liefert, um diesen Strudel zu erwecken. Durch den Nullraum können Ringschiffe ferne Planeten und Erdkolonien erreichen.

The Second Kind of Loneliness ist als Tagebuch eines namenlosen Erzählers geschrieben, der den Cerberus-Sternenring als einziger bemannt. Seine Aufgabe ist es, „ein Loch im Weltraum zu bewachen“ und die Öffnung des Nullraum-Strudels für Ringschiffe zu kontrollieren. Wir folgen seinen Aufzeichnungen ab dem Moment, wo er erfährt, dass sein Ersatzmann auf dem Weg ist. Nach vier Jahren am Sternenring bleiben dem Erzähler nur noch drei Monate, bevor die Charon eintrifft, um ihn nach Hause zu bringen. Seine Erzählung erforscht seine Gefühle während jener letzten Monate und die Gründe, die ihn in den Weltraum brachten.

Es stellt sich heraus, dass der Erzähler auf der Erde sehr einsam war, und mit einer tieferen Einsamkeit, als das einzige Besatzungsmitglied eines fernen Sternenrings zu sein. Er wollte geliebt werden, das Gefühl haben, gebraucht zu werden, daher projizierte er diese Gefühle auf eine Frau namens Karen. Karen wollte aber bloß mit ihm befreundet sein, und der Erzähler konnte mit dieser Zurückweisung nicht fertig werden. Also isolierte er sich im Weltraum.

So wie die Tage vergehen, wird der Erzähler zunehmend hin und her gerissen, ob er sich dafür bereit fühlt, zur Erde zurückzukehren, oder nicht. Er beginnt Alpträume über Karen und andere Momente der Isolation und Verletzlichkeit zu bekommen, und diese Träume weichen nur, wenn er die Sterne und den Nullraum-Strudel durch Hologrammprojektionen anstarrt. Da die Ringschiffe in unregelmäßigen Abständen kommen, kann jedes Mal, wo er den Strudel bewundert, das letzte Mal sein.

Der Tag, an dem die Charon hätte eintreffen sollen, kommt und geht, und das Schiff ist aus unbekannten Gründen verspätet. Der Erzähler verbringt immer mehr Zeit draußen. Er erweckt sogar den Strudel, ohne dass irgendwelche Ringschiffe in der Nähe sind, etwas, von dem er weiß, dass es verboten ist. Dies veranlasst ihn dazu den Ring für seine Ablösung in Ordnung zu bringen, und an diesem Punkt erfährt er die schreckliche Wahrheit.

Die Charon hatte sich nicht verspätet, sondern war vor Monaten angekommen. Überwältigt von gemischten Gefühlen und unwissend, was sein Ersatzmann von ihm denken würde, hatte der Erzähler beschlossen, den Nullraum-Strudel zu erwecken, als die Charon gerade zum Andocken herankam. Das Schiff überlebte den Impakt nicht, aber es gab keine Trümmer, was es leicht machte, alles zu vergessen. Der Erzähler hat monatelang in der falschen Zeit gelebt,

Beim letzten Tagebucheintrag springt das Datum ein paar Monate zurück. Der Erzähler findet heraus, dass sein Kalender aus irgendeinem Grund kaputt ist, aber wenigstens hat er gerade erfahren, dass sein Ersatzmann unterwegs ist.

Die vielen Schichten von GRRM

Ich habe diese Geschichte ein paar Male gelesen, und ich bin immer noch nicht sicher, was ich von ihr halten soll. Manchmal stören mich ihre Mängel, manchmal tun sie es nicht. Es gibt Zeiten wo ich den Hauptcharakter nachvollziehbar finde, zu anderen Zeiten finde ich ihn bemitleidenswert, zu anderen verachtenswert, und dann wieder alle drei zusammen. Ich denke mir jedes Mal, wenn ich sie lese, eine neue Interpretation aus, und andere Leser mögen wieder eine andere Sicht darauf haben.

Das ist gut, glaube ich. The Second Kind of Loneliness hat viel, in das wir unsere Zähne schlagen können, mit mehr Schichten und mehr Tiefe als irgendeines von Martins vorherigen Werken. Ich kann verstehen, warum er sich verwundbar fühlte, als er sie schuf: es ist eine sehr intime Geschichte. Das Tagebuchformat bestärkt diesen Eindruck, aber die ausführliche Untersuchung der Gefühle und Ängste des Erzählers geht viel weiter als irgendeine der Geschichten, die er davor geschrieben hat. Es ist eine charaktergetriebene Erzählung, etwas, in dem Martin sich später hervortun sollte.

Die Geschichte enthält auch Themen und Konzepte, die in GRRMs nachfolgenden Werken wiederkehren werden, etwas, für das ich mich besonders interessiere.

Unzuverlässige Erzähler

Fans von A Song of Ice and Fire (ASOIAF) wird Martins Vorliebe für unzuverlässige Erzähler bekannt sein. Von allen Perspektivcharakteren in dieser Serie kann man annehmen, dass sie voreingenommen sind oder unfähig, sich an alle Fakten richtig zu erinnern, was passt, wenn man jemandes Perspektive eng folgt. Wir sind nicht objektiv in unserer Wahrnehmung von Personen oder Ereignissen, daher ergibt es Sinn, dass die Charaktere, von denen wir lesen, es auch nicht sein werden.

Mir gefällt, wie Martin mit dem unzuverlässigen Erzähler in The Second Kind of Loneliness umgeht. Wir beginnen sehr bald, an seinem Charakter zu zweifeln, sowohl in seinen Bekräftigungen, dass er über Karen hinweg sei, und dass er sich nicht vor dem Leben auf der Erde fürchte. Noch bevor er bestätigt, dass das nicht der Fall ist, haben wir den Eindruck, dass er nicht völlig ehrlich zu sich selbst ist.

Von einer Tagebucheintragung zur nächsten ändern sich die Gefühle des Erzählers. Nicht in einer Weise, die sich nicht zusammenpassend anfühlt, sondern in einer Weise, die uns ihn als Informationsquelle in Frage stellen lässt. Die finale Wendung konsolidiert natürlich den Charakter als unzuverlässigen Erzähler.

Ich persönlich fand diese Wendung schlecht vorbereitet, zumindest verglichen mit Martins Geschick, bedeutende Ereignisse in ASOIAF vorab anzudeuten. Es ist auch nicht klar, wie der Erzähler die Wahrheit herausfand, daher erschien mir die ganze Umsetzung dieser Handlungswendung ein bisschen ungeschickt. Eine Sache jedoch, die mir gefällt, ist, dass wir im Unklaren bleiben, wie lange das schon so geht. War es das erste Mal, dass er den Kalender zurückgesetzt und alles vergessen hat? Oder vielleicht nicht? Die letztere Möglichkeit ist beunruhigend.

Das ist es, wo unzuverlässige Erzähler für mich am besten funktionieren. Sie erinnern uns daran, dass wir die Darstellung einer Person lesen, und diese sind niemals objektiv oder unparteiisch. Warum neigen wir überhaupt dazu, alles zu glauben, was unsere Erzähler sagen? Und wie viele Geschichten können wahrhaft objektiv sein?

Darstellungen versus Befürwortungen

Hier auf The Fandomentals reden wir viel darüber, wie sehr Darstellung nicht unbedingt Befürwortung bedeutet. Autoren, die sich mit delikaten Themen oder problematischen Charakteren befassen, haben eine Menge Arbeit vor sich, um sicherzustellen, dass dies nicht der Fall ist.

The Second Kind of Loneliness war in dieser Hinsicht eine ziemliche Herausforderung: wie vermeidet man es, eines Charakters problematische Verhaltensweisen und Überzeugungen zu billigen, wenn dieser Charakter die einzige Informationsquelle ist? Dafür ist eine Menge Geschick nötig, aber Martin hat es.

Die Erzählung vermeidet es, die Handlungen des Hauptcharakters zu billigen, weil sie zeigt, dass seine Mentalität letztendlich für ihn selbst und Menschen um ihn schädlich ist. Martin bewegt sich hier auf einem schmalen Grat, weil er es auch vermeidet, seinen Charakter zu dämonisieren. Dasselbe geschieht mit Karen, die leicht hätte negativ dargestellt werden können, weil sie den Erzähler in der Friendzone gehalten hatte. Im Gegenteil, uns wird gezeigt, dass es falsch vom Erzähler war, seine Fantasien auf sie zu projizieren.

Während sie weit davon entfernt ist, ein voll ausgeformter Charakter zu sein, ist Karen eine eigenständige Person jenseits der Erinnerungen und Fantasien des Erzählers. Es ist recht vielsagend, dass sie einen Namen hat, wo der Erzähler selbst namenlos bleibt, fast als ob sie eine Personalität hätte, die dem Erzähler fehlt. Wie wir aus Martins späterem Werk lernen, sind Namen wichtig.

Illusion & Wahlmöglichkeit

„Es wird natürlich alles mit Hologrammen gemacht. Ich weiß das. Aber wenn ich in diesem Sessel sitze, macht das nicht den geringsten Unterschied, denn ich bin nicht mehr drinnen. Ich bin dort draußen, im Nichts. Die Kontrollkonsole ist noch da, dazu der Sessel. Aber der Rest ist verschwunden. Stattdessen ist die schmerzende Finsternis überall, über mir, unter mir, rings um mich. Die ferne Sonne ist nur ein Stern unter vielen, und alle Sterne sind schrecklich weit entfernt.“

„It’s all done with holographs, of course. I know that. But that doesn’t make a bit of difference when I’m sitting in that chair.”

Neben seiner Verwendung des unzuverlässigen Erzählers präsentiert The Second Kind of Loneliness auch ständig einen Konflikt zwischen Illusion und Wirklichkeit. Der Erzähler entscheidet sich wiederholt für erstere, und das ist ein zentraler Bestandteil dessen, was ihn zum Scheitern verurteilt.

Der Erzähler kann nicht damit fertig werden, dass die wirkliche Karen nicht seinen Erwartungen entspricht. Während er besagte Erwartungen zugibt, möchte er auch „eine andere Karen“ finden. Aber das ist nicht der Punkt! Der Punkt ist nicht, jemanden zu finden, der endlich den eigenen Fantasien entspricht, sondern selbige Fantasien zu hinterfragen. Der Punkt ist, Erwartungen zu haben, die wirkliche Menschen erfüllen können, und dazu fähig zu sein, jene Menschen als das zu akzeptieren, was sie sind.

Der Erzähler entscheidet sich dafür, die Sterne und den Nullraum-Strudel zu betrachten, obwohl er weiß, dass das, was er sieht, bloß Hologramme sind. Er sitzt lieber grübelnd im Weltraum, als sich dem wirklichen Leben auf der Erde oder einer der Kolonien zu stellen. Er vergisst seine Handlungen, statt sich der Realität dessen zu stellen, was er getan hat.

„Die ganze Zeit viel zu beschäftigt damit, die Sterne zu beobachten, anstatt zu tun, was ich hätte tun sollen.“

„Too busy star watching at the time to do what I should have been doing.”

Einer meiner liebsten Aspekte der Geschichte ist, wie sehr der Erzähler Handlungsmacht hat und sein tragisches Schicksal ein Ergebnis seiner eigenen Entscheidungen ist. Das ist ein weiteres wiederkehrendes Element in Martins Geschichten: was seinen Charakteren passiert, ist mit ihren eigenen Handlungen oder deren Fehlen verbunden. Das Richtige zu tun ist nicht leicht und wird einen nicht immer belohnen, aber man hat eine Wahl.

Ich verstehe, dass der Erzähler von The Second Kind of Loneliness sich in einer zerbrechlichen Position befindet. Vier Jahre allein im Weltraum tut der geistigen Gesundheit nichts Gutes, besonders wo angedeutet wird, dass seine Kommunikation mit anderen Menschen sehr beschränkt ist. Dennoch entschuldigt das nicht seine Handlungen und Entscheidungen, besonders hinsichtlich des Schicksals der Charon.

Abgesehen davon, dass er sich ständig für die Illusion und gegen die Wirklichkeit entscheidet, entscheidet der Erzähler sich für seine Angst vor dem Leben. Sowohl die Erde als auch die Kolonien sind voller Möglichkeiten, die er erforschen kann, aber er muss sich für sie entscheiden und dabei die Risiken akzeptieren, die sie mit sich bringen. Am Ende ist seine Furcht so groß, dass er sich große Mühe gibt zu vermeiden, sich dem Leben zu stellen. Aber nicht zu handeln ist ebenfalls eine Entscheidung.

Jetzt nicht mehr ausschließlich Karen, auch ältere Erinnerungen. Unendlich weniger bedeutungsvoll, aber doch schmerzhaft. All die dummen Dinge, die ich gesagt habe, all die Mädchen, denen ich nie begegnet bin, all die Dinge, die ich nie getan habe.“

„Older memories too. Infinitely less meaningful, but still painful. All the stupid things I’ve said, all the girls I never met, all the things I never did.“

Abgesehen von der Zurückweisung durch Karen scheinen die schmerzlichen Gedanken des Erzählers mehr mit Dingen verbunden zu sein, die er nicht getan hatte, als mit jenen, die er getan hatte. Dem Leben zu entsagen ist auch eine der größten Quellen seiner Einsamkeit, besonders der zweiten Art.

Es gibt eine interessante (wenn auch ein bisschen zu sehr auf die Nase gebundene) Symbolik mit den Namen, die Martin aus der griechischen Mythologie entlehnt. Charon ist der Fährmann, der die Seelen der frisch Verstorbenen in die Unterwelt bringt, die von Cerberus bewacht wird. In The Second Kind of Loneliness nimmt der Erzähler den Cerberus-Sternenring für sich in Beschlag und vernichtet die Charon, um die Lebenden am Zutritt zu hindern und den Toten an der Abreise. Er schließt sich von den Möglichkeiten des Lebens aus, sei es die Erde oder ihre Kolonien.

Und warum? Nun, weil die Welt der Lebenden Zurückweisung, Verletzlichkeit, Enttäuschung, Scheitern… und Einsamkeit enthält. Beider Arten.

Über die zweite Art der Einsamkeit

„Ich weiß Bescheid über die Einsamkeit. Sie ist immer das Hauptthema meines Lebens gewesen. Ich bin allein gewesen, solange ich mich erinnern kann. Aber es gibt zwei Stufen von Einsamkeit.“

„I know about loneliness. It’s been the theme of my life. I’ve been alone for as long as I can remember. But there are two kinds of loneliness.”

Das Hauptthema dieser Geschichte ist natürlich die Einsamkeit. Schon früh präsentiert uns der Erzähler die Idee, dass es zwei Arten von Einsamkeit gibt. Die erste ist das, was der Alltagsverstand uns sagt, die physische Isolation von anderen Menschen. Es ist die Isolation eines Leuchtturms oder des Mannes zwischen den Sternen. Sie kann unerträglich sein, aber auch angenehm, schön, feierlich:

„Es ist schön hier draußen. Einsam, ja. Aber solch eine Einsamkeit! Man ist allein mit dem Universum, die Sterne breiten sich einem zu Füßen aus und sind einem rings um den Kopf verstreut.“

„It’s beautiful out here. Lonely, yes. But such a loneliness! You’re alone with the universe, the stars spread out at your feet and scattered around your head.”

Aber das ist nicht alles:

„Und dann gibt es die zweite Stufe der Einsamkeit. Für diese Einsamkeit braucht man den Cerberus-Sternenring nicht. Man kann sie überall auf der Erde finden. Ich weiß es. Ich habe sie überall gefunden, überall, wo ich hingegangen bin, bei allem, was ich getan habe. Es ist die Einsamkeit jener Leute, die in sich selbst gefangen sind. Die Einsamkeit von Leuten, die so oft das Falsche gesagt haben, dass sie überhaupt nicht mehr den Mut haben, noch irgendetwas zu sagen. Die Einsamkeit… nicht die der Ferne, sondern die der Angst. Die Einsamkeit von Leuten, die allein in möblierten Zimmern in überbevölkerten Städten sitzen, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen können, und niemanden haben, mit dem sie reden könnten. Die Einsamkeit von Burschen, die in Bars gehen, um jemanden anzusprechen, nur um zu entdecken, dass sie nicht wissen, wie man eine Unterhaltung anfängt, und auch gar nicht den Mut dazu hätten, selbst wenn sie es wüssten. Es ist keine Erhabenheit an dieser Art von Einsamkeit. Kein Zweck und keine Poesie. Es ist Einsamkeit ohne Bedeutung. Sie ist traurig und verkommen und armselig, und sie stinkt nach Selbstmitleid.“

„And then there is the second kind of loneliness. You don’t need the Cerberus Star Ring for that kind. You can find it anywhere on Earth. I know. I did. I found it everywhere I went, in everything I did. It’s the loneliness of people trapped within themselves. The loneliness of people who have said the wrong thing so often that they don’t have the courage to say anything anymore. The loneliness, not of distance, but of fear. The loneliness of people who sit alone in furnished rooms in crowded cities, because they’ve got nowhere to go and no one to talk to. The loneliness of guys who go to bars to meet someone, only to discover they don’t know how to strike up a conversation, and wouldn’t have the courage to do so if they did. There’s no grandeur to that kind of loneliness. No purpose and no poetry. It’s loneliness without meaning.”

So wie ich das sehe, ist die zweite Art von Einsamkeit Isolation auf emotionaler Ebene. Es ist, wenn man von Leuten umgeben ist und sich dennoch allein fühlt. Es ist das Gefühl, dass niemand einen versteht oder hört oder sieht, zumindest nicht die wirkliche Person, die man ist. Unser Erzähler weiß sehr gut, welche Art von Einsamkeit er am meisten fürchtet:

„Oh ja, es tut manchmal weh, allein unter den Sternen zu sein. Aber es schmerzt viel mehr, auf einer Party allein zu sein. Viel mehr.“

„Oh yes, it hurts at times to be alone among the stars. But it hurts a lot more to be alone at a party. A lot more.”

Ich würde behaupten, dass beide Arten der Einsamkeit einen Tribut von dem Erzähler gefordert haben, aber es war die zweite Art der Einsamkeit, die die meisten seiner Entscheidungen antrieb. Im Cerberus-Sternenring hatte er ständig mit der ersten Einsamkeit zu tun, aber auf der Erde oder ihren Kolonien wäre die zweite Art offenkundig. Seine Gefühle der Unzulänglichkeit, der Verwundbarkeit, seine Furcht, allein zu sein, seine Unfähigkeit, andere Menschen zu erreichen und erreicht zu werden… all das würde bloßgelegt werden.

Das ist es, wo ich den Erzähler am meisten nachempfinden kann. Immerhin, wie gehen wir damit um? Wir können physische Isolation leicht lösen, aber wie beheben wir die zweite Art von Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein wiederkehrendes Thema in George R. R. Martins Werken. Selbst in A Song of Ice and Fire kommt sie ständig vor, mit ihren vertreuten Perspektivcharakteren, den in Türme eingesperrten Damen, Königen und Königinnen ohne Freunde, einsamen Wölfen auf der Suche nach ihrem Rudel, isolierten Häusern und Königreichen trotz der Notwendigkeit, sich zu vereinen.

Jedoch ist es „Ein Lied für Lya“, an das ich mich bei dieser Geschichte am meisten erinnerte. A Song for Lya, das ein paar Jahre nach The Second Kind of Loneliness geschrieben wurde, untersucht das Thema Einsamkeit ebenfalls ausführlich. Nehmt zum Beispiel Robbs Traum am Ende der Novelle:

„Ich war jetzt allein, für immer allein, und ich wusste es. Es lag in der Natur der Dinge. Ich war die einzige Realität des Universums, ich fror und war hungrig und hatte Angst, und die Gestalten kamen näher, unmenschlich, unerbittlich. Und es gab niemanden mehr, den ich rufen, an den ich mich wenden konnte, der meine Schreie hören würde. Es hatte nie jemanden gegeben. Es würde nie jemanden geben.“

„I was alone, forever alone, and I knew it. That was the nature of things. I was the only reality in the universe, and I was cold and hungry and frightened, and the shapes were moving toward me, inhuman and inexorable. And there was no one to call to, no one to turn to, no one to hear my cries. There never had been anyone. There never would be anyone.”

In beiden Geschichten hat die Einsamkeit eine Art von äußerlicher Verkörperung. Für The Second Kind of Loneliness ist es der Cerberus-Sternenring mit seinem Nullraum-Strudel. Für A Song for Lya ist es „die unendliche dunkle Ebene mit ihrem sternenlosen Himmel und ihren schwarzen Gestalten in der Ferne“.

Die Einsamkeit, die wir in A Song for Lya sehen, ist ebenfalls von der zweiten Art. Das ist die Einsamkeit, die alle Menschen erleben, selbst jene, die fähig sind, so zusammen zu sein, wie es zwei Menschen nur sein können. Das ist die Einsamkeit, der sie endlich ein Ende setzen können, um „für immer und ewig zusammen zu sein, zusammengehören und zu teilen.“

Die beiden Geschichten ergänzen einander. Wo The Second Kind of Loneliness uns ein Problem präsentiert und uns eine Frage stellt, bietet A Song for Lya uns eine Lösung – zu einem hohen persönlichen Preis – und das einer Antwort am nächsten Kommende, das wir bekommen werden:

„Vielleicht, weil ich immer noch hoffe, auf etwas, das größer ist und mehr Liebe schenkt als die Vereinigung, auf den Gott, von dem man mir vor so langer Zeit erzählt hat. Vielleicht gehe ich ein Risiko ein… doch ein Teil von mir glaubt noch immer. Aber wenn ich mich irre… dann ist es die Dunkelheit und die leere Ebene… […] Wenn das so ist, dann gibt es vielleicht eine menschliche Lösung, eine Möglichkeit, nicht allein zu sein und doch Mensch zu bleiben.“

„Maybe I still hope, for something still greater and more loving than the Union, for the God they told me of so long ago. Maybe I’m taking a risk, because part of me still believes. But if I’m wrong . . . then the darkness, and the plain . . . But maybe it’s something else […] Perhaps there is a human answer, to reach and join and not be alone, and yet to still be men.”

Es ist eine Nicht-Antwort, eine Erneuerung der Suche. Beide Geschichten scheinen zu sagen, dass man die zweite Art der Einsamkeit nicht wirklich beenden kann, nicht für immer. An irgendeinem Punkt wird es Enttäuschung geben, Zurückweisung, Verlust, Kummer, Schmerz. Es ist ein Teil der menschlichen Erfahrung, und niemand kann das für einen fühlen. Niemand kann alles über einen wissen oder genau das tun, was man erwartet, oder einen vervollständigen. Es wird immer eine Art von Kluft zwischen einem selbst und anderen geben. Das Leben auf der Erde kann zuweilen beängstigend und langweilig und hässlich sein. Darum kann man sich nicht herumschwindeln.

Und doch sagen beide Geschichten auch, dass wir einander zu finden versuchen sollten. Wir müssen uns darum bemühen, uns mit jenen fernen Sternen zu verbinden. Was immer uns an Verbindungen gelingt, wird noch kostbarer, weil wir die Anstrengung dahinter kennen und wissen, wie viel sie bedeuten können. Wir müssen versuchen, uns dem Leben in all seiner Tragödie und Herrlichkeit zu stellen. Nichts Gutes kommt daraus, wenn wir es nicht tun.

Abschließende Gedanken

Trotz seiner Mängel ist The Second Kind of Loneliness eine intime und verstörende Geschichte, die ihren Lesern viel zum Nachdenken gibt. Sie ist isoliert ein guter Lesestoff, aber sie funktioniert noch besser, wenn man die Gesamtheit von GRRMs Werk und seine späteren Untersuchungen seiner Themen betrachtet. Kein Wortspiel beabsichtigt, schätze ich?

Das nächste Mal werden wir das andere Kind des Sommers von 1971 lesen, das schöne und evokative „With Morning Comes Mistfall” (GRRMs „Am Morgen fällt der Nebel“ ist ein Liebesbrief an die Fantasie).

*      *      *

Weitere Rezensionen von Priscilla Zorzi:

Götter und Worldbuilding in GRRMs „Das bleiche Kind mit dem Schwert“

Einsamkeit und Liebe in GRRMs „Abschied von Lya“

Siehe auch meine Buchvorstellung George R. R. Martins „Die Flamme erlischt“; in diesem Roman geht es ebenfalls um einen Protagonisten, der seine Geliebte zurückzugewinnen versucht, die er verloren hatte, weil er eine Fantasie namens Jenny auf sie projiziert hatte, statt sie als die reale Gwen Delvano zu lieben. Und auch die Bedeutung von Namen spielt darin eine Rolle („Gib einem Ding einen Namen, und es beginnt zu existieren.“).

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