Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten

Das GRRM-Leseprojekt und unsere Beziehung zu Content-Schöpfern

Von Priscilla Zorzi. Original: The GRRM Reading Project and Our Relationship with Content Creators, veröffentlicht am 7. August 2017 (The Fandomentals). Die hier wiedergegebenen GRRM-Zitate sind dem Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) entnommen.

Im Laufe der letzten paar Jahre wurde A Song of Ice and Fire von George R. R. Martin (GRRM) zu einem meiner meistgeliebten Fandoms. Dies sind keine Bücher, die ich jedem empfehlen würde, aber sie gaben mir viel von dem, wonach ich in einer Geschichte suche: komplexe und überzeugende Charaktere, eine reiche und sorgfältig gestaltete Welt, Themen, die mir am Herzen liegen, und eine tiefe Liebe zum Fantasy-Genre, übersetzt in eine Rekonstruktion einiger ihrer klassischen Konzepte. Leider werden wir den nächsten Teil dieser Reihe nicht so bald sehen. Wie befriedigen wir unser Bedürfnis nach GRRMs spannenden Schriften?

GRRMS Karriere auf A Song of Ice and Fire (ASOIAF) zu reduzieren ist eigentlich unfair. Er begann in den 70ern professionell zu schreiben, verkaufte 1971 seine erste Geschichte, wurde erstmals 1974 für den Hugo und den Nebula Award nominiert und veröffentlichte 1977 seinen ersten Roman. Während er für seine epische Fantasy-Serie am bekanntesten ist, veröffentlichte GRRM auch fünf andere Romane und über 60 Kurzgeschichten, schrieb mehrere Fernsehdrehbücher und wurde Herausgeber der von mehreren Autoren verfassten Serie Wild Cards, für die er ebenfalls Geschichten schrieb. Sein Schreiben umfasst das, was möglicherweise meine drei Lieblingsgenres sind: Fantasy, Science Fiction und Horror.

Trotz meiner leichten ASOIAF-Obsession machte ich mir bis vor sehr kurzer Zeit nicht die Mühe, mir GRRMs andere Werke anzusehen. Kennt ihr diese Geschichten, die genau in dem Moment in euer Leben treten, wo sie die meiste Wirkung auf euch haben? A Song for Lya war für mich eine dieser Geschichten und wurde schnell zu einem Favoriten. Deshalb fragte ich mich, welche anderen Schätze und potenziellen Lieblingsgeschichten in GRRMs Bibliografie verborgen sein könnten.

Daher werde ich im Laufe der nächsten paar Monate GRRMs Geschichten außerhalb von ASOIAF erforschen und meine literarischen Abenteuer für euch dokumentieren. Ich möchte jede Geschichte für sich analysieren, aber ich werde auch nach Verbindungen zu seinen anderen Werken suchen, die ich bisher gelesen habe (einschließlich ASOIAF). Willkommen beim GRRM Reading Project!

Eine RRetrospektive

Einer der besten Ausgangspunkte für GRRMs Schriften dürfte Dreamsongs: a RRetrospective sein [deutsch: Traumlieder 1, Traumlieder 2 und Traumlieder 3]. Ursprünglich 2003 veröffentlicht und in zwei Bände unterteilt, sammelt Dreamsongs 34 Geschichten, einschließlich mehrerer Kurzgeschichten, zwei TV-Drehbücher und zwei von GRRMs Beiträgen zu Wild Cards. Es ist in neun thematische Abschnitte unterteilt und mehr oder weniger in chronologischer Reihenfolge arrangiert.

Die karriereüberspannende Kollektion gibt uns viel Futter, einschließlich mehrerer von GRRMs relevantester Geschichten. Manche seiner älteren Werke wären andernfalls schwer zu finden, zumindest dort, wo ich lebe – einem schrecklichen fremden Land, in dem A Game of Thrones erst 2010 veröffentlicht wurde. [Priscilla Zorzi ist Brasilianierin.]

Abgesehen von der Einleitung des Projekts war meine Absicht bei diesem ersten Text, einige von GRRMs älteren Schriften zu untersuchen. Jedoch fand ich mich bald in eine andere Geschichte vertieft: die Geschichte von George R. R. Martin selbst.

Was ich nicht wusste: Dreamsongs enthält auch autobiografische Texte. Vor jedem Themenabschnitt gibt es einen Kommentar von GRRM selbst, in dem er diesen Teil seiner Karriere diskutiert, oder was ihn zu einem bestimmten Genre brachte, oder die Einflüsse hinter bestimmten Geschichten.

Ehrlich gesagt liebe ich Reden darüber, wie es hinter den Kulissen zugeht. Natürlich sollten Geschichten für sich selbst sprechen, aber der Blick auf den kreativen Prozess kann faszinierend sein. Und die Einflüsse und Referenzen meiner Lieblingsautoren anzusehen ist eine gute Möglichkeit, neue Medien zu entdecken, die ich potenziell lieben könnte. Und was ist das Leben anderes als eine lange Liste von Fandoms, denen wir uns erst noch anschließen müssen?

Ich lese auch gerne autobiografische oder non-fiction-Texte meiner Lieblingsautoren. Es ist etwas Liebenswertes an Geschichten über die Dinosaurierphase des jungen George oder seine Nächte, in denen er „im Gras neben dem Kill van Kull lag und über das Licht der fernen Sterne sinnierte“. Eine der größten Stärke in GRRMs Schreiben ist, dass so viel Herz darin steckt, er lädt einen zu so viel Gefühl ein, es liegt so viel Poesie darin. Seine autobiografischen Schriften sind keine Ausnahme.

Es gibt darin auch eine Menge Humor. Ich konnte nicht anders, als über das „Schildkrötenäquivalent von Mordor“ zu lachen oder über kleine Schmankerln wie dieses:

„Ich lernte mithilfe von Dick, Jane und Sally und ihrem Hund Spot zu lesen. Lauf, Spot, lauf. Schau nur, wie Spot läuft. Hat sich jemals irgendwer gefragt, weshalb dieser Hund unablässig in der Gegend herumrennt? Er flieht vor Dick, Jane und Sally, der langweiligsten Familie der Welt.“

Seine Erinnerungen geben auch einen großartigen Einblick in den Zustand des Fandoms in den 60ern. Von Superheldencomics bis zu Science-Fiction-Fernsehserien, George war ein Fanboy wie jeder von uns. Er schrieb Geschichten für Fanzines (wenngleich keine Fanfiction, wie er zu betonen pflegte), er besuchte Conventions, er schrieb Briefe an seine Lieblingsautoren, er begegnete anderen Fans, die später ebenfalls selbst Schriftsteller werden sollten. Und ich fange gar nicht erst mit seiner Reaktion auf Tolkien an. Er war so vertieft in die ganze Sache, genauso wie wir es oft sind.

Content Creators und wir

Da ich selbst eine angehende Künstlerin und Schriftstellerin bin, habe ich eine riesige Schwäche für kreativ Tätige, die ihren eigenen Prozess und ihr Kunsthandwerk diskutieren. Noch mehr als die unterhaltsamen Anekdoten sind die autobiografischen Teile von Dreamsongs inspirierend für jeden, der gern seine eigenen Kreationen zum Leben erweckt.

Von dem Jungen, der Geschichten über Gehirne in Goldfischgläsern schrieb, bis zum international erfolgreichen Bestsellerautor, der als der „amerikanische Tolkien“ bezeichnet wird, war der Weg lang und nicht immer leicht. GRRMs frühere Jahre als professioneller Schriftsteller waren so voll von Unsicherheiten und Frustrationen, dass ich nicht anders kann, als mich selbst in seinen Worten zu sehen.

Seine Karriere ist heute der Traum eines Schriftstellers (minus die beschissene TV-Adaptation seines Meisterwerks), daher ist es inspirierend zu sehen, dass er es mit vielen derselben Hürden zu tun hatte wie auch ich. Wie zum Beispiel, als er erkannte, wie wenig er wirklich im Vergleich zu anderen Schriftstellern produzierte, oder als eine seiner Kurzgeschichten 42 Ablehnungen zusammenbrachte (!), bevor sie endlich veröffentlicht wurde (es ist immer noch sein persönlicher Rekord).

Dennoch, der Preis für „am nachvollziehbarsten“ geht an den Teil, wo der junge George dachte, dass er nach dem College in seiner eigenen Wohnung leben, eine Freundin gewinnen und in einem richtigen Job anfangen würde, nur dass nichts davon passierte. Stattdessen bekam er einen Teilzeitjob im Department of Parks and Recreation (bitte, lasst jemand dieses Crossover stattfinden). Er glaubte, dass seine Jahre am College vergeudet gewesen seien und er für immer in diesem Leben festhängen würde. Aber er schrieb weiter.

In diesem Sommer vollendete er im Durchschnitt alle zwei Wochen eine Geschichte. Insgesamt sieben Geschichten, einschließlich With Morning Comes Mistfall, seine erste Nominierung für den Hugo und den Nebula Award. Alle sieben Geschichten wurden schließlich veröffentlicht, obwohl es bei manchen Jahre dauern sollte. Über diesen Sommer merkt er an:

„Der Sommer 1971 war der Wendepunkt in meinem Leben. Wenn ich eine Anstellung als Journalist gefunden hätte, dann wäre aus mir höchstwahrscheinlich ein Durchschnittstyp geworden, einer mit festem Monatsgehalt und Krankenversicherung. (…) Aber die Umstände zwangen mich, das zu tun, was ich am meisten liebte.“

Und wahrscheinlich mein Lieblingsteil:

„Während des nächsten Jahrzehnts organisierte ich Schachturniere und hielt Vorlesungen am College, aber das waren nur Dinge, die ich tat, um die Miete zu bezahlen. Wenn mich Leute nach dem Sommer ’71 fragten, was ich war, sagte ich immer: ‚Schriftsteller‘.“

Die autobiografischen Inhalte von Dreamsongs erweckten so viele Gefühle in mir wie irgendeine von GRRMs Geschichten. Ich weiß, wie seine Geschichte ausgeht, aber wie bei ASOIAF ist das, was zählt, die Reise, nicht das Ziel. Indem ich mich selbst in dieser Reise sehe, erkenne ich, wie viel unsere Lieblingsautoren uns über die Geschichten hinaus bedeuten, die sie erschaffen.

Das ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschehen ist. Ich erinnere mich an meine Freude als Teenager, als ich entdeckte, dass J. K. Rowling eine Frau war. Ich fühle jedes Mal etwas Ähnliches, wenn ein Schriftsteller, den ich bewundere, mit Problemen zu tun hat, die ich auch habe. Oder wenn ich diese Listen von Leuten sehe, die sich in den Betätigungsfeldern ihrer Wahl hervortaten, obwohl sie erst später im Leben damit anfingen.

Wir reden immer darüber, wie sehr Geschichten uns beeinflussen, aber ihre Schöpfer spielen ebenfalls eine Rolle. Dies ist besonders wichtig für angehende Kreative mit sozial marginalisierten Identitäten. Jedes Mal, wenn wir sehen, dass jemand wie wir die Karriere hat, die wir wollen, oder sich die Träume erfüllt, die wir uns zu erfüllen hoffen, fühlen wir uns weniger allein. Wir erkennen, dass wir es vielleicht auch können.

Es ist auch wichtig für alle von uns, die sich in irgendeiner Eigenschaft in der Schaffung von Medien betätigen wollen – als Autoren, Regisseure, Illustratoren, Schauspieler, Kostümdesigner, was ihr wollt -, ehrlich bezüglich unserer Schwierigkeiten zu sein. Manchmal, wenn wir Leute ansehen, die dort sind, wo wir eines Tages zu sein hoffen, sehen wir nicht viel von den Nöten, mit denen sie es zu tun hatten. Wir sehen nicht die Ablehnungen, die unvollendeten Entwürfe, die aufgegebenen Ideen, die gescheiterten Vorsprachen, die zahllosen Stunden des Studiums und der Übung. Wir sehen nicht die Selbstzweifel, die Herausforderungen, ihre geistige Gesundheit zu bewahren, die Momente, in denen sie beinahe aufgaben.

Wenn wir einen ehrlichen Dialog über unsere gemeinsamen Träume und Hindernisse haben, schaffen wir ein Gemeinschaftsgefühl, und dieses Gefühl macht uns stärker. Wie ein weiser Mann einst sagte, ist es gefährlich, allein zu gehen. Kunst ist ein Akt des Trotzes, und Trotz ist nicht leicht, daher müssen wir so viel Kraft aufbringen wie wir können. Natürlich variiert das von Mensch zu Mensch, und manche von uns sind privilegierter oder glücklicher als andere; aber jeder musste sich seinen Weg irgendwie erkämpfen, und die Reise einer anderen Person kann uns auf unserer eigenen inspirieren.

Manche Leute genießen einfach ihre Lieblingsgeschichten, und da ist nichts falsch daran, aber andere entwickeln eine Beziehung zu den Schöpfern dieser Geschichten. Wir wollen mehr über sie erfahren, wir lassen uns von ihren Worten und von ihrem Leben inspirieren, wir stellen Erwartungen an sie und ihre Geschichten. Manchmal können diese Erwartungen zu hoch sein, und wir sollten immer daran denken, dass der Schöpfer auch nur ein Mensch ist. Das ist keine seltsame Diskussion unter GRRM-Fans, sei es wegen der in seinen Schriften zu findenden problematischen Dinge oder wegen seines berüchtigten Schreibtempos. Die Grenzen dessen, was Fans zur fordern berechtigt sind, und dessen was zu Anspruchsdenken von Fans wird, verdienen einen eigenen Artikel, aber fürs erste sage ich: wichtiger, als makellos zu sein, ist wie Autoren mit ihren Schwächen und Fehlern umgehen.

Ich bin nicht sicher, ob Medienschaffende wissen, wie sehr sie Menschen beeinflussen – nicht nur mit ihren Schriften, sondern auch mit sich selbst. Mit dem, was sie sagen, wie sie ich verhalten, was sie uns über ihren Schaffensprozess wissen lassen, mit den Positionen, die sie zu relevanten Fragen einnehmen, mit allem. Ist das nicht faszinierend? Wie jemand, dem ich nie begegnet bin, der nicht weiß, dass ich existiere und es wahrscheinlich nie wissen wird, mich inspirieren kann?

Letztendlich ist es fair, dass dieses Projekt nach GRRM benannt ist: es geht dabei auch um ihn, um alles, das ich an seinen Schriften liebe und inspirierend finde, und darum, wie das mich und mehrere andere bei ihren eigenen Geschichten ermutigen kann. Das bedeutet wahrscheinlich, dass ich jetzt superhohe Erwartungen an seine Geschichten habe, aber wie könnte es anders sein? Durch seine fiktiven Welten, Charaktere, Themen folgen wir nicht bloß jemandes Karriere, sondern auch der Verwirklichung seiner Träume. Und wer weiß, wie viele andere Schriftsteller diese Geschichten ebenfalls zu ihren Einflüssen zählen werden?

Ich sehe euch in ein paar Wochen, diesmal mit GRRM flirts with fanfiction in „Only Kids are Afraid of the Dark“.

*       *       *

Bisher von mir übersetzte Artikel aus Priscilla Zorzis GRRM-Leseprojekt:

GRRMs „Am Morgen fällt der Nebel“ ist ein Liebesbrief an die Fantasie

Götter und Worldbuilding in GRRMs „Das bleiche Kind mit dem Schwert“

Einsamkeit und Liebe in GRRMs „Abschied von Lya“

GRRMs „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ untersucht Isolation und Furcht

Siehe auch meine Buchvorstellung von GRRMS „Die Flamme erlischt“ sowie Was macht einen guten Schriftsteller aus? von J. G. Keely.

Hinsichtlich Unsicherheiten und Selbstzweifeln interessant ist das vierzig Minuten lange Video „Do you ever feel imposter syndrome?“ von Adam Savage, der das Titelthema ab 16:40 behandelt:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: