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GRRM: Eine Affäre an der Peripherie

Von George R. R. Martin. Diese SF-Perle, die erstmals in der Januarausgabe 1973 von The Magazine of Fantasy and Science Fiction erschien und die ich auf Deutsch nur aus einer Anthologie kenne, die mein Bruder vor langer Zeit besaß, habe ich gestern auf einer GRRM-Fanseite wiedergefunden: A Peripheral Affair- Transcribed (fattestleechoficeandfire.com). Ich weiß nicht mehr, welchen deutschen Titel sie damals trug (die deutsche Redaktion von „Traumlieder I“, wo die Geschichte nur als „A Peripheral Affair“ erwähnt wird, wusste offenbar auch nichts von dieser deutschen Fassung), also habe ich für meine Übersetzung einfach diesen Titel gewählt. Ihr habt da also eine echte Rarität vor euch!

*       *       *

Draußen an der Peripherie, wo die Menschenwelten sich immer dünner verteilten, erstreckte sich ein Spinnennetz zwischen den Sternen.

Es war ein altes Netz, seine Fäden schwer von Sternenstaub. Die Spinnen, die darauf patrouillierten, waren fett und rostig, und es war beinahe fünfzig Jahre her, dass zuletzt eine Fliege gefangen wurde. Aber das Netz bestand dennoch fort, obwohl es seinen Zweck schon lange überlebt hatte.

Die Welten, die das Netz umrankte, waren immer noch Zeugen dieses Zwecks, trugen immer noch die radioaktiven Narben, die von dem alten Kampf erzählten, der sengend durch die Peripherie gezogen war. Dort, ein Jahrhundert früher, war der expandierende kugelförmige Raum der Allied Starsuns of Terra erstmals mit dem rivalisierenden Imperium in Kontakt gekommen war, das sich die KwanDellanischen Bruderwelten nannte. Dort war der lange, bittere KwanDellanische Krieg ausgetragen worden – ohne Ergebnis.

Das Netz war in dem unbehaglichen bewaffneten Frieden gesponnen worden, der auf diesen Krieg folgte. Inmitten des chaotischen Durcheinanders aus Allianzwelten und unabhängigen Kolonien und den Heimatplaneten eines Dutzends nichtmenschlicher Spezies woben die Sternenspinnen ein komplexes Netzwerk, um KwanDellanische Fliegen zu fangen.

Die Netzspinner waren die Aufklärer, die schnellen, leicht bewaffneten Dreimann-Aufklärer. Sie waren die kleinsten aller Sternenschiffe. Aber sie waren nicht klein. Jedes war eine Viertelmeile lang, seine Decks vollgestopft mit hochentwickelten Sensoranlagen. In den frühen Tagen flogen mehr als 200 von ihnen an der Peripherie Streife.

Die Spinnen waren die schwereren Schiffe, die Kreuzer und die Battlewagons und die Schlachtschiffe. Sie waren weniger an der Zahl, aber sie trugen den Stachel. Sollte ein KwanDellanisches Kriegsschiff sich in das Sternennetz wagen, würden sie es sein, die  es fingen und töteten.

Aber seit fünfzig Jahren hatte es keine Kriegsschiffe zu töten gegeben.

Der feindselige Friede hatte nur ein Jahrzehnt gedauert. Es gibt viele Richtungen im Weltraum, und die Region, die Peripherie genannt wurde, war nur eine Grenze. Sowohl die Allianz als auch die Bruderwelten fanden anderswo leichtere Expansionsmöglichkeiten.

Der Handel begann, als die Feindseligkeit abnahm. Menschen und KwanDellaner entdeckten, dass sie viel gemeinsam hatten und dass jeder Dinge hatte, die der andere wollte. Eine profitable Geschäftsbeziehung reifte zu einer Freundschaft.

Und währenddessen lenkten in anderen Sektoren neue Kriege die Aufmerksamkeit der Erde ab.

Die KwanDellaner gaben ihr eigenes Patrouillennetzwerk auf, sobald es nicht länger benötigt wurde. Aber menschliche Institutionen sind nicht so leicht abzubauen. Die Periphery Defense Force blieb bestehen. Aber sie verfiel.

Manche Schiffe wurden abgezogen, um in neueren Kriegen zu kämpfen. Andere wurden außer Dienst gestellt und nie ersetzt. Nur ganz wenige neue Schiffe wurden zur Peripherie hinausgeschickt, um die alternden Sternenspinnen zu unterstützen.

Die Peripherie wurde zu einem abgelegenen Bereich. Sie blieb eine turbulente Grenzregion, wo ein Dutzend Spezies sich begegnete und durchmischte und wo Flotten von Handelsschiffen ihrem Gewerbe nachgingen. Aber sie war nicht mehr die Frontlinie. Die Forscher und die Abenteurer waren zu grüneren Planeten und schwärzeren Himmeln weitergezogen.

Und dann eines Tages leuchtete ein Licht im Sektorhauptquartier der Allianz auf New Victory rot auf. Irgendwo da draußen zwischen den Sternen war einer der Fäden in dem Netz gerissen.

So schien es jedenfalls.

* * * *

Der Monitorraum war groß und kreisförmig, und die Holokarte in seiner Mitte war eine Grube der Schwärze. Vom Kommandolaufgang, der um den Raum gebaut war, konnten die diensthabenden Männer in eine nachgemachte Leere hinunterschauen, wo die Sterne der Peripherie in Miniaturausgabe glitzerten und kleine grüne Lichtpunkte endlos herumwuselten. Die Monitorpaneele selbst kleideten die Wände über dem Laufgang aus: Bänke aus glänzendem Dural und stetigen grünen Lichtern.

Aber nun war ein Licht rot geworden, und einer der Lichtpunkte war unten in der Holokarte erloschen.

Flottenadmiral Jefferson Mandel, der Sektionskommandant, wurde sofort verständigt, und er schritt beinahe begierig auf den Laufgang. Er war ein kleiner bulliger Mann mit schmalen dunklen Augen und einem glänzenden Kahlkopf. Eine Reihe vielfarbiger Bänder tanzte auf der Brust seiner stumpfschwarzen Uniform, während die Silbergalaxien seines Ranges sich in Spiralen auf seinen Schultern wanden.

Sein Mund war grimmig verzogen, als er den Leutnant ausmachte, der die Leitung des Monitorraums hatte. „Was ist los?“ schnappte er.

„Es ist ein rotes Licht, Sir“, antwortete der Leutnant. Er deutete darauf.

Admiral Mandel sah ihn streng an. „Das erkenne ich, Lieutenant. Was bedeutet es?“

Der Leutnant zuckte die Achseln, „Es bedeutet wahrscheinlich, dass der Monitorcomputer gestört ist. Wir überprüfen das gerade.“

Mandel sah daraufhin missmutig drein. Er starrte das rote Licht an, starrte den Leutnant an und legte seine Hände auf die Hüften. „Nehmen wir an, der Computer funktioniert ordnungsgemäß. Was bedeutet das rote Licht in diesem Fall?“

„In diesem Fall, Sir, ist einer unserer Aufklärer vernichtet worden“, antwortete der Leutnant ruhig. „Aber das ist kaum sehr wahrscheinlich.“

„Das werde ich beurteilen“, sagte Mandel. „Gibt es sonst etwas, das das erklären könnte? Außer einer Fehlfunktion, meine ich.“

„Nein, Sir“, antwortete der Leutnant. „Nach meinem Wissen nicht. Der Computer auf jedem unserer Sternenschiffe befindet sich über Subraumfunk in ständiger Verbindung mit unserem Monitorcomputer hier; daher kennen wir zu jeder Zeit den Ort jedes Schiffes. Wenn ein Licht hier rot wird, dann bedeutet das, dass eines unserer Schiffe zu signalisieren aufgehört hat.“

Mandel nickte. „Nichts sonst, das das Signal stoppen könnte, außer einem Angriff auf das Schiff?“

„Ein Angriff würde das Signal nicht stoppen“, sagte der Leutnant. „Nichts weniger als die totale Vernichtung würde das bewirken. Der Schiffscomputer befindet sich im Herzen eines Sternenschiffes, schwer gepanzert mit Duralplatten und abgeschirmt durch spezielle Energieschilde. Selbst die Besatzung hätte Schwierigkeiten, an ihn heranzukommen. Und es gibt zwei unabhängige Reservecomputer für den Fall einer Fehlfunktion. Nein, Sir“, schloss er und schüttelte den Kopf. „Der Computer eines Schiffes wird weiterfunktionieren und signalisieren, solange dieses Schiff intakt ist.“

Mandel schaute wieder zu dem roten Licht hinüber. „Dann heißt das Krieg“, sagte er wild.

Der Leutnant sah bestürzt drein. „Sir!“ protestierte er. „Es ist nicht – ich meine – wir wissen nicht – Sie können nicht -“

„Spucken Sie’s aus, Lieutenant“, sagte der Admiral streng.

Der Leutnant riss sich zusammen. „Es gibt keinen Grund, von Krieg zu reden, Sir. Es kann kein KwanDellanischer Angriff sein. Es kann nicht sein. Wir sind seit fünfzig Jahren im Frieden mit den KwanDellanern gewesen, Sir. Sie hätten keinen Grund, unsere Schiffe anzugreifen. Außerdem haben diese Aufklärer aufwendige Sensoren. Deshalb sind sie da draußen. Wenn eine KwanDellanische Flotte – oder irgendeine Art von unautorisiertem Schiff – geortet worden wäre, dann hätte die Besatzung reichlich Zeit gehabt, uns zu verständigen. Alles, was wir hier haben, ist ein plötzlich abgebrochenes Signal. Wahrscheinlich ein Fehler im Monitorcomputer oder im Monitorpaneel selbst. Wir überprüfen das, Sir.“

„Sie sind naiv, Lieutenant“, sagte der Admiral. „Sie haben den Krieg nicht erlebt. Ich schon. Vielleicht haben diese KwanDellaner ihr Schiff als freundliches Handelsschiff getarnt, bis sie in Reichweite kamen. Oder vielleicht haben sie einen neuen Trick entdeckt, um unsere Sensoren nichts anzeigen zu lassen. Alle Arten von Möglichkeiten, Lieutenant. Und dieser Vorfall stinkt nach KwanDellanischer Heimtücke. Diese Bastarde haben die Abreibung nie vergessen, die sie von uns bekommen haben, wissen Sie.“

Der Mund des Leutnants hing ein wenig offen. „Aber – aber, selbst so, Sir, könnte es irgendeine Art von Unfall gewesen sein. Eine Explosion im Warpantrieb, oder sowas. Oder vielleicht war der Angreifer kein KwanDellaner. Falls es einen Angreifer gab.“

Mandel überdachte das. „Hmmmpf“, sagte er. „Wir werden den KwanDellanern direkt in die Hände spielen, aber ich nehme an, wir überprüfen das zuerst besser gründlich, bevor wir mobil machen.“

„Ja, Sir“, sagte der Leutnant klugerweise und sah enorm erleichtert aus. Er warf einen Blick über das Geländer des Laufgangs hinunter auf die Holokarte. „Wir können ein paar Aufklärer in einer Stunde zur letzten Position des vermissten Schiffes schicken, Sir.“

„Aufklärer! Unsinn. Die Flotte hat ein schlimmes Stärkedefizit, so wie sie ist, und ich kann es mir nicht leisten, noch weitere Schiffe zu verlieren, falls die Angreifer immer noch da draußen lauern. Schicken wir etwas, das sich wehren kann, Lieutenant. Etwas mit ein bisschen Feuerkraft, wie einen Battlewagon. Oder sogar ein Schlachtschiff. Ja, ein Schlachtschiff.“

Der Leutnant studierte die Holokarte noch einmal, und seine trainierten Augen wurden mit geübter Leichtigkeit schlau aus den winzigen tanzenden Lichtern. „Die Durandal ist bei Last Landing, Sir. Und die Mjolnir befindet sich vor Duncans Welt. Wir können jedes davon in einem Tag dort haben.“

„Gut“, sagte Mandel. „Beamen sie der Mjolnir. Geben Sie Garris zur Abwechslung einen ausgewachsenen Auftrag. Sagen Sie ihm, er soll sich möglichst beeilen. Und bis wir seinen Bericht bekommen, will ich hier vollen Kampfalarm haben. Die KwanDellaner könnten vielleicht sogar jetzt schon im Anflug auf New Victory sein.“

* * * *

In einem kleinen Konferenzraum im Allianz-Sternenschiff Mjolnir überreichte der Erste Offizier Lyle Richey seinem Captain ein dickes Bündel Papier. „Die Berichte, die sie wollten, Sir.“

Captain John Garris nahm die Papiere entgegen und bedeutete seinem stämmigen Stellvertreter, in einem Sitz Platz zu nehmen. Garris war der jüngere Mann der beiden, hochgewachsen und schlank mit grauen Augen und dünnen Lippen und jettschwarzem Haar, das zu einem militärischen Bürstenhaarschnitt gestutzt war.

Er sah gegenwärtig sehr unzufrieden aus. „Irgendwas da drin, das ich mir zu lesen die Mühe machen sollte?“ fragte er Richey, als der Erste Offizier sich gesetzt hatte. „Nicht viel“, antwortete Richey mit einem halben Schulterzucken. „Das vermisste Schiff hieß Defiance. Standard-Aufklärer in jeder Hinsicht. Sie war jedoch neu. Eines der neuesten Schiffe an der Peripherie. Das ist ungewöhnlich, aber es erklärt nichts. Es macht eine Fehlfunktion der Instrumente noch weniger wahrscheinlich.“

„Irgendwelche experimentelle Ausrüstung an Bord?“ fragte Garris.

„Keine“, sagte Richey. „Da gibt es jedoch eine Sache. Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber es ist etwas.“

„Schießen Sie los“, sagte Garris.

Richey zögerte. „Das Schiff war unterbemannt. Diese Aufklärer sind alle für den Betrieb mit Dreimannbesatzungen konstruiert. Sie machen Acht-Stunden-Schichten; daher ist theoretisch immer jemand im Dienst. Aber die meisten der Aufklärer hier draußen an der Peripherie sind schon seit Jahren mit Zweimannbesatzungen unterwegs. Wir bekommen einfach nicht die Mannstärke, die wir anfordern, und der Schiffscomputer übernimmt sowieso den Großteil der Routine. Aber dieses Schiff – dieses Schiff war noch unterbemannter als üblich. Vor weniger als etwa einer Woche wurde einer der beiden Männer seiner Besatzung krank. Er wurde vom Dienst freigestellt, als der Aufklärer sich Last Landing näherte, und das Schiff wurde angewiesen, seine Patrouille mit nur einem Mann fortzusetzen, bis ein Ersatz zugeteilt werden konnte.“

Garris lehnte sich in seinem Drehsitz zurück und überdachte das mit nachdenklichem Blick. „Sie haben Recht“, sagte er schließlich. „Es ist etwas, aber es liefert keine Antworten. Und es gibt verdammt viele Fragen.“

Er begann Fragen an seinen Fingern abzuzählen. „Nummer eins“, sagte er, „- wenn der Aufklärer angegriffen wurde, warum hat die Besatzung das nicht gemeldet? Der Computer hätte einen Angreifer geortet. Nummer zwei – warum sind sie, oder ist er, oder wer auch immer, nicht davongeflogen? Ein Aufklärer ist schneller als jedes Kriegsschiff. Nummer drei – warum würde irgendjemand überhaupt einen einzelnen Aufklärer angreifen? Um eine Kriegsflotte vor der Entdeckung zu bewahren? Aber sie hätten dafür mehr als ein Schiff ausschalten müssen. Nummer vier – wenn es ein Angriff war, wer hat es getan? Die KwanDellaner? Abere warum? Das ergibt keinen Sinn. Nummer fünf – wenn es kein Angriff war, warum hat das Schiff dann aufgehört zu signalisieren? Was könnte sonst ein bewaffnetes und schildgeschütztes Sternenschiff im tiefen Raum zerstören? Nummer sechs –“

„Genug“, unterbrach ihn Richey mit düsterer Miene. „Ich sehe, was Sie meinen. Da passt eine Menge nicht zusammen.“

Garris nickte. „Admiral Mandel hat eine Theorie“, sagte er, aber sein Ausdruck machte völlig klar, was er von der Theorie des Admirals hielt. „Er denkt, die KwanDellaner hätten unser Schiff offen angerufen, freundlich getan und sich dann auf Waffenreichweite herangeschlichen und angegriffen. Das beantwortet einige Fragen – wie zum Beispiel, warum die Besatzung nicht geflohen ist oder angerufen hat. Aber es erklärt nicht die Motivation für den Angriff. Und Theorien, die das nicht erklären, erklären die anderen Dinge nicht.“ Er runzelte die Stirn.

Nach einer Pause lehnte der Captain sich wieder nach vorn und blätterte durch die Papiere, bis er die Besatzungsliste fand. „Welcher dieser Männer war an Bord?“ fragte er.

„Hollander“, antwortete Richey. „Craig Hollander, einfaches Besatzungsmitglied.“

„Fordern Sie ein Faksimile der Akte des Mannes an“, befahl Garris. „Vielleicht wird uns das etwas sagen. Und lassen Sie jemanden seine nächsten Angehörigen ausfindig machen und sie informieren, dass er vermisst wird.“

Der Erste Offizier nickte, erhob sich und salutierte zackig. Nachdem er gegangen war, fuhr Garris fort, das Rätsel in seinem Kopf herumzudrehen.

Der Captain wusste sehr wohl, was Mandel von ihm zu finden erwartete – Beweise für einen KwanDellanischen Angriff. Nichts würde dem Admiral mehr gefallen. Es war in der Flotte allgemein bekannt, dass Mandel ein alternder Unfähiger war, der an die Peripherie geschickt worden war, um ihn aus dem Weg zu haben. Aber ein Krieg – mit ihm an der Front – könnte vielleicht einige der früheren Fehler des Admirals austilgen und ihn wieder zurück in das Wohlwollen der Erde katapultieren.

Garris andererseits brauchte keinen Krieg. Er war schon unanständig jung dafür, dass er die Sternhaufen eines Captains trug. Und die Mjolnir war, wenngleich ein kampfvernarbtes Relikt, immer noch ein Schlachtschiff, mit ehrfurchtgebietender Feuerkraft und einer mehr als hundertköpfigen Besatzung. Jeder Captain in der Flotte, der kein Schlachtschiff kommandierte, wollte eines – und Garris hatte bereits eines. Die Peripherie war kein Exil für ihn. Sie war eine weitere Stufe auf dem Weg nach oben.

Aber es waren ihm immer noch Dinge im Weg. Wie Mandel, der ihn wegen seiner Jugend und seines Erfolgs verabscheute und alles in seiner Macht Stehende tat, um Garris‘ weiteres Vorankommen zu blockieren.

Wenn er diese Sache knacken konnte – und sie auf eine Weise knacken konnte, die den Admiral töricht aussehen lassen würde -, so konnte das nur helfen, dachte Garris. Mandel würde wahrscheinlich in ein noch ferneres Exil geschickt werden. Und er, Garris, würde eine Beförderung bekommen. Vielleicht eine Versetzung auf eines der neueren Schlachtschiffe, das echte Erkundung betrieb.

Der Captain lächelte schwach und begann über die Papiere nachzugrübeln, die Richey dagelassen hatte. Dies war eine zu gute Gelegenheit, um sie sich entgehen zu lassen.

* * * *

Die Dienstakte über Craig Hollander wurde Garris Stunden später übergeben, während er auf der Brücke saß und das methodische Absuchen der letzten bekannten Position der Defiance durch die Mjolnir beaufsichtigte. Er wandte sich ihr mit Interesse zu.

Ein Farbfoto von Hollander befand sich auf dem Aktenumschlag und zeigte einen jungen Mann mittlerer Größe mit einer dunklen Sonnenbräune, die für die Geburt unter einer harscheren Sonne als jene der Erde spracht. Sein Haar, so blond, dass es fast weiß war, trug er lang und nach vorne gekämmt, sodass es bis zu seinen Augenbrauen über seine Stirn fiel. Seine Augen waren hellblau, und er grinste schief in die Kamera, war recht ungewöhnlich für ein Kopfbild für die Flotte war.

Garris studierte das Bild kurz und klappte dann die Akte auf, um ihren Inhalt durchzusehen. Aber er hatte kaum einen Blick auf das erste Papier geworfen, als er unterbrochen wurde.

„Wir haben etwas, Sir“, meldete der Mann an den Sensormonitoren von der anderen Seite der Brücke. „Kein Schiff. Trümmer irgendeiner Art.“

Garris legte die Akte auf seine Kommandokonsole und vergaß sie prompt. „Packen Sie sie mit Traktoren und ziehen Sie sie an Bord“, befahl er. Er wandte sich dem Kommunikationsoffizier zu. „Geben Sie mir das Landedeck.“

„Ja, Sir“, antwortete der Mann. Der riesige Bildschirm, der die gesamte Vorderwand der Brücke ausfüllte, flackerte, und der Sternenhintergrund, den er gezeigt hatte, verschwand. Stattdessen nahmen die müden Gesichtszüge des Dritten Offiziers Gestalt an.

„Wir haben einige Trümmer, die von der Defiance stammen könnten“, sagte Garris ihm. „Sie bringen sie jetzt mit Traktoren an Bord. Wenn sie drin sind, breiten Sie sie auf dem Landedeck aus und sehen Sie sie sorgfältig durch. Überprüfen Sie sie auf Radioaktivität und Laserschäden. Und natürlich auf irgendwelche Überreste der Besatzung.“

Der Mann nickte. „In Ordnung, Sir. Mach‘ ich.“

„Ich bin gleich unten“, fügte Garris hinzu. „Ich hoffe, der Schrott wird Ihnen etwas sagen.“ Er wandte sich um und nickte dem Kommunikatormann zu, und der Bildschirm wurde dunkel. Einen Moment später erschien der Sternenhintergrund wieder.

Nachdem er die Brücke an Richey übergeben hatte, begab Garris sich in das Landedeck hinunter. Wie jedes Sternenschiff war die Mjolnir ein reines Tiefraumfahrzeug. Sie war nie für eine Landung vorgesehen gewesen, und daher führte sie in ihrem geräumigen Bauch eine kleine Flotte von Landungsfahrzeugen mit.

Selbst die kleinsten Sternenschiffe – die Aufklärer – traten nie in eine Planetenatmosphäre ein, obwohl sie nur zwei kleine Landeboote hatten. Das Landedeck grenzte immer an eine riesige Luftschleuse an, und durch diese würden die Trümmer an Bord gezogen werden.

Sie waren bereits in einem freien Bereich zwischen den Booten ausgebreitet, als Garris eintraf. Ein Ring von Besatzungsmitgliedern umstand ihn, von denen jedes ein Sensorinstrument trug. Der Dritte Offizier stand daneben und sah ihnen bei der Arbeit zu.

Garris schaute zweifelnd über den kleinen Berg aus Metall und Plastik. Es schien nicht so viel davon zu geben, wie da sein sollte. Außerdem sah alles wie elektronische Ausrüstung irgendwelcher Art aus. Und nichts sah beschädigt aus. Er wandte sich dem Dritten Offizier mit einem ratlosen Stirnrunzeln zu. „Nun?“ fragte er.

Der Dritte Offizier sah genauso ratlos drein. „Ich habe sie noch einmal überprüfen lassen“, sagte er. „Die ersten Ablesungen ergaben nicht viel Sinn, Sir. Keine Radioaktivität, keine Anzeichen von Schmelzen, kein Schaden. Nichts.“

„Ist das alles? Ich dachte, da würde viel mehr sein. Ein Aufklärer ist immerhin ziemlich groß.“

„Das ist eine weitere Sache, Sir. Wir haben hier mehrere Tonnen Trümmer, aber wie Sie sagen, ist das nicht annähernd genug. So wie das aussieht, wurde die Defiance nicht einfach auseinandergesprengt. Das meiste davon ist einfach verschwunden. Verdampft. Aber man kann kein Duralum verdampfen, Sir. Und wenn man es könnte, würde es hier irgendwelche Dampfspuren geben. Haben wir so etwas geortet?“

„Nein“, sagte Garris. Er sah nachdenklich drein. „Schauen Sie“, sagte er, „wenn Sie mit Ihrer zweiten Überprüfung fertig sind, möchte ich, dass Ihre Männer diesen Schrott durchsehen und herausfinden, was genau das ist. Oder was es einmal war.“ Er warf einen letzten finsteren Blick auf die Überreste der Defiance, dann stolzierte er zurück zur Brücke.

* * * *

Garris war nicht ganz sicher, was er zu finden erwartet hatte, als die wirren Trümmer identifiziert und zusammengesetzt worden waren. Aber was auch immer es war, es war nicht das, was er fand. Er hörte dem Bericht des Dritten Offiziers mit wachsender Erheiterung zu und ließ sich sofort mit Admiral Mandels Hauptquartier auf New Victory verbinden.

Mandel schaute finster und erwartungsvoll aus dem Bildschirm. „Was war es?“ fragte er. „Ein KwanDellanischer Angriff?“

Garris schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Überhaupt kein Angriff, nach dem, was wir feststellen können.“


„Kein Angriff? Warum hat dann das Schiff zu signalisieren aufgehört? Erklären Sie sich, Captain.“

„Nun, wir haben geortet, was von der Defiance übrig war. Es ist nicht viel. Aber was da ist, ist gar nicht beschädigt worden. Es ist einfach – weggeworfen worden.“

Mandel gefiel diese Idee nicht. „Weggeworfen? Was soll das heißen?“

Garris schwenkte das Blatt Papier mit dem Bericht des Dritten Offiziers. „Wir haben die Trümmer identifiziert, Admiral. Wir wissen genau, was es war. Wir haben den Schiffscomputer und etwa eine Tonne Sensorinstrumente gefunden, und den Großteil der Bewaffnung des Aufklärers. Und das ist alles, Sir. Es wurde weggeworfen. Einfach von den Anschlüssen getrennt und im Weltraum ausgesetzt. Es gibt keine Überreste vom Warpantrieb oder vom Rumpf oder vom Lebenserhaltungssystem. Überhaupt nichts.“

Mandels Unterkiefer bebte. „Was bedeutet das, verdammt!?“

„Es bedeutet, Sir, dass Ihr Aufklärer gar nicht zerstört wurde. Er wurde gestohlen.“

„GESTOHLEN! GESTOHLEN! Wie zur Hölle stiehlt man ein Sternenschiff, Captain? Sagen Sie mir das.“

Garris zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, Sir. Aber das ist es eindeutig, was passiert ist. Das Schiff hörte einfach deshalb zu signalisieren auf, weil der Schiffscomputer von den Anschlüssen getrennt wurde. Die Defiance wurde entführt, nicht zerstört.“

Mandel, dessen finsteres Gesicht rot angelaufen war, überdachte das einen Moment lang. Er und Garris wussten beide, dass er in ernsten Schwierigkeiten war. Er hatte die Peripherie und die Periphery Defense Force in Kampfalarm versetzt, und die Erde würde wissen wollen, warum. Seine Gründe sollten besser gut sein.

„In Ordnung“, sagte der Admiral endlich. „Das KwanDellanische Schiff hat unser Schiff also nicht angegriffen. Stattdessen haben sie es gekapert. Genauso schlimm. Immer noch ein kriegerischer Akt.“

„Aber wie, Sir?“ sagte Garris. „Sie konnten nicht einfach darum ersuchen, eine Entermannschaft hinüberschicken zu dürfen. Der Mann an Bord wäre sehr argwöhnisch gewesen. Sternenschiffe statten einander keine Höflichkeitsbesuche im tiefen Raum ab.“

Mandel lächelte. „Vielleicht gaben sie vor, ein in Not geratenes Schiff zu sein. Als die Defiance eine Rettung versuchte, schnappte die Falle zu.“ Er machte eine packende Bewegung mit seiner Faust.

„Die Flottenvorschriften fordern, dass ein Pilot Meldung macht, wenn er einem Schiff in Not zu Hilfe kommt, Sir“, machte Garris ihn aufmerksam. „Außerdem blieb die Defiance laut unseren Monitoren auf Kurs, bis ihr Signal ausging, Sir.“

„Nun, dann müssen die KwanDellaner das Schiff gewaltsam erobert haben.“

Garris schüttelte den Kopf. „Admiral, der Mann an Bord hätte vor einem Angreifer fliehen können. Und er hätte bestimmt Zeit gehabt, das Sektorhauptquartier zu verständigen, wenn jemand sein Schiff zu kapern versucht hätte. Außerdem hat ein Aufklärer etwas Bewaffnung. Er hätte Widerstand gegen die Kaperung leisten können. In welchem Fall wir einige Anzeichen für einen Kampf gefunden hätten – Trümmer vom Angreifer, oder irgendwas.“

Mandel begann wieder die Kontrolle zu verlieren. „Na gut, junger Mann“, sagte er, wobei er Hohn in das ‚jung‘ legte. „Wenn Sie so schlau sind, dann erklären Sie es mir!“

„Das kann ich nicht, Sir“, gab Garris zu. „Ich habe mit einem Dutzend Theorien gespielt, und keine ergibt einen Sinn. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist ein Unfall. Etwas stieß dem Besatzungsmitglied zu. Hat ihn in irgendeiner Weise handlungsunfähig gemacht, sodass er nicht fliehen oder Widerstand leisten konnte.“

„Ja“, sagte Mandel und griff Garris‘ Erklärung begierig auf. „Und dann kam der KwanDellanische Angriff – “

„Nur dass das auch nicht funktioniert“, warf Garris ein. „Zu viele Zufälle. Die KwanDellaner hätten keine Möglichkeit gehabt zu wissen, dass dieses eine Schiff aus unserer gesamten Flotte verkrüppelt war. Und die Chancen stehen genauso astronomisch dagegen, dass jemand anders auf eine tote Defiant stieß und sie kaperte.“

Aber diesmal war Mandel unnachgiebig. „Nein, Captain. Sie haben vielleicht Recht wegen der Wahrscheinlichkeiten. Aber nichts sonst ergibt einen Sinn. Ich befehle eine Mobilmachung. Fliegen Sie sofort zu Duncans Welt weiter. Wir werden diesen Bastarden ein Ultimatum stellen. Sofortige Rückgabe der Defiance – oder wir gehen gegen sie vor.“

Der Bildschirm wurde plötzlich dunkel. Eine Totenstille legte sich über die Brücke, unterbrochen nur vom Surren der Instrumente. Dann sprach jemand. „Mein Gott“, flüsterte er leise.

Garris bemerkte, dass sein Mund offen stand, und schloss ihn. „Sie haben den Admiral gehört“, sagte er zum Steuermann. „Setzen Sie Kurs nach Duncans Welt. Höchstmögliche Geschwindigkeit.“ Dann stand er von seinem Sitz vor der Kommandokonsole auf und bedeutete Richey, ihm zu folgen.

Sie zogen sich in den Konferenzraum zurück. Sobald die Tür hinter ihnen sicher zugeglitten war, explodierte Garris. „So etwas habe ich nie erwartet“, sagte er. „Mandel ist schlimmer, als ich dachte. Man kann nicht sagen, welchen Schaden er anrichten wird. Er ist entschlossen, einen Krieg mit den KwanDellanern anzuzetteln.“

„Das ist eine sehr schwerwiegende Anschuldigung“, erinnerte Richey ihn. „Ich denke, ich vergesse am besten, dass ich das von Ihnen gehört habe.“ Er setzte sich, während Garris zu einer Wand hinüberschritt und Bestellungen für Getränke eintippte. Sie erschienen einen Moment später.

Garris gesellte sich zu Richey am Konferenztisch, überreichte ihm ein Getränk, setzte sich und leerte sein Glas mit einer schnellen Handbewegung. „Das ist verrückt“, sagte er. „Verrückt. Nichts passt. Es können nicht die KwanDellaner sein. Es kann einfach nicht sein. Zum einen, welche Motivation könnten sie denn haben? Warum ein Sternenschiff der Allianz kapern? Es war ein Standardmodell, ein bisschen verbessert, aber nichts Revolutionäres. Was könnten sie zu gewinnen hoffen? Es gab keine experimentelle Ausrüstung an Bord, sofern es nicht etwas gibt, was mir nicht gesagt wurde.“

Er runzelte die Stirn und hielt inne, um diese Möglichkeit zu überdenken, und verwarf sie dann. „Nein“, sagte er. „Unmöglich. Es ergibt keinen Sinn.“

„Was, wenn es nicht die KwanDellaner waren?“ brachte Richey zögernd vor. „Was, wenn es irgendeine Spezies war, der wir nie begegnet sind. Draußen unterwegs, um ihre eigenen Erkundungen durchzuführen. Ein Sternenschiff der Allianz wäre etwas Neuartiges für sie. Vielleicht würden sie es kapern, um zu sehen, wie es funktioniert, und um unser Technologieniveau herauszufinden.“

„Unbekannte Aliens? Vielleicht, aber – nein, das funktioniert auch nicht.“ Garris schüttelte heftig den Kopf. „Der Mann an Bord hätte es gemeldet, wenn er ein Fahrzeug unbekannter Bauart geortet hätte.“

„Der Unfall, den Sie hypothetisch angenommen haben“, sagte Richey. „Er war außer Gefecht. Tot oder bewusstlos.“

„Der Zufall dabei wäre unglaublich“, sagte Garris. „Und wenn diese Aliens ein Schiff zum Studieren wollten, warum dann die Bewaffnung und die Sensoren und den Computer wegwerfen? Wären das nicht die Teile, die sie am meisten interessieren würden? Besonders wenn sie feindlich gesinnt sind – sie würden unsere Waffen Stück für Stück auseinandernehmen wollen, nicht sie in den Weltraum hinauswerfen.“

Richey gab mit einem Schulterzucken auf. „Dann weiß ich es nicht. Ich kann es nicht erklären.“

„Ich auch nicht“, sagte Garris. Er schickte den Ersten Offizier mit einer Handbewegung weg. „Übernehmen Sie die Brücke. Ich werde hier unten bleiben und hart nachdenken. Ich muss mir ein paar Antworten ausdenken, bevor Mandel einen Krieg entfacht, nur um sein Ego zu befriedigen.“

* * * *

Garris ging in seine Kabine und dachte während des Großteils seiner Schlafschicht nach. Das brachte ihn um genau nichts weiter. Als er schließlich zur Brücke zurückkehrte, war die Mjolnir noch vier Stunden von Duncans Welt entfernt, und die Situation wurde angespannt.

Ein Stapel von Berichten lag auf seiner Kommandokonsole. Er las sie einen nach dem anderen, von oben angefangen. Admiral Mandel hatte die KwanDellanische Regionalhauptstadt auf ArsashNag angebeamt und die Rückgabe der Defiance gefordert. Der lokale Bruderwelten-Administrator war zuerst verdutzt gewesen, dann amüsiert und schließlich empört. Die Sitzung hatte damit geendet, dass der Admiral Drohungen geschrien hatte.

Mandel hatte befohlen, dass die Periphery Defense Force ihr Ortungsnetzwerk verlassen und sich zu zwei Schlachtflotten umgruppieren solle. Der Admiral war immer noch nicht bereit, einen richtigen Angriff auf die KwanDellaner zu riskieren, aber er wollte Blockaden gegen die beiden nächsten Bruderwelten-Kolonien verhängen. Nachdem die KwanDellaner keine Kriegsschiffe in der Region hatten, erschien das als sicheres Manöver.

Der unterste Bericht hatte gar nichts mit Mandel zu tun, was Garris erleichterte. Der Bericht besagte, dass Hollander, das verstorbene Besatzungsmitglied der Defiance, keine lebenden Verwandten hatte. Aber er hatte ein Mädchen auf Last Landing. Flottenpersonal hatte sie ausfindig zu machen versucht, um ihr die Nachricht zu überbringen, aber ohne Erfolg. Es wurde gemeldet, dass sie den Planeten verlassen hatte, obwohl sie keine Nachsendeadresse hinterlassen hatte.

Das war bedauerlich, dachte Garris. Sie würde die Nachricht natürlich irgendwann erhalten, egal wohin sie gereist war. Aber man konnte nicht sagen, wie oder wo. Ein Flottenvertreter hätte ihr die Sache schonender beibringen können. Schreckliches Timing, so schien es –

Er runzelte mitten im Gedanken die Stirn. Ein seltsamer Verdacht war ihm in den Sinn gekommen. Er sah sich nach der Akte von Hollander um, die er einmal hatte lesen wollen.

Sie lag immer noch auf der Konsole, bedeckt von einem Stapel neuerer Dokumente. Garris fegte sie beiseite und lehnte sich zurück, um die Akte zu lesen.

Er lächelte ein wenig, als er die erste Seite durchsah. Dann verbreiterte sein Lächeln sich zu einem Grinsen, und er lachte leise vor sich hin. Er blätterte sie Seite für Seite durch, immer noch grinsend.

Ungefähr ab Seite vier ließ das Grinsen nach und wurde durch einen besorgten Ausdruck ersetzt. Er las mit zunehmendem Schrecken weiter. Als er fertig war, klatschte er die Akte heftig auf die Konsole, straffte sich und rief quer durch die Brücke zu dem erschrockenen Kommunikatormann hinüber. „Geben Sie mir Mandel!“, schrie er. „Sofort.“

Der Admiral erschien endlich auf dem Bildschirm der Mjolnir, gestresst und zornig. „Ich hoffe, das ist wichtig, Garris. Ich habe nicht die Zeit, mit Ihnen zu diskutieren. Eine Flotte in der Schlacht zu koordinieren ist ein Vollzeitjob.“

„Sie machen einen schrecklichen Fehler, Sir“, sagte Garris. „Stoppen Sie die Mobilmachung. Ich habe alles herausgefunden. Die KwanDellaner haben nichts damit zu tun.“

„Unsinn“, schnauzte Mandel. Er deutete mit einem Finger auf den Schirm. „Ich warne Sie, Garris. Ich werde keine Insubordination von Ihnen hinnehmen. Ich bin der Kommandant in diesem Sektor, und ich treffe die Entscheidungen.“

Der Admiral wandte sich ab, als wollte er das Ende der Verbindung signalisieren. Garris schrie laut auf und schoss aus seinem Sitz hoch. „Sir! Ich habe neue Beweise.“

Mandel zog eine Grimasse. „Na gut. Aber machen Sie schnell. Was für neue Beweise?“

„Das Besatzungsmitglied – das einzige Besatzungsmitglied – an Bord der Defiance hieß Craig Hollander“, sagte Garris einfach.

„Soll das etwas bedeuten, Garris? Sie verschwenden wertvolle Zeit!“ Er begann wieder zu gestikulieren und wurde von einem weiteren Protestschrei des Captains gestoppt.

Garris wandte sich zu seiner Konsole um, schnappte sich die Hollander-Akte, zog ein Blatt Papier heraus und hielt es vor dem Bildschirm hoch. „Sehen Sie sich das an, Sir“, sagte er. „Hollander war eingezogen. Bei seiner medizinischen Untersuchung musste er eine Krankengeschichte ausfüllen.“

Er schüttelte das Blatt und deutete auf eine Reihe von Kästchen, die vier Spalten einnahm. Jedes Kästchen war rot angekreuzt. „Sehen Sie“, wiederholte er. „Hollander behauptete jede Krankheit vom Heuschnupfen bis zur Sumpfwelt-Schleimfäule.“

Garris gab das Blatt in die Akte zurück und riss ein anderes heraus. „Das ist nicht alles“, sagte er. „Hier ist ein weiteres Formular, das er bei seiner Einberufung ausfüllte. Wo um die Religion gefragt wurde, gab er ‚Reformdruide‘ an. Und unten, wo um den Beruf gefragt wird, antwortete er ‚Freischaffender Attentäter‘ mit ‚ehemaliger Schafhirte‘ in Klammern.“

Mandel runzelte immer noch die Stirn, aber er hörte zu. „Na und?“ sagte er. „Der Mann war offensichtlich ein aufsässiger Clown, aber warum spielt das eine Rolle? Selbst wenn er Verrat begangen hätte, als die KwanDellaner ihn angriffen, entschuldigt das dennoch nicht den Angriff.“

„Nein, nein, NEIN!“ sagte Garris. „Die KwanDellaner haben nicht angegriffen, Sir. Dieser Name – Craig Hollander. Bedeutet er etwas für Sie, Admiral?“

„Nein. Sollte er?“

Garris hielt die Akte hoch, sodass der Admiral Hollanders Foto sehen konnte. „Ja“, sagte er. „Er sollte. Hollander wurde vor etwa einem Jahr eingezogen. Er verbrachte die ersten sechs Monate seiner Dienstzeit im Militärgefängnis von New Victory. Wegen grober Insubordination. Das steht alles in seiner Akte.“

Aber Mandel hörte nicht mehr zu. Er starrte das Foto mit weißem Gesicht an. „Ja“, sagte er. „Ich erkenne es. Ich habe eine Inspektion der neuen Rekruten durchgeführt, und – und – “

„Und er war einer davor“, setzte Garris fort. „Und er trug sein Haar so.“ Der Captain stieß mit dem Finger nach dem Foto. Die Abneigung des kahlköpfigen Admirals gegen langes Haar war eine Flottenlegende. „Und Sie haben angehalten, als Sie ihn sahen, und sagten: ‚Soldat, Sie sollten besser einen guten Grund für solches Haar haben‘.“

Mandel nickte. „Und er sagte, er hätte einen. Und ich fragte ihn, was das für einer sei. Und er – und er – “ der Admiral lief vor erinnertem Zorn purpurrot an.

Garris lieferte die Zeile aus Hollanders Akte. „Und er sagte, er würde sein Haar lang tragen, um die obszönen Worte zu verbergen, die er auf seine Stirn geschrieben hatte, Sir.“

Mandel sah aus, als würde er gleich explodieren. „Man hat diesen Mann auf einem Sternenschiff hinausgelassen! Dafür werde ich jemandes Skalp kassieren. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten ihn erschießen.“ Er fluchte. Dann hielt er plötzlich inne. „Aber das erklärt immer noch nichts. Ich – “

„Es erklärt alles“, sagte Garris. „Hollander hat Ihr Sternenschiff gestohlen Sir. Er hat es gestohlen. Er selbst. Allein. Aus seinen eigenen Gründen und für seine eigene Verwendung. Er war allein in dem Schiff, ohne Aufsicht. Er kroch die Reparaturröhre hoch und trennte das Schiffsgehirn vom Netz. Er hat es auseinandergenommen und hinausgeworfen, damit man ihn nicht nachverfolgen konnte. Er hat auch Bewaffnung und Sensorgeräte weggeworfen, die er nicht brauchte. Und dann ist er abgehauen.“

„Mit einem Sternenschiff im Wert von mehreren Millionen Dollar“, sagte Mandel halb knurrend. „Er hat wahrscheinlich vor, irgendwo irgendeinen hilflosen primitiven Planeten anzugreifen und zu erobern und sich zum König zu machen. Oder vielleicht in die Tiefraumpiraterie einzusteigen.“

„Nein, Sir. Das ist es nicht. Er hat den Großteil seiner Bewaffnung weggeworfen, Sir. Außerdem ist das nicht sein Stil. Er hat die Defiance in ein Handelsschiff umgewandelt, Sir. Er hat all diese Ausrüstung rausgeworfen, um sich Platz zu schaffen. Für Fracht, wette ich. Er hat sich Frachträume gebaut.“

Mandel war plötzlich aschfahl geworden, als ihn einige der Implikationen dessen trafen, was Garris sagte. „Der Angriff“, sagte er. „Die Mobilmachung. Die werde ich sofort abbrechen müssen. Und die Erde – “ Ein Tonfall kranken Jammerns lag in seiner Stimme. Er war erledigt, und er wusste es.

Dann verhärtete sein Gesicht sich wieder. „Finden Sie ihn, Garris“, befahl er. „Finden Sie diesen Hollander-Typen und kreuzigen Sie ihn. Schießen Sie ihn aus dem Weltraum, wenn Sie müssen. Aber schnappen Sie ihn. Sie verstehen? SCHNAPPEN SIE IHN!“

Ja, Garris verstand. Er verstand nur zu gut. Als der Bildschirm dunkel wurde, sackte er in seinen Kommandosessel zurück und ließ die Hollander-Akte angewidert fallen.

Der Admiral wollte Rache. Vorzugsweise an Hollander, der gerade ruiniert hatte, was von Mandels sogenannter Karriere übrig war. Aber Garris würde als Ersatz genügen. Also bekommt Garris den Auftrag, Hollander zu finden. Und der Admiral ist sicher, dass er jemanden drankriegen wird –

Der Captain seufzte und schaute zum Mann am Kommunikator hinüber. „Wecken Sie Richey“, sagte er. „Ich will ihn hier oben haben.“

Der Erste Offizier meldete sich Minuten später gähnend auf der Brücke. „Was ist los, Sir?“ fragte er.

„Der Krieg ist wegen Umständen außerhalb unserer Kontrolle abgesagt worden“, sagte Garris trocken und ignorierte die geschockten Blicke und das unterdrückte Glucksen seiner Brückenmannschaft. „Es stellt sich heraus, dass Hollander die Defiance gestohlen hat und damit abgehauen ist. Wir müssen ihn finden, sagt der Admiral.“

„Oh“, sagte Richey und nahm alles schnell in sich auf. „Wie machen wir das?“

„Ich hoffte, Sie würden das wissen“, sagte Garris. „Er könnte überall sein.“

Richey dachte einen Moment nach. „Nein, könnte er nicht“, sagte er schließlich. „Er müsste hinausfliegen. Wenn er in den Raumbereich der Allianz zurückgekehrt wäre, hätte einer der anderen Aufklärer im Ortungsnetzwerk ihn aufgefasst.“

„Stimmt“, sagte Garris. Sein Geist begann wieder zu funktionieren. „Er würde ins KwanDellanische Territorium fliegen. Sie machen sich nicht mehr die Mühe zu patrouillieren, daher würde niemand seine Spur verfolgen.“

Der Captain richtete sich in seinem Sitz auf. „Aber er könnte nicht einfach anfangen, mit einem gestohlenen Aufklärer der Allianz Handel zu treiben. Irgendjemand würde es bemerken.“ Er erinnerte sich an etwas anderes. „Und dann ist da noch dieses Mädchen. Sie hat Last Landing verlassen. Offensichtlich haben sie irgendwo ein Rendezvous geplant – er konnte nicht einfach zurückkommen und sie abholen, ohne geortet zu werden. Sie mussten die ganze Sache geplant haben, als das andere Besatzungsmitglied vom Dienst freigestellt wurde – das war auch auf Last Landing, wenn ich mich richtig erinnere.“

Er nickte vor sich hin. „Geben Sie mir eine Sternkarte auf den Bildschirm“, sagte er laut zum Kommunikatormann. „Die Peripherie und den benachbarten Raum.“

Die Karte leuchtete auf. Garris studierte sie ein paar Minuten lang konzentriert. Dann schaute er zum Steuermann hinüber. „Setzen Sie Kurs nach Rendlaine“, befahl er. „Höchstgeschwindigkeit.“

„Warum Rendlaine?” fragte Richey.

Garris wandte sich ihm zu. „Hollander verwandelt sein Schiff in ein Handelsschiff“, sagte er. „Aber er braucht Profis, um die Arbeit zu vollenden. Und um die Linien des Schiffes zu tarnen, damit er nicht jedes Mal als Aufklärer der Allianz erkannt wird, wenn er in den Raum der Allianz fliegt. Aber die Defiance ist ein Sternenschiff, kein Systemboot. Sie kann nicht aufsetzen. Daher braucht er einen Planeten mit orbitalen Raumdocks.“

Er deutete auf die Karte. „Rendlaine ist perfekt. Es ist eine Freie Kolonie, eine Menschenwelt, aber kein Teil der Allianz. Es hat umfangreiche Raumhafeneinrichtungen im Orbit und reichlich qualifizierte Arbeiter. Es hat auch keine Skrupel. Hollander kann noch etwas mehr von seiner militärischen Hardware loswerden, die Überholung bezahlen und immer noch einen hübschen Profit herausschlagen. Die Rendlainesen werden ihm wahrscheinlich noch dazu eine Registrierung geben. Es wird sie nicht kümmern, ob das Schiff gestohlen ist, solange es Steuern bezahlt. Und er kann dort Fracht an Bord nehmen.“

Richey, der die Sternkarte betrachtete, nickte zustimmend. „Ja“, sagte er, „das ergibt Sinn. Rendlaine liegt außerhalb der eigentlichen Peripherie, ist aber ziemlich nahe. Und die direkteste Route führt am Allianzraum vorbei und direkt durch das KwanDellanische Kugelvolumen.“ Er runzelte die Stirn. „Gut geraten, Captain. Aber Sie werden ihn nie erwischen.“

„Warum nicht?“ sagte Garris.

„Die Defiance ist ein Aufklärer“, sagte der Erste Offizier. „Sie ist leichter und schneller als die Mjolnir. Und er hat einen großen Vorsprung. Er wird eine Woche vor Ihnen dort ankommen und lange weg sein, wenn Sie eintreffen.“

„Nein“, sagte Garris und schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht. Sie arbeiten schnell auf Rendlaine, wenn das Geld stimmt, ja – aber einen Aufklärer in ein Handelsschiff umzubauen wird dennoch Zeit brauchen. Und da ist noch etwas anderes – “

„Ja?“

„Sein Mädchen. Wenn wir Zeit für Ermittlungen hätten, würden wir entdecken, dass sie eine Passage von Last Landing nach Rendlaine gebucht hat, wette ich. Wahrscheinlich unter einem falschen Namen. Aber das spielt keine Rolle. Sie wird in einem kommerziellen Passagierschiff reisen, das mehrere andere Zwischenstops einlegt. Hollander wird auf sie warten müssen. Nur dass die Mjolnir vor ihr dort sein wird.“ Er grinste.

Richey wirkte beeindruckt. „Wissen Sie“, sagte er, „ich denke, Sie haben Recht, Captain. Wir könnten es gerade noch schaffen.“

„Wir werden es schaffen“, sagte Garris zuversichtlich und stellte sich die Beförderung vor, die es ihm bringen würde. „Der arme Kerl tut mir beinahe leid. Beinahe. Aber nicht ganz.“

* * * *

Sie erwischten ihn auf frischer Tat. Als die Mjolnir etwas mehr als zwei Wochen später bei Rendlaine eintraf, war die Defiance immer noch in einem orbitalen Reparaturdock vertäut und wurde einer großen Überholung unterzogen. Dass das fragliche Schiff die Defiance war, daran gab es keinen Zweifel. Die Markierungen der Allianz auf dem Rumpf waren übermalt und durch seltsame rote und weiße Streifen ersetzt worden, wie Garris sie nie gesehen hatte. Aber die Linien waren immer noch die eines neuen Aufklärermodells der Allianz, obwohl sie einer schnellen Änderung unterzogen wurden.

Ja, sie erwischten ihn auf frischer Tat.

Nur dass die Rendlainesen sie nichts deswegen unternehmen lassen würden.

Der rendlainesische Beamte war höflich, aber bestimmt. „Zum letzten Mal, Captain, wir werden das fragliche Schiff nicht an Sie ausliefern. Genausowenig werden wir Ihnen erlauben, seine Besatzung in Gewahrsam zu nehmen.“

Garris schäumte. „Aber es ist ein gestohlenes Sternenschiff der Allianz“, sagte er. „Es gehört uns.“

„Das Schiff, von dem Sie sprechen, ist ein registriertes rendlainesisches Handelsschiff. Der Kommandant ist ein Brish’dir namens Tewghel-kei. Nicht einmal ein Mensch.“ Der rendlainesische Beamte schüttelte den Kopf. „Sie haben keinen Beweis für Ihre Anschuldigungen. Und Sie müssen zugeben, dass es ungeheuerliche Anschuldigungen sind. Ein Militärschiff der Allianz zu stehlen. Also wirklich, Captain.“

Garris sah den Bildschirm finster drohend an. „Sie erkennen, dass ich das gestohlene Schiff mit Gewalt nehmen könnte, wenn notwendig? Ich erinnere Sie daran, dass die Mjolnir ein Schlachtschiff der Allianz ist.“

Der Beamte lächelte nur darüber. „Und ich erinnere Sie daran, dass Rendlaine durch Abkommen mit den KwanDellanern, den Brish’diri und den Miraashianern geschützt ist. Ganz zu schweigen von den anderen Freien Kolonien. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen, Captain Garris. Nicht einmal von einem Schlachtschiff der Allianz. Sie werden keine Schritte gegen das fragliche Schiff ohne unsere Erlaubnis unternehmen. Und Sie werden diese Erlaubnis nicht bekommen, sofern Sie Ihre Anschuldigungen nicht beweisen.“

„Wenn Sie sich von Ihrem Hintern erheben und in den Orbit herauskommen und sich die Defiance ansehen würden, dann hätten Sie alle Beweise, die Sie brauchen“, sagte Garris. „Sie ist ein Aufklärer der Allianz. Das kann man erkennen, indem man sie ansieht.“

„Das ist kein Beweis. Vielleicht hat jemandem das Design Ihrer Aufklärer gefallen, und er hat ein Schiff nach ähnlichem Muster gebaut. Es sind schon seltsamere Dinge passiert.“ „Also gut“, sagte Garris. „Sehen wir uns dann die Registrationspapiere des Schiffes an. Dort sollte ein Beweis sein.“

„Die Registrationspapiere eines Schiffes sind vertrauliche Dokumente. Weder Sie noch ich dürfen sie ohne Erlaubnis ihres Kapitäns untersuchen. Nur autorisierte Beamte der rendlainesischen Flotte und der Handelskommission haben freien Zugang zu den Informationen, die sie enthalten.“ Der Rendlainese schüttelte ein letztes Mal den Kopf. „Vielleicht sollten Sie den Skipper des fraglichen Schiffefs kontaktieren, Captain Garris. Vielleicht bekommen Sie die Erlaubnis. Das ist das Einzige, was ich vorschlagen kann. Guten Tag.“

Der Bildschirm wurde dunkel. Garris hieb frustriert auf die Kommandokonsole und zuckte wegen der Gewalt des Schlages zusammen. Er wandte sich Richey zu. „Er weiß es.“

Der Erste Offizier zuckte die Achseln. „Natürlich weiß er es. Aber er hat nicht die Absicht, Sie irgendetwas unternehmen zu lassen. Die Rendlainesen halten die ganze Affäre für schrecklich amüsant. Diese Freien Kolonisten haben seltsame Vorstellungen davon, was komisch ist.“

„Was denken Sie, wo sie diesen Brish’dir herhaben?“ fragte Garris.

„Von Rendlaine. Die Defiance ist ein Dreimannschiff. Hollander hatte sich selbst und seine Freundin; daher heuerte er ein drittes Besatzungsmitglied von irgendeinem anderen Schiff an. Einen Nichtmenschen, um die Dinge zu verwirren. Machte ihn nominell zum Captain, fü Registrierungszwecke. Alles recht sauber.“

„Ja“, stimmte Garris zu. „Sehr. Dieser Hollander hat einen verschlagenen Geist. Ich beginne zu verstehen, wie er funktioniert, und er macht mir Angst.“

Richey versuchte mitfühlend dreinzuschauen. „Was auch immer Sie tun, Sie tun es besser bald. Die Arbeit an der Defiance ist beinahe vollendet, und Fracht wird an Bord genommen. Handelsgüter, laut dem Mann, den wir bestochen haben. Hollander versucht offensichtlich auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen, statt einfach Fracht zu schleppen. Außerdem haben wir auch Berichte, dass eine terranische Frau an Bord des letzten Shuttles zu diesem Orbitaldock hinauf war.“

Garris sah übertrieben finster drein und schaute den Bildschirm an. „Geben Sie mir die Defiance“, schnappte er. „Oder wie auch immer sie jetzt heißt.“

Das Schiff trug augenscheinlich gegenwärtig keinen Namen. Aber es reagierte dennoch auf die Signale der Mjolnir. Die haarlosen, kegelstumpfförmigen und grauhäutigen Gesichtszüge eines gedrungenen Brish’dir nahmen auf dem Bildschirm Form an.

Garris kam gleich zum Punkt. „Sir“, sagte er, „das Schiff, in dem Sie sich befinden, ist ein gestohlener Aufklärer der Allied Starsuns of Terra. Sie machen sich zum Komplizen eines schwerwiegenden Verbrechens, indem Sie sich seiner Besatzung anschließen. Sie bringen sich in Gefahr. Ich muss fordern, dass Sie die Defiance sofort übergeben.“

„Sie müssen Captain Garris sein“, sagte der Brish’dir höflich in einem rumpelnden Bass. „Die Rendlainesen haben mir alles über Sie erzählt. Ich fürchte, Sie irren sich. Dieses Schiff ist nicht die Defiance. Ich bin ihr Schiffsmeister, nicht Ihr entflohener Terraner.“

„Wenn Sie nichts zu verbergen haben, dann ersuche ich Sie, die Registrationspapiere Ihres Schiffes für uns freizugeben“, sagte Garris.

„Es tut mir leid, Captain Garris“, begann der Brish’dir ernst. „Ich kann Ihnen keine Glauben –“ Dann hielt er plötzlich inne und schaute zur Seite. Als würde er mit jemandem außerhalb des Bilderfassungsbereichs reden.

Der Ton der Übertragung brach plötzlich ab, und es schien, als würde der Brish’dir mit jemandem außerhalb des Bildschirms debattieren. Endlich wandte er sich ihnen mit der nichtmenschlichen Entsprechung eines Schulterzuckens wieder zu. Der Ton kam wieder.

„Na gut“, sagte er. „Ich werde Ihrem Ersuchen entsprechen, Captain Garris. Um zu beweisen, dass ich nichts zu verbergen habe, wie Sie sagen. Aber mein Schiff fliegt bald ab, in Stunden, und es gibt viel Arbeit. Ich muss verlangen, dass Sie mich nicht wieder belästigen.“

Er verschwand vom Bildschirm. Garris wandte sich Richey zu. „Er wollte nicht, dass wir die Registrierung sehen“, sagte der Captain. „Er wurde überstimmt. Von Hollander, wette ich.“

„Warum?” fragte Richey.

„Ich bin nicht sicher. Vielleicht gibt es nichts in den Papieren, das ihm schaden kann.“ Er lächelte. „Oder vielleicht denkt Hollander das. Aber ich denke, er hat einen Fehler gemacht. Es wird irgendetwas geben, irgendwo. Etwas, das ihn verraten wird. Etwas, das zeigen wird, dass der Kommandant dieses Schiffes ein Mensch ist, kein Alien. Und wenn wir es finden, dann werden die Rendlainesen uns zuhören müssen.“ Er wirbelte zur Kommunikationsstation herum. „Geben Sie mir noch einmal Rendlaine und verlangen Sie diese Dokumente.“

Aber die Rendlainesen waren immer noch unnachgiebig. Ja, sagten sie, Garris könnte die Papiere sehen, wenn der Kapitän ihre Freigabe autorisiert hatte. Aber sie waren noch nicht von der Freigabe verständigt worden. Daher würde Garris warten müssen.

Garris wartete. Wartete und dachte nach. Und etwas dämmerte ihm, Stunden später.

Er wusste, wie Hollanders Geist funktionierte. Er hatte jene Formulare gelesen. Der Mann war ein Glücksspieler, ein Clown, ein Spaßvogel. Er würde es riskieren und Garris seine Papiere einfach so aus Spaß sehen lassen, ja. Das passte. Aber er würde mit ihrer Freigabe bis zur letzten Minute warten und darauf setzen, dass Garris nichts finden konnte, bis er weg war.

Und er würde das System lachend verlassen, wissend, dss man ihn nie wieder finden würde. Der Weltraum ist riesig, und Hollander hatte keinen Grund, sich auf die Peripherie zu beschränken. Tramphändler, wie er einer sein würde, führten erratische Leben zwischen den Sternen, und die Zahl der Planeten da draußen war schwindelerregend.

Garris fluchte. Fluchte und wartete. Und begann über mögliche verräterische Hinweise in den Papieren nachzudenken, damit er zu schnellem Handeln bereit wäre.

Ungefähr sieben Stunden nachdem Garris den Brish’dir angebeamt hatte, schaute der Mann an den Sensorinstrumenten auf. „Die Defiance fliegt ab, Sir“, meldete er.

„Heften Sie Ihre Sensoren auf sie“, sagte Garris. „Verfolgen Sie sie, solange Sie können. Halten Sie alle Waffensysteme darauf gerichtet, solange sie in Reichweite ist.“ Die Mjolnir konnte keinen Aufklärer fangen, aber Garris würde sie mit Drohungen aufhalten und sie vielleicht verkrüppeln, wenn er seinen Beweis rechtzeitig bekam.

Der Kommunikatormann schaute auf. „Rendlaine im Strahl“, sagte er. „Sie faxen die Dokumente hoch, die Sie angefordert haben.“

Garris grinste wild. Er hatte Hollander perfekt durchschaut. Kein vernünftiger Mann würde ein dummes, unnötiges Risiko wie dieses eingehen. Aber wenn Hollander vernünftig gewesen wäre, dann hätte er nie die absolute Frechheit gehabt davon zu träumen, ein Sternenschiff zu klauen.

„Lassen Sie mich die Dokumente sehen, sobald sie fertig sind“, befahl er. Es würde knapp werden. Die Defiance war schnell, und es kamen eine Menge Dokumente herüber.

Außerdem kamen die wichtigen zuletzt. Die frühen Seiten waren nutzlos – einfache Dinge wie Name des Schiffes, Name des Besitzers, Schiffsklasse, Registrationstyp. Es würde dort kaum Beweise geben, hatte Garris entschieden. Er warf auf jedes jener Blätter nur einen schnellen, ungeduldigen Blick, als jedes eilig zu ihm herübergereicht wurde.

Dann begannen die wichtigen Blätter hereinzukommen. Diejenigen, wo Garris etwas zu finden erwartete. Er untersuchte sie erwartungsvoll, Seite für Seite.

Die Besatzungsliste. Drei Besatzungsmitglieder, ein männlicher Brish’dir, ein männlicher Terraner, eine Terranerin. Aber Hollander und sein Mädchen hatten falsche Namen verwendet. Kein Beweis hier. Gemischte Besatzungen waren häufig.

Die technischen Daten des Schiffes. Nahe an jenen eines Aufklärers der Allianz. Aber nicht nahe genug. Hollander hatte Änderungen vornehmen lassen. Kein Beweis hier.

Herstellungsplanet des Schiffes. Das war Garris‘ hellste Hoffnung. Wenn Hollander eine Welt der Allianz angegeben hatte, war er erledigt. Schiffe nach Flottendesign wurden auf Welten der Allianz nicht für zivile Verwendung gebaut. Aber stattdessen hatte Hollander eine Freie Kolonie angegeben. Das konnte überprüft und widerlegt werden, aber erst nachdem die Beute schon lange fort war,

Garris sah Papier um Papier durch, suchte nach dem verräterischen Hinweis. Dieser verdammte Hollander war solch ein Witzbold. Sicherlich würde er irgendwo einen Fehler gemacht haben. Allein schon seine frivole Natur würde es verlangen. Aber da war nichts, nichts.

Der Sensormann rief herüber. „Captain, die Defiance ist beinahe außer Reichweite. Und sie geht in den Warpdrive.“

Garris schaute auf, fluchte, schaute wieder zurück und suchte weiter.

„Weg, Sir“, sagte dar Sensormann eine Minute später.

Der Captain schleuderte die Papiere angewidert zu Boden. Er hatte verloren. Und er wusste verdammt gut, dass er bezahlen würde. Mandel würde ihm vorwerfen, dass er Hollander hatte entwischen lassen. Und er würde nie wieder eine Beförderung bekommen, bis das flüchtige Sternenschiff geschnappt war. Was bedeutete, niemals.

Richey hob die weggeworfenen Dokumente auf und ging durch die Brücke, um Garris zu trösten. „Pech“, sagte er. „Aber dafür können sie Ihnen nicht die Schuld geben.“

„Nein?“ sagte Garris. „Sie werden schon sehen.“ Er nahm die Papiere, die Richey hielt, und begann sie zu etwas Ähnlichem wie Ordnung zu sortieren. Mandel würde sie natürlich sehen wollen.

Endlich hatte er sie nach Seitennummer geordnet. Er begann sie beiseite zu legen. Dann warf er zufällig einen Blick auf Seite eins. Er hielt inne.

Seite eins, Eintrag eins, Name des Sternenschiffes. Direkt unter dem rendlainesischen Siegel, sauber mit der Hand eingetragen.

Garris hatte eine kurze Vision von roten und weißen Streifen. Er erinnerte sich an den Brauch, der seinem militärischen Denken fremd war, dass der Kommandant eines Schiffes immer dessen Namen auswählte. Er erinnerte sich, dass der Kommandant des gestohlenen Schiffes angeblich ein Alien war.

Er erinnerte sich, wie Seite eins als erstes angekommen war. Wie er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte. Wie er sie beiseite geworfen hatte.

Captain John Garris, Kommandant des Schlachtschiffs Mjolnir, lehnte sich in seinem Sitz vor der Kommandokonsole zurück und hielt sehr fest an sich. Es ziemte der Würde eines Sternenschiffcaptains nicht, vor seiner Brückenmannschaft zu schreien.

* * * *

Währenddessen grinste draußen jenseits des rendlainesischen Systems der Captain der Good Ship Lollipop und setzte einen Kurs zu den Sternen.

*       *       *

Wikipedia: Good Ship Lollipop

Wiki deutsch: On the Good Ship Lollipop

Diese Novelette spielt nicht in George R. R. Martins „Manrealm“- oder Tausend-Welten-Kosmos, wie er im Essay „Das Licht der fernen Sterne“ (enthalten in „Traumlieder 1“) schreibt:

Run to Starlight und A Peripheral Affair sind allerdings Teil einer anderen Zeitlinie, die beiden Star-Ring-Storys wieder einer anderen, und die Corpse-Storys Teil einer dritten. Fast Friend steht für sich allein, wie auch eine ganze Anzahl meiner anderen Erzählungen. Ich habe aber nicht die Absicht, diese Waisenkinder nachträglich in meine ‚Geschichte der Zukunft‘ zu zwängen. So etwas geht immer schief.“

Die Brish’diri kommen auch in Run to Starlight vor – hier ein Zitat daraus, in dem diese Spezies näher beschrieben wird:

Hill begann sich von seinem Sitz zu erheben, sank aber langsam wieder in den Stuhl zurück, als der Besucher in der Tür erschien.

De Angelis lächelte. „Das ist Roger Hill, der Direktor des Starport Department of Recreation“, sagte er ruhig. „Roger, darf ich vorstellen: Remjhard-nei, der Leiter der brish’dirischen Handelsmission auf der Erde.“

Hill stand wieder auf und hielt dem Besucher seine Hand wie betäubt hin. Der Brish’dir war untersetzt und grotesk breit. Er war gute dreißig Zentimeter kleiner als Hill, der hundertdreiundneunzig Zentimeter groß war, aber er vermittelte dennoch irgendwie den Eindruck, den Direktor klein erscheinen zu lassen. Ein haarloser Kopf in Form einer Pistolenkugel saß unmittelbar auf den massiven Schultern des Außerirdischen. Seine Augen waren glitzernde grüne Murmeln, die tief in der glatten, ledrig-grauen Haut eingesunken waren. Es gab keine äußeren Ohren, nur kleine Löcher zu beiden Seiten des Schädels. Der Mund war ein lippenloser Schlitz.

Hills Starren mit offenem Mund diplomatisch ignorierend, entblößte Remjhard seine Zähne in einem schnellen Lächeln und zerdrückte die Hand des Direktors in seiner eigenen. „Ich bin höchst erfreut, Ihnen zu begegnen, Sir“, sagte er in fließendem Englisch; seine Stimme war ein tief brummender Bass. „Ich bin gekommen, um ein Footballteam in der feinen Liga anzumelden, die Ihre Stadt so liebenswürdig betreibt.“

*       *       *

In Run to Starlight- Transcribed & Noted, wo ich diese Geschichte gefunden habe, meint fattestleech in einer Anmerkung dazu, dass GRRM die Brish’diri für ASOIAF in Gestalt der Jogos Nhai wiederverwertet hat – hier eine Illustration derselben, von Marc Simonetti:

fattestleech: „Jogos Nhai sind in der Regel einen Kopf kleiner als die Dothraki und werden als gedrungen, krummbeinig und dunkel beschrieben, mit großen Köpfen, kleinen Gesichtern und teigiger Haut. Männer und Frauen haben spitze Schädel. Sie sind eine stolze, kriegerische Rasse, die die Freiheit über alles schätzt und nie damit zufrieden sind, lange an einem Ort zu bleiben.“

Mehr für GRRM-Fans:

die Fandomentals-Artikel von Priscilla Zorzi

meine Buchvorstellung von GRRMs „Die Flamme erlischt“

die Webeite, auf der ich „A Peripheral Affair“ wiedergefunden habe:

Dissecting A Song of Ice and Fire using the (somewhat) complete works of the George RR Martin. – By Gumbo! (fattestleechoficeandfire.com)

Das ist „Leech“:

Hier in einem Video:

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