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GRRM: Eine Nacht im Tarn House (Teil 2 von 2)

Von George R. R. Martin. Das Original „A Night at the Tarn House“ wurde für die 2009 veröffentlichte Anthologie Songs of the Dying Earth: Stories in Honor of Jack Vance geschrieben und in der Ausgabe 85 – Oktober 2013 des Clarkesworld Magazine nachgedruckt. Die Originalfassung ist in A Night at the Tarn House (fattestleechoficeandfire.com) und hier im Clarkesworld Magazine nachzulesen (Clarkesworld-Audioversion hier; Länge: 1:19:51).

Erster Teil: Eine Nacht im Tarn House (Teil 1 von 2)

EINE NACHT IM TARN HOUSE, TEIL 2

Die Täfelchen bestanden aus dunklem schwarzem Holz, papierdünn geschnitten und bunt bemalt. Sie erzeugten ein schwaches klackendes Geräusch, wenn Lirianne sie überreichte. Das Spiel war einfach genug. Sie spielten um Terzen. Lirianne gewann mehr, als sie verlor, obwohl ihr nicht entging, dass, wann immer es um hohe Einsätze ging, Chimwazle immer die besten Täfelchen zeigte, egal wie vielversprechend ihre zuerst erschienen waren.

„Das Glück begünstigt dich heute Abend“, verkündete Chimwazle nach einem Dutzend Runden, „aber um solch kleine Einsätze zu spielen wird langweilig.“ Er legte einen goldenen Centum auf den Tisch. „Wer geht mit meinem Eisatz mit?“

„Ich“, sagte Rocallo. „Die Erde stirbt, und mit ihr wir alle. Welche Rolle spielen ein paar Münzen für eine Leiche?“

Lirianne sah traurig drein. „Ich habe kein Gold, das ich einsetzen könnte.“

„Egal“, sagte Chimwazle. „Ich habe Gefallen an deinem Hut gefunden. Setze ihn gegen unser Gold.“

„Oho. So läuft das?“ Sie legte den Kopf schief und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippe. „Warum nicht?“

Binnen Kurzem war sie ihren Hut los, was nicht mehr war, als sie erwartet hatte. Sie überreichte Chimwazle den Gewinn mit einer schwungvollen Geste und schüttelte ihr Haar aus, wobei sie lächelte, als er sie anstarrte. Lirianne achtete darauf, den am Fenster sitzenden Zauberer nie direkt anzusehen, aber sie war sich seiner seit dem Moment bewusst gewesen, als er eingetreten war. Hager und grimmig und furchterregend, der Kerl, und er stank so stark nach Hexerei, dass es die geringeren Magien überwältigte, die von dem widerlichen Schwindler Chimwazle herüberwaberten. Die meisten der großen Magier waren tot oder geflohen, von Schattenschwertern getötet oder in irgendeine Unterwelt oder Überwelt gegangen, oder vielleicht zu fernen Sternen. Jene wenigen, die auf der sterbenden Erde verblieben, sammelten sich in Kaiin, wie sie wusste, und hofften, dort Sicherheit hinter den alten Zaubern der weiß ummauerten Stadt zu finden. Dies war sicherlich einer von ihnen.

Ihre Handfläche juckte, und Kitzle-Mich-Gut sang still an ihrer Seite. Lirianne hatte seinen Stahl im Blut des ersten Zauberers getempert, den sie getötet hatte, als sie sechs-und-zehn war. Kein Schutzzauber machte gegen eine solche Klinge immun, obwohl sie selbst keine Verteidigung außer ihrer Gewitztheit hatte. Der schwere Teil beim Töten von Zauberern war zu wissen, wann man es tun konnte, wo die meisten von ihnen einen mit ein paar wohlgewählten Worten in Staub verwandeln konnten.

Eine Runde Bier kam, und dann eine weitere. Lirianne nippte an ihrem ersten Humpen, während ihr zweiter unberührt neben ihrem Ellbogen stand, aber ihre Tischgenossen tranken tief. Als Rocallo nach einer dritten Runde rief, entschuldigte Chimwazle sich, um einem Ruf der Natur Folge zu leisten, und schritt auf der Suche nach einem Abort durch den Gemeinschaftsraum. Er hielt einen weiten Abstand zum Tisch des Nekromanten, wie Lirianne nicht entging. Jene blasse grimmige Kreatur schien tief in die Konversation mit der Dirne des Gasthauses versunken zu sein, blind gegenüber dem kehllappenbehangenen, glotzäugigen Gauner, der an ihm vorbeieilte, aber das goldene Auge an der Spitze des Stabes des Zauberers hatte sich auf Chimwazle geheftet und beobachtete jede seiner Bewegungen.

„Chimwazle hat uns beschummelt“, sagte sie zu Rocallo, als die krötengesichtige Kreatur verschwunden war. „Ich habe die letzte Runde gewonnen, und du die zwei davor, und doch ist sein Haufen von Terzen so groß wie immer. Die Münzen bewegen sich, wann immer wir nicht hinsehen. Kriechen über den Tisch zurück. Und die Täfelchen ändern ihre Bilder.“

Der Prinz zuckte die Achseln. „Was spielt es für eine Rolle? Die Sonne wird dunkel. Wer wird unsere Terzen zählen, wenn wir tot sind?“

Sein Ennui nervte sie. „Was für ein Prinz sitzt da und lässt sich von irgendeinem lahmen Zauberer zum Narren machen?“

„Die Sorte, die Lugwilers Jämmerliches Jucken erlebt hat und keinen Wunsch hat, das noch einmal zu erleben. Chimwazle amüsiert mich.“

„Es würde mich amüsieren, Chimwazle zu kitzeln.“

„Er wird lachen und lachen, da habe ich keine Zweifel.“

Dann fiel ein Schatten über sie. Lirianne schaute auf und sah den Nekromanten mit dem grimmigen Gesicht über ihnen aufragen. „Es ist dreihundert Jahre her, seit ich das letzte Mal Peggoty gespielt habe“, intonierte er düster. „Darf ich mich dazusetzen?“

*  *  *

Der Magen des Großen Chimwazle war in Aufruhr. Vielleicht war die Fleischpastete daran schuld, all diese Knorpel und der Talg. Oder vielleicht waren es die Twkmänner, die er in den Wäldern gegessen hatte. Köstliche kleine Dinger, aber nie leicht zu verdauen. Sie waren vielleicht immer noch in seinem Bauch und stachen ihn mit ihren albernen kleinen Speeren. Er hätte bei einem Dutzend aufhören sollen, aber sobald er einmal angefangen hatte, war es so leicht zu denken, naja, noch einer wäre schön, und vielleicht danach noch einer. Er fragte sich, ob ihre Speere vergiftet waren. Chimwazle hatte nicht daran gedacht. Es war ein unangenehmer Gedanke.

Fast so unangenehm wie dieses Gasthaus. Er hätte mehr auf den Pooner hören sollen. Das Tarn House hatte wenig, das für es sprach, vielleicht mit Ausnahme des hübschen sommersprossigen Dings, das sich gerade seinem kleinen Peggotyspiel angeschlossen hatte. Schon hatte er ihren Hut gewonnen. Ihre Stiefel würden bald folgen, und dann ihre Strümpfe. Chimwazle wartete nur darauf, dass einige der anderen Reisenden im Gemeinschaftsraum sich in ihre Betten zurückzogen, bevor er seinen Angriff im Ernst beginnen würde. Rocallo war zu träge und zaghaft, um einzugreifen, dessen war er sicher. Sobald er einmal ihre Kleider gewonnen hatte, würde das Mädchen nichts haben, das sie setzen konnte, außer ihrer Schuldknechtschaft, und danach konnte er sie eine Armlänge vor Polymumpho vor seinen Karren spannen. Lass den Pooner fortan hinter ihr herjagen, das sollte helfen, seine haarigen Beine flott pumpen zu lassen. Chimwazle würde vielleicht nicht einmal die Peitsche gebrauchen müssen.

Das Plumpsklo des Gasthauses war beengt und muffig und bot weder Sitzbank noch Donnerbalken, sondern nur ein gezacktes Loch im Boden. Mit seinen Breeches um die Knöchel darüber hockend, grunzte und stöhnte Chimwazle, während er seine Eingeweide entleerte. Der Akt war nie ein angenehmer für ihn, so wie er von dem Risiko begleitet war, den Kobold zu wecken, der in den fleischigeren Teilen seiner Genitalien nistete und dessen zweitliebstes Amüsement die laute Beschreibung von Chimwazles Männlichkeit in scharfem Spott war (sein liebstes Amüsement war etwas, über das Chimwazle nicht nachdenken mochte).

Diese Tortur blieb ihm diesmal erspart, aber Schlimmeres erwartete ihn, als er in den Gemeinschaftsraum des Gasthauses zurückkehrte und herausfand, dass der hochgewachsene Magier mit dem furchterregenden Gesicht an seinem eigenen Tisch Platz genommen hatte. Chimwazle hatte genug Erfahrungen mit großen Zauberern gemacht, um zu wissen, dass er keine weiteren derartigen Erfahrungen wollte. Sein gegenwärtiges Erscheinungsbild war das Vermächtnis eines Missverständnisses, als er einem solchen über den Weg gelaufen war, und der in seiner Hose verborgene Kobold mit dem geschwätzigen Mund war ein Souvenir, das ihm die Hexe Eluuna vermacht hatte, deren Zuneigung er zwei Wochen lang genossen hatte, als er jung und schlank und gutaussehend gewesen war. Diesem Zauberer in Scharlachrot und Schwarz fehlte Eluunas Charme, aber er konnte sehr wohl dasselbe launische Temperament haben wie sie. Man wusste nie, welche kleinen Entgleisungen und unschuldigen Weglassungen ein Zauberer als tödliche Beleidigung auffassen mochte.

Dennoch war da nichts zu machen, sofern er nicht sofort in die Nacht fliehen wollte. Dieser Weg schien weniger als ratsam zu sein. Die Nacht gehörte den Grues und Ghuls und Leukomorphen, und es gab eine kleine Chance, dass auch weitere Twkmänner auf ihn warten mochten. Daher setzte Chimwazle sein bestes Lächeln auf, nahm wieder seinen Platz ein und schmatzte mit den Lippen. „Wir haben einen weiteren Spieler, wie ich sehe. Wirt, lauf und hole Bier für unseren neuen Freund. Und mach schnell, oder du könntest herausfinden, dass ein Geschwür am Ende deiner Nase wächst!“

„Ich bin Molloqos der Melancholische, und ich trinke kein Bier.“

„Ich bemerke, dass du von der zauberischen Art bist“, sagte Chimwazle. „Wir haben das gemeinsam, du und ich. Wie viele Zaubersprüche führst du mit dir?“

„Das geht dich nichts an“, warnte Molloqos.

„Ganz ruhig. Es war eine unschuldige Frage unter Kollegen. Ich selbst bin mit sechs großen Zaubersprüchen gerüstet, neun kleineren Verzauberungen und einer Auswahl an Beschwörungen.“ Chimwazle mischte die Täfelchen. „Mein Sandestin wartet draußen, getarnt als Pooner und an meinen Karren gebunden, doch bereit, mich auf meinen Befehl schnell in den Himmel davonzutragen. Aber keine Zauberei bei Tisch, bitte! Hier regiert die Dame Fortuna und darf nicht durch Zaubersprüche verwirrt werden!“ Und mit diesen Worten legte er einen goldenen Centum in die Mitte des Tisches. „Kommt, kommt, macht eure Spieleinsätze! Pegotty hat mehr Geschmack, wenn Gold im Topf glänzt.“

„Eben.“ Prinz Rogallo legte seinen Centum auf den von Chimwazle.

Das Mädchen Lirianne konnte nur einen Schmollmund machen (was sie sehr hübsch machte). „Ich habe kein Gold, und ich will meinen Hut zurück.“

„Dann musst du deine Stiefel verwetten.“

„Muss ich? Oh, na gut.“

Der Zauberer sagte nichts. Statt in seinen eigenen Geldbeutel zu greifen, pochte er mit seinem Ebenholzstab dreimal auf den Boden und sprach eine kleine Beschwörung für die Auflösung von Illusionen und Tarnungen. Sofort verwandelte Chimwazles Centum sich in eine fette weiße Spinne und marschierte auf acht haarigen Beinen langsam vom Brett, während der Haufen von Terzen vor ihm sich in ebenso viele Kakerlaken verwandelte und in alle Richtungen davonflitzte.

Das Mädchen quietschte. Der Prinz gluckste. Chimwazle schluckte seine Bestürzung hinunter und sprang mit bebenden Wangen auf. „Schau, was du getan hast! Du schuldest mir einen goldenen Centum.“

„Das liegt mir fern!“ sagte Molloqos empört. „Du wolltest uns mit einem billigen Trickzauber hereinlegen. Hast du wirklich geglaubt, dass solch ein lahmer Trick bei Molloqos dem Melancholischen funktionieren würde?“ Das große goldene Auge an der Spitze seines Stabes blinzelte, während grüne Dämpfe in seiner Kristallkugel herumwirbelten.

„Sachte, sachte“, protestierte Prinz Rocallo. „Mein Kopf ist vom Bier benebelt, und harsche Worte lassen ihn klingeln.“

„Oh, werdet ihr ein Zaubererduell austragen?“ Lirianne klatschte in die Hände. „Welche großen Magien werden wir sehen?“

„Der Wirt könnte protestieren“, sagte Rocallo. „Solche Wettkämpfe sind der Fluch der Gastlichkeit. Wenn Schwertkämpfer sich duellieren, dann besteht der einzige Schaden in etwas zerbrochenem Geschirr und vielleicht einem Blutfleck auf den Bodenbrettern. Ein Eimer heißes Wasser und ein guter Ellbogen werden das in Ordnung bringen. Nach einem Zaubererduell wird ein Gasthaus wahrscheinlich eine rauchende Ruine sein.“

„Pah“, sagte Chimwazle mit bebenden Backen. Ein Dutzend Erwiderungen kam auf seine Lippen, jede vernichtender als die vorherige, aber die Vorsicht ließ ihn jede Silbe verschlucken. Stattdessen sprang er auf die Füße, so schnell, dass sein Stuhl zu Boden krachte. „Der Wirt braucht diesbezüglich keine Angst zu haben. Zaubersprüche, wie ich sie beherrsche, sind viel zu mächtig, um zum müßigen Gaudium von hutlosen Flittchen und falschen Prinzen angewandt zu werden. Der Große Chimwazle lässt sich nicht verspotten, ich warne euch.“ Und mit diesen Worten zog er sich hastig zurück, bevor der rot-schwarze Zauberer noch mehr Anstoß nehmen konnte. Eine fette weiße Spinne und eine Reihe von Kakerlaken krabbelte ihm hinterher, so schnell ihre Beine sie trugen.

*  *  *

Das Feuer war zur Glut heruntergebrannt, und die Luft wurde kalt. Dunkelheit sammelte sich in den Ecken des Gemeinschaftsraumes. Die Hinterwäldler am Kamin drängten sich enger zusammen und murmelten einander durch ihre Schnurrbärte zu. Das goldene Auge an der Spitze des Stabes von Molloqos dem Melancholischen spähte in diese und jene Richtung.

„Willst du den Betrüger entkommen lassen?“ fragte das Mädchen.

Molloqos ließ sich zu keiner Antwort herbei. Bald würden all die Schleier wegfallen, spürte er. Der Schwindler Chimwazle war die geringste seiner Sorgen. Die Schattenschwerter waren hier, und schlimmste Dinge ebenfalls. Und es schien ihm, dass er ein schwaches, weiches Zischen hören konnte.

Der Wirt rettete ihn vor weiteren Fragen, indem er plötzlich neben seinem Ellbogen erschien, um zu verkünden, dass sein Zimmer bereit sei, sollte er sich zurückzuziehen wünschen.

„Ich wünsche es.“ Molloqos erhob sich auf die Füße und stützte sich auf seinen Stab. Er zog sich seinen Mantel des Furchterregenden Auftretens zurecht und sagte: „Zeig es mir.“

Der Wirt nahm eine Laterne von der Wand, zündete den Docht an und drehte die Flamme hoch. „Wenn Ihr mir nun folgen würdet, gefürchteter Herr.“

Drei lange Treppen aus krummen Stufen erklomm Molloqos, dem Gastwirt mit seiner Laterne folgend, bis sie endlich das Obergeschoss und eine schwere Holztür erreichten.

Das beste Zimmer des Tarn House war kein allzu großartiges. Die Decke war zu niedrig, und die Bodenbretter knarrten beunruhigend. Ein einziges Fenster ging auf den Weiher hinaus, wo schwarze Wasser unter dem trüben roten Licht ferner Sterne vielsagend wirbelten und Wellen schlugen. Neben dem Bett stand auf einem kleinen dreibeinigen Tisch eine Talgkerze schief in einer Pfütze aus erstarrtem Wachs und flackerte. Eine Truhe und ein Stuhl mit geradem Rücken waren die einzigen anderen Möbelstücke. Schatten lagen dick in den Ecken des Raumes, schwarz wie der Bauch eines Deodanden. Die Luft war klamm und kalt, und Molloqos konnte Wind durch Lücken in den Fensterläden pfeifen hören. „Ist diese Matratze mit Federn ausgestopft?“ fragte er.

„Nichts als ehrliches Stroh im Tarn House.“ Der Wirt hing seine Laterne an einen Haken. „Schaut, hier sind zwei kräftige Bretter, die an ihren Platz gleiten, um die Tür und das Fenster zu verriegeln, so. Ihr könnt heute Nacht ruhig schlafen, ohne Furcht vor Eindringlingen. Die Truhe am Fußende des Bettes enthält eine zusätzliche Decke und kann benutzt werden, um Eure Kleidung und andere Wertgegenstände zu verstauen. Daneben ist Euer Nachttopf. Gibt es sonst noch etwas, das Ihr vielleicht benötigt?“

„Nur Einsamkeit.“

„Wir Ihr befehlt.“

Molloqos horchte, wie der Gastwirt hinunterging. Als er zufrieden war, dass er allein war, untersuchte er das Zimmer sorgfältig, klopfte die Wände ab, überprüfte die Tür und das Fenster, pochte mit dem Ende seines Stabes auf die Bodenbretter. Die Truhe am Fußende des Bettes hatte einen falschen Boden, der von unten geöffnet werden konnte, um Zugang zu einem Kriechgang zu geben. Zweifellos krochen auf diesem Weg Diebe und Mörder herein, um unvorsichtige Reisende um ihre Güter und Leben zu erleichtern. Was das Bett anging…

Molloqos hielt weiten Abstand von der Matratze und setzte sich stattdessen auf den Stuhl, seinen Stab in der Hand. Seine letzten paar Zaubersprüche sangen in seinem Kopf. Es dauerte nicht lange, bis der erste seiner Besucher eintraf. Ihr Klopfen war sachte, aber beharrlich. Molloqos öffnete die Tür, ließ sie in das Schlafgemach und schob den Riegel hinter ihr an seinen Platz. „Damit wir nicht gestört werden“, erklärte er.

Die dunkelhaarige Frau lächelte verführerisch. Sie zog die Bänder auf, die ihre Robe hielten, und schüttelte sie dann von ihren Schultern zu Boden. „Wirst du deinen Mantel ablegen?“

„Eher würde ich meine Haut ablegen“, sagte Molloqos der Melancholische.

Die Frau schauderte in seinen Armen. „Du redest so fremdartig. Du machst mir Angst.“ Gänsehaut bedeckte ihre Arme. „Was hast du in deiner Hand?“

„Ablassen.“ Er stach ihr durch die Kehle. Sie sank zischend auf die Knie. Als sich ihr Mund öffnete, glänzten ihre Fangzähne in dem Halblicht, lang und spitz. Ihr Blut floss schwarz über ihren Hals hinunter. Ein Leukomorph, urteilte er, oder etwas noch Fremdartigeres. Die Wildnis war nun voller seltsamer Dinge; Mischlinge, die von Dämonen mit Deodanden gezeugt wurden, Ausgeburten von Succubi und Inkuben, Spottmenschen, die in Bottichen gezüchtet wurden, sumpfgeborene Monster aus verfaulendem Fleisch.

Molloqos der Melancholische beugte sich über ihre blasse Leiche, wischte ihr Haar von ihrer Wange und küsste sie; einmal auf die Stirn, einmal auf jede Wange, tief auf den Mund. Das Leben verließ sie mit einem Erschauern und trat mit einem Ächzen in ihn ein, so warm wie ein Sommerwind in den Tagen seiner Jugend, als die Sonne heller brannte und in den Städten der Menschen immer noch Lachen zu hören war.

Als sie kalt war, sprach er die Worte von Cazouls Indentur, und ihre Leiche öffnete wieder ihre Augen. Er befahl ihr aufzustehen und Wache zu stehen, während er schlief. Eine große Müdigkeit lag auf ihm aber es wäre nicht gut, sich überraschen zu lassen. Er würde andere Besucher haben, bevor die Nacht vorbei war, daran zweifelte er nicht.

Er träumte von Kaiin, das hinter seinen hohen weißen Mauern schimmerte.

*  *  *

Eine Kälte hing in der Nachtluft, als Chimwazle durch eine Seitentür aus dem Gasthaus glitt. Ein grauer Nebel stieg vom Weiher auf, und er konnte hören, wie sich unten die Wasser rührten, als würde sich etwas in den Schatten bewegen. Tief geduckt spähte er hierhin und dorthin, seine Glubschaugen bewegten sich unter seiner schlaffen Kappe, aber er sah keine Anzeichen von Twkmännern. Genausowenig hörte er das ominöse Schwirren von Libellenflügeln.

Sie hatten ihn also nicht gefunden. Das war gut. Es war Zeit, dass er verschwand. Dass Grues und Ghuls und Irben draußen im Wald waren, daran zweifelte er nicht, aber er würde es lieber mit ihnen riskieren als mit dem Nekromanten. Ein paar flotte Hiebe mit der Peitsche, und sein Pooner würde ihnen allen davonrennen. Und falls nicht, nun, Polymumpho hatte mehr Fleisch an sich als Chimwazle. Von Ohr zu Ohr grinsend schritt er mit wabbelndem Bauch den steinigen Hügel hinunter.

Auf halbem Weg nach unten bemerkte er, dass sein Karren verschwunden war. „Infamer Pooner!“ schrie er und taumelte vor Schreck. „Dieb! Dieb! Wo ist mein Karren, du verlauster Lump?“ Niemand antwortete. Am Fuß der Stufen war nichts zu sehen außer einer sinistren eisernen Sänfte und vier riesigen Deodanden mit Fleisch schwarz wie die Nacht, die knietief im Tümpel standen. Das Wasser stieg, erkannte Chimwazle plötzlich. Das Tarn House war zu einer Insel geworden.

Wut drängte seine Furcht beiseite. Deodanden genossen den Geschmack von Menschenfleisch, das war bekannt. „Habt ihr meinen Pooner gefressen?“ verlangte er zu wissen.

„Nein“, sagte einer und zeigte dabei einen Mund voller glänzender Elfenbeinzähne, „aber komm näher, und wir werden gerne dich essen.“

„Pah“, sagte Chimwazle. Nun, wo er näher heran war, konnte er sehen, dass die Deodanden tot waren. Das Werk des Nekromanten, daran zweifelte er nicht. Er leckte sich nervös am Ohrläppchen, und eine schlaue List fiel ihm ein. „Euer Herr Molloqos hat befohlen, dass ihr mich in aller Eile nach Kaiin tragt.“

„Sssjaaaa“, zischte der Deodand. „Molloqos befiehlt, und wir gehorchen. Komm, klettere hinauf, und wir werden dahin sein.“

Etwas an der Art, wie er das sagte, ließ Chimwazle innehalten, um die Klugheit seines Planes zu überdenken. Oder vielleicht war es die Art, wie alle vier Deodanden mit diesen spitzen Zähnen zu knirschen begannen. Er zögerte und wurde sich plötzlich einer schwachen Bewegung in der Luft hinter ihm bewusst, ein Flüstern von Wind in seinem Nacken.

Chimwazle wirbelte herum. Ein Twkmann schwebte einen Fuß von seinem Gesicht entfernt, seine Lanze eingelegt, und Dutzende weitere schwebten hinter ihm. Seine Glubschaugen traten noch weiter hervor, als er die oberen Stockwerke des Tarn House von ihnen wimmeln sah, dick wie Planen und doppelt so verseucht von Ungeziefer. Ihre Libellen waren eine glühende grüne Wolke, die wie eine Gewitterwolke brodelte. „Jetzt stirbst du“, sagte der Twkmann.

Chimwazles klebrige Zunge schlug zuerst zu, schnellte hervor, um den kleinen grünen Krieger von seinem Reittier zu reißen. Aber während er kaute und schluckte, begann die Wolke zornig summend zu fliegen. Vor Bestürzung jaulend hatte der Große Chimwazle keine Wahl, als die Stufen zum Gasthaus zurück hinauf zu fliehen, heiß verfolgt von einem Schwarm Libellen und vom Gelächter eines Deodanden.

*  *  *

Lirianne war verärgert.

Es wäre so viel leichter gewesen, wenn sie nur die beiden Zauberer dazu hätte bringen können, um sie zu kämpfen, sodass sie vielleicht ihre Magie gegeneinander erschöpfen würden. Dass der grauenhafte Molloqos kurzen Prozess mit dem widerlichen Chimwazle machen würde, daran zweifelte sie nicht, aber um so viele Zaubersprüche, die dafür vielleicht nötig gewesen wären, hätte er danach weniger gehabt, wenn für sie die Zeit kam, ihn zu kitzeln.

Stattdessen hatte Molloqos sich in sein Bett zurückgezogen, während Chimwazle in die Nacht davongeflitzt war, feige wie eine Krabbe. „Schau, was er mit meinem Hut gemacht hat“, beschwerte Lirianne sich und schnappte ihn sich von den Bodenbrettern. Chimwazle war bei seinem hastigen Abgang darauf getrampelt, und die Feder war gebrochen.

„Seinem Hut“, sagte Prinz Rocallo. „Du hast ihn verloren.“

„Ja, aber ich wollte ihn zurückgewinnen. Obwohl ich annehme, dass ich dankbar dafür sein sollte, dass er ihn nicht in eine Kakerlake verwandelt hat.“ Sie steckte sich den Hut wieder auf den Kopf, in einem verwegenen Winkel geneigt. „Zuerst machen sie die Welt kaputt, und dann meinen Hut.“

„Chimwazle hat die Welt kaputtgemacht?“

„Er“, sagte Lirianne düster, „und seinesgleichen. Hexer. Zauberer und Zauberinnen, Weise und Magier und Erzmagier, Hexen und Warlocks, Beschwörer, Illusionisten, Diabolisten. Nekromanten, Geomanten, Aeromanten, Pyromanten, Thaumaturgen, Traumwanderer, Träumeweber, Träumefresser. Sie alle. Ihre Sünden stehen am Himmel geschrieben, dunkel wie die Sonne.“

„Du gibst der schwarzen Magie die Schuld am Niedergang der Welt?“

„Bah“, sagte Lirianne. Männer waren solche Narren. „Weiße Magie und schwarze Magie sind zwei Seiten desselben Terz. Die uralten Bände erzählen die Geschichte, für diejenigen, die den Scharfsinn haben, sie richtig zu lesen. Einst gab es keine Magie. Der Himmel war hellblau, die Sonne schien warm und gelb, die Wälder waren voller Hirsche und Hasen und Singvögel, und überall gedieh die Rasse des Menschen. Jene Menschen alter Zeit bauten Türme aus Glas und Stahl, höher als Berge, und Schiffe mit Segeln aus Feuer, die sie zu den Sternen brachten. Wo sind diese Herrlichkeiten jetzt? Verschwunden, verloren vergessen. Stattdessen haben wir Zaubersprüche, Beschwörungen, Flüche. Die Luft wird kalt, die Wälder sind voller Grues und Ghuls, Deodanden suchen die Ruinen alter Städte heim, Pelgrane beherrschen die Himmel, wo einst Menschen flogen. Wessen Werk ist das? Von Zauberern! Ihre Magie ist ein Verderben für Sonne und Seele. Jedes Mal, wenn ein Zauberspruch hier auf der Erde gesprochen wird, wird die Sonne um so viel dunkler.“

Sie hätte vielleicht noch mehr enthüllt, hätte nicht der glubschäugige Chimwazle genau diesen Moment für ein plötzliches Wiedererscheinen ausgewählt, bei dem er durch die Tür stolperte, seine langen Arme um den Kopf gewickelt. „Holt sie weg!“ brüllte er, während er zwischen den Tischen taumelte. „Au, au, au. Runter von mir, ich bin unschuldig, es war jemand anders!“ So schreiend krachte er zu Boden, wo er sich wand und wälzte und sich auf den Kopf und die Schultern schlug, während er weiter um Hilfe gegen Angreifer flehte, die nirgendwo ersichtlich zu sein schienen. „Twk“, schrie er, „Twk, Twk, elende Twk! Weg von mir, weg von mir!“

Prinz Rocallo zuckte zusammen. „Genug! Chimwazle, hör mit diesem unmännlichen Gejaule auf. Manche von uns versuchen zu trinken.“

Der Strolch wälzte sich auf seinen Hintern, der breit und wabbelig und üppig gepolstert war. „Die Twkmänner –“

„- bleiben draußen“, sagte Lirianne. Die Tür blieb weit offen, aber keiner der Twkmänner war Chimwazle nach drinnen gefolgt. Chimwazle blinzelte mit seinen Glubschaugen und spähte von einer Seite zur anderen, um sich zu vergewissern, dass das stimmte. Obwohl keine Twkmänner zu sehen waren, war sein Nacken mit eiternden Beulen bedeckt, wo sie ihn mit ihren Lanzen gestochen hatten, und weitere sprossen auf seinen Wangen und auf seiner Stirn.

„Ich hoffe, du kennst einen Heilungszauber“, sagte Rocallo. „Die sehen recht scheußlich aus. Aus der Beule auf deiner Wange sickert Blut.“ Chimwazle machte ein Geräusch, das halb ein Stöhnen und halb ein Krächzen war, und sagte: „Widerliche Kreaturen! Sie hatten keinen Grund, mich so zu misshandeln. Ich habe nur ihre überschüssige Population ausgedünnt. Es waren noch viele übrig!“ Schnaufend rappelte er sich wieder auf und holte sich seine Kappe zurück. „Wo ist dieser stinkende Wirt? Ich brauche sofort Salbe. Diese Nadelstiche haben zu jucken begonnen.“

„Jucken ist nur das erste Symptom“, sagte Lirianne mit einem hilfreichen Lächeln. „Die Lanzen der Twkmänner sind vergiftet. Bis zum Morgen wird dein Kopf so groß wie ein Kürbis sein, deine Zunge wird schwarz werden und platzen, deine Ohren werden sich mit Eiter füllen, und du wirst vielleicht von einem unwiderstehlichen Verlangen gepackt, mit einem Hoon zu kopulieren.“

„Einem Hoon?“ krächzte Chimwazle entsetzt.

„Vielleicht ein Grue. Es hängt vom Gift ab.“

Chimwazles Gesicht hatte eine tiefere Grünschattierung angenommen. „Dieser Affront ist nicht zu ertragen! Eiter? Hoons? Gibt es kein Heilmittel, keine Salbe, kein Gegengift?“

Lirianne neigte den Kopf nachdenklich zur Seite. „Nun ja“, sagte sie, „ich habe sagen hören, dass das Blut eines Zauberers ein sicheres Heilmittel für jeden Fluch oder jedes Toxin ist.“

*  *  *

„Ach!“ sagte Chimwazle erleichtert. „Unser Plan ist vereitelt. Also zurück in den Gemeinschaftsraum. Denken wir beim Bier nochmal darüber nach.“ Er kratzte sich heftig unter seinem Kinn und stöhnte.

„Warum nicht die Tür aufbrechen?“ fragte Lirianne. „Ein großer, starker Mann wie du…“ Sie drückte seinen Arm und lächelte. „Sofern du nicht lieber einem Hoon Vergnügen verschaffen würdest?“

Chimwazle schauderte, obwohl selbst ein Hoon diesem Jucken vielleicht vorzuziehen war. Aufschauend sah er das Oberlicht. Es war gerade einen Spalt offen, aber das mochte genug sein. „Rocallo, Freund, hebe mich auf deine Schultern.“

Der Prinz kniete nieder. „Wie du wünschst.“ Er war stärker, als er aussah, und schien keine Schwierigkeit damit zu haben, Chimwazle in die Luft zu heben, bei all seiner Körpermasse. Genauso wenig störten ihn die nervösen Trompetentöne aus Chimwazles unteren Körperteilen übermäßig.

Seine Nase an das Oberlicht pressend, ließ Chimwazle seine Zunge durch den Spalt und an der Innenseite des Türrahmens entlang nach unten gleiten und wickelte sie dann dreimal um das Holzbrett, das den Weg versperrte. Langsam, langsam hob er das Brett aus seinem Schlitz… aber das Gewicht erwies sich als zu groß für seine Zunge, und das Brett fiel klappernd zu Boden. Chimwazle taumelte rückwärts. Prinz Rocallo verlor sein Gleichgewicht, und die beiden fielen unter viel Gegrunze und Gefluche übereinander, während Lirianne gewandt zur Seite sprang.

Dann schwang die Tür auf.

*  *  *

Molloqos der Melancholische brauchte kein Wort zu sagen.

Schweigend gebot er ihnen einzutreten, und schweigend gehorchten sie, wobei Chimwazle auf Händen und Füßen über die Schwelle krabbelte, während seine Gefährten flink um ihn herumgingen. Als sie alle hereingekommen waren, schloss er die Tür hinter ihnen und verriegelte sie wieder.

Der Gauner Chimwazle war unter seiner schlaffen Kappe fast nicht wiederzuerkennen, sein krötenhaftes Gesicht war eine Masse eiternder Beulen, wo einige Twkmänner ihn mit ihren Lanzen geküsst hatten. „Salbe“, krächzte er, als er sich schwankend aufrappelte. „Wir sind um Salbe gekommen, tut mir leid, Euch zu stören. Gefürchteter Herr, solltet Ihr zufällig etwas Salbe gegen Jucken haben…“

„Ich bin Molloqos der Melancholische. Ich handle nicht mit Salben. Komm her und ergreife meinen Stab.“

Einen Moment lang sah Chimwazle aus, als würde er stattdessen aus dem Zimmer flüchten, aber am Ende neigte er den Kopf, schlurfte näher und wickelte eine weiche, gespreizte Hand um den Ebenholzschaft des Stabes des hochgewachsenen Zauberers. Innerhalb der Kristallkugel hatte das Wahr-Sehende Auge sich auf Lirianne und Rocallo gerichtet. Als Molloqos den Stab auf den Boden stieß, blinzelte das große goldene Auge einmal. „Nun sieh noch einmal deine Gefährten an, und sag mir, was du siehst.“

Chimwazles Mund stand offen, und seine Glubschaugen sahen aus, als wollten sie aus seinem Schädel fallen. „Das Mädchen ist in Schatten gehüllt“, ächzte er, „und unter ihrem sommersprossigen Gesicht sehe ich einen Schädel.“

„Und dein Prinz…“

„…ist ein Dämon.“

Das Ding, das Prinz Rocallo hieß, lachte und ließ all seine Verzauberungen sich auflösen. Sein Fleisch war rot und roh, glühte wie die Oberfläche der Sonne und war wie die Sonne halb von einer kriechenden schwarzen Lepra bedeckt. Rauch stieg stinkend aus seinen Nasenlöchern, die Bodenbretter begannen unter seinen Krallenfüßen zu schwelen, und schwarze Klauen sprangen aus seinen Händen, lang wie Messer.

Dann sprach Molloqos ein Wort und stampfte mit seinem Stab hart auf den Boden, und aus den Schatten in einer Ecke des Zimmers schoss eine Frauenleiche hervor, um auf den Rücken des Dämons zu springen. Während die beiden im Zimmer herumtaumelten und stolperten und aneinander rissen, tanzte Lirianne beiseite, und Chimwazle fiel rückwärts auf seinen üppigen Hintern. Der Gestank von brennendem Fleisch erfüllte die Luft. Der Dämon riss einen der Arme der Leiche aus und schleuderte ihn rauchend nach dem Kopf von Molloqos, aber die Toten fühlen keinen Schmerz, und ihr anderer Arm war um seine Kehle geschlungen. Schwarzes Blut floss wie Tränen über ihre Wangen, während sie ihn rückwärts auf das Bett zerrte.

Molloqos stampfte wieder mit seinem Stab auf. Der Boden unter dem Bett klaffte auf, die Matratze kippte, und Dämon und Leiche taumelten gemeinsam in einen gähnenden schwarzen Abgrund. Einen Moment später kam ein lautes Platschen von unten, gefolgt von einer wilden Kakophonie, Dämonenkreischen vermischt mit einem schrecklichen Pfeifen und Zischen, als ob tausend Kessel gleichzeitig zu kochen begonnen hätten. Als das Bett sich wieder gerade richtete, wurden die Geräusche gedämpft, aber es dauerte eine lange Zeit, bis sie endeten. „W-was war das?“ fragte Chimwazle.

„Zischaale. Das Gasthaus ist berühmt für sie.“

„Ich erinnere mich deutlich, dass der Wirt sagte, die Aale seien von der Spesekarte gestrichen worden“, sagte Chimwazle.

„Die Aale sind von unserer Speisekarte gestrichen, aber wir nicht von ihrer.“

*  *  *

Lirianne zog eine Schnute und sagte: „Die Gastlichkeit des Tarn House lässt viel zu wünschen übrig.“

Chimwazle näherte sich langsam der Tür. „Ich möchte resolut mit dem Wirt reden. Eine gewisse Anpassung unserer Rechnung würde in Ordnung scheinen.“ Er kratzte wütend an seinen Beulen.

„Ich würde davon abraten, in den Gemenschaftsraum zurückzukehren“, sagte der Nekromant. „Niemand im Tarn House ist ganz das, was er zu sein scheint. Die haarige Familie am Kamin sind Ghuls in Anzügen aus Menschenhaut und wegen der Fleischpasteten hier. Der Graubart im verblichenen Gewand eines Ritters des Alten Thorsingol ist ein böser Geist, der wegen der geizigen Trinkgelder, die er im Leben gegeben hatte, zu einer Ewigkeit mit purpurnem Scrumby verflucht wurde. Der Dämon und der Leukomorph sind kein Problem mehr, aber unser serviler Gastgeber ist der übelste von allen. Euer klügster Weg ist die Flucht. Ich schlage vor, ihr benutzt das Fenster.“

Der Große Chimwazle brauchte keine weitere Aufforderung. Er eilte zum Fenster, riss die Läden auf und schrie bestürzt auf. „Der Weiher! Ich hatte ihn vergessen. Der Weiher hat das Gasthaus umschlossen, es gibt keinen Weg hinaus.“

Lirianne spähte über seine Schulter und sah, dass es stimmte. „Das Wasser ist höher als zuvor“, sagte sie nachdenklich. Das war ärgerlich. Sie hatte zu schwimmen gelernt, bevor sie zu gehen gelernt hatte, aber das ölige Wasser des Weihers sah nicht gesund aus, und während sie nicht zweifelte, dass Kitzle-Mich-Gut jedem Zischaal gewachsen war, war er schwer, zu schwimmen und gleichzeitig mit dem Schwert zu kämpfen. Sie wandte sich wieder dem Nekromanten zu. „Ich nehme an, wir sind dann zum Untergang verurteilt. Sofern du uns nicht mit einem Zauberspruch rettest.“

„Welchen Zauberspruch hättest du gern, dass ich benutze?“ fragte Molloqos in ätzendem Ton. „Soll ich eine Agentur für Fernversand beschwören, um uns drei schnell zum Ende der Erde wegzuholen? Feuer vom Himmel mit der Exzellenten Prismatischen Bestäubung herabrufen, um dieses widerliche Gasthaus niederzubrennen? Die Worte von Phandaals Bibbernder Kälte aussprechen, um das Wasser des Weihers steinhart gefrieren zu lassen, damit wir sicher über es hinwegflitzen können?“

Chimwazle schaute hoffnungsvoll auf. „Ja, bitte.“

„Welchen?“

„Irgendeinen. Der Große Chimwazle war nicht dazu bestimmt, in einer Fleischpastete zu enden.“ Er kratzte an einer Beule unter seinem Kinn.

„Sicherlich kennst du diese Zaubersprüche selbst“, sagte Molloqos.

„Ich kannte sie“, sagte Chimwazle, „aber irgendein Schuft hat mein Zauberbuch gestohlen.“

Molloqos kicherte. Es war das traurigste Geräusch, das Lirianne jemals gehört hatte. „Es spielt keine Rolle. Alle Dinge sterben, sogar die Magie. Verzauberungen verlieren ihre Wirkung, Zaubereien lösen sich auf, Zauberbücher werden zu Staub, und selbst die mächtigsten Zaubersprüche wirken nicht mehr so wie einst.“

Lirianne legte den Kopf schief. „Wirklich?“

„Wirklich.“

„Oho.” Sie zog ihr Schwert und kitzelte sein Herz.

*  *  *

Der Nekromant starb lautlos, seine Beine klappten langsam unter ihm zusammen, als würde er zum Beten niederknien. Als das Mädchen sein Schwert aus seiner Brust gleiten ließ, stieg eine scharlachrote Rauchfahne aus der Wunde auf. Sie roch nach Sommernächten und dem Atem von Jungfrauen, süß wie ein erster Kuss.

Chimwazle war bestürzt. „Warum hast du das getan?“

„Er war ein Nekromant.“

„Er war unsere einzige Hoffnung,“

„Du hast keine Hoffnung.“ Sie wischte ihre Klinge an ihrem Ärmel ab. „Als ich fünfzehn war, wurde ein junger Abenteurer vor dem Gasthaus meines Vaters verwundet. Mein Vater war zu freundlich, um ihn dort im Staub sterben zu lassen, daher trugen wir ihn nach oben, und ich pflegte ihn gesund. Bald nachdem er abgereist war, fand ich heraus, dass ich ein Kind unter dem Herzen trug. Sieben Monate lang schwoll mein Bauch an, und ich träumte von einem Baby mit seinen blauen Augen. In meinem achten Monat hörte das Anschwellen auf. Danach wurde ich mit jedem verstreichenden Tag schlanker. Die Hebamme erklärte mir alles. Wozu ist es gut, neues Leben in eine sterbende Welt zu bringen? Meine Gebärmutter sei weiser als mein Herz, sagte sie. Und als ich sie fragte, warum die Welt starb, neigte sie sich zu mir und flüsterte: ‚das Werk von Zauberern‘.“

„Nicht mein Werk.“ Chimwazle kratzte mit beiden Händen an seinen Wangen, halb verrückt von dem Jucken. „Was, wenn sie sich irrte?

„Dann wirst du umsonst gestorben sein.“ Lirianne konnte seine Angst riechen. Der Duft der Zauberei war an ihm, aber schwach, schwach, ertrinkend unter dem grünen Gestank seines Schreckens. Wahrlich, dieser war eine schwache Sorte von Magier. „Hörst du die Aale?“ fragte sie ihn. „Sie sind immer noch hungrig. Würdest du gern gekitzelt werden?“

„Nein.“ Er wich von ihr zurück, seine blutigen Finger gespreizt.

„Schneller, als lebendig von den Aalen gefressen zu werden.“ Kitzle-Mich-Gut schwenkte in der Luft herum, glitzernd im Kerzenlicht.

„Bleib weg“, warnte Chimwazle sie, „oder ich rufe die Exzellente Prismatische Bestäubung auf dich herab.“

„Das würdest du vielleicht. Wenn du sie kennen würdest. Was du nicht tust. Oder wenn sie funktionieren würde. Was sie nicht wird, wenn man unserem verstorbenen Freund glauben kann.“

Chimwazle wich einen weiteren Schritt zurück und stolperte über die Leiche des Nekromanten. Als er die Hand ausstreckte, um seinen Fall abzufangen, streiften seine Finger den Stab des Zauberers. Er ergriff ihn und sprang wieder auf die Füße. „Bleib weg. Es ist immer noch Macht in diesem Stab, ich warne dich. Ich kann sie fühlen.“

„Das mag sein, aber es ist keine Macht, die du benutzen kannst.“ Lirianne war sich dessen sicher. Er war kaum ein halber Zauberer, dieser Kerl. Höchstwahrscheinlich hatte er jene Täfelchen gestohlen und dafür bezahlt, sich die Kakerlaken verzaubern zu lassen. Armes trauriges böses Ding. Sie beschloss, seinem Elend ein schnelles Ende zu machen. „Steh still. Kitzle-Mich-Gut wird dein Jucken heilen. Ich verspreche, das wird nicht wehtun.“

„Das schon.“ Chimwazle packte den Stab des Zauberers mit beiden Händen und ließ die Kristallkugel auf ihren Kopf niederkrachen.

*  *  *

Chimwazle zog beide Leichen aus, bevor er sie über die Rutsche hinter dem Bett hinunterwarf, in der Hoffnung, die Zischaale zum Schweigen zu bringen. Das Mädchen war nackt noch hübscher, als sie es bekleidet gewesen war, und rührte sich schwach, als er sie quer durch das Zimmer schleifte. „Solch eine Verschwendung“, murmelte Chimwazle, als er sie in den Abgrund hinunterwälzte. Ihr Hut war viel zu klein für ihn und hatte eine gebrochene Feder, aber ihr Schwert war aus feinem, starkem federndem Stahl geschmiedet, ihr Geldbeutel war dick von Terzen, und das Leder ihrer Stiefel war weich und geschmeidig. Zu klein für seine Füße, aber vielleicht würde er eines Tages ein anderes hübsches sommersprossiges Mädchen finden, das sie für ihn tragen würde.

Selbst im Tod präsentierte der Nekromant solch eine schreckliche Miene, dass Chimwazle sich beinahe davor fürchtete, ihn zu berühren, aber die Aale zischten unten immer noch hungrig, und er wusste, dass seine Chance zu entkommen sehr verbessert würde, wenn sie gesättigt waren. Daher stählte er sich, kniete nieder und löste die Klammer, die den Mantel des schrecklichen Zaubereres hielt. Als er seine Leiche umdrehte, um das Kleidungstück auszuziehen, zerflossen die Gesichtszüge des Zauberers wie schwarzes Wachs, schmolzen weg, um eine Pfütze auf dem Boden zu bilden. Chimwazle kniete über einer runzligen zahnlosen Leiche mit trüben weißen Augen und Pergamenthaut, seine Glatze war mit einem Spinnennetz dunkelblauer Adern bedeckt. Er wog nicht mehr als ein Hautsack, aber er hatte ein kleines Lächeln auf seinen Lippen als Chimwazle ihn zu den Zischaalen hinnterwarf.

Zu diesem Zeitpunkt schien das Jucken nachzulassen. Chimwazle kratzte sich noch ein paar letzte Male und befestigte den Mantel des Nekromanten um seine Schultern. Sofort fühlte er sich größer, härter, strenger. Warum sollte er die Dinger unten im Gemeinschaftsraum fürchten? Sollten sie sich vor ihm fürchten!

Er eilte ohne einen Blick zurück die Stufen hinunter. Der Geist und die Ghuls warfen einen Blick auf ihn und rückten beiseite. Sogar Kreaturen wie sie wussten es besser, als einem Zauberer mit solch furchterregendem Auftreten Ärger zu machen. Nur der Wirt wagte es, ihn anzusprechen. „Gefürchteter Herr“, murmelte er, „wie werdet Ihr Eure Rechnung begleichen?“

„Damit.“ Er zog sein Schwert und kitzelte das Ding. „Ich werde das Tarn House anderen Reisenden nicht empfehlen.“

Schwarzes Wasser umschloss das Gasthaus immer noch, aber es war nicht mehr als hüfttief, und es fiel ihm leicht genug, zu festem Boden zu waten. Die Twkmänner waren in die Nacht verschwunden, und die Zischaale waren ruhig geworden, aber die Deodanden standen immer noch dort, wo er sie zuletzt gesehen hatte, und warteten bei der eisernen Sänfte. Einer grüßte ihn. „Die Erde stirbt, und bald wird die Sonne versagen“, sagte er. „Wenn das letzte Licht schwindet, werden alle Zaubersprüche versagen, und wir werden am festen weißen Fleisch von Molloqos schmausen.“

„Die Erde stirbt, aber ihr seid tot“, antwortete Chimwazle und wunderte sich über das tiefe und düstere Timbre seiner Stimme. „Wenn die Sonne erlischt, dann werden alle Zaubersprüche versagen, und ihr werdet wieder zu Urschlamm verrotten.“ Er kletterte in die Sänfte und befahl den Deodanden, ihn hochzuheben. „Nach Kaiin.“ Vielleicht würde er irgendwo in der weiß ummauerten Stadt eine geschmeidige Maid finden, um für ihn nackt in den hohen Stiefeln des sommersprossigen Mädchens zu tanzen. Oder falls damit nichts wurde, dann einen Hoon.

In die purpurne Düsternis davon ritt Molloqos der Melancholische, getragen auf einer eisernen Sänfte von vier toten Deodanden.

*       *       *

Eine SF-Geschichte von George R. R. Martin: Eine Affäre an der Peripherie

Siehe auch die Fandomentals-Artikel von Priscilla Zorzi über GRRM-Geschichten sowie meine Buchvorstellung von GRRMs „Die Flamme erlischt“

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