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Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 1

Von Bret Devereaux. Original: How It Wasn’t: Game of Thrones and the Middle Ages, Part I, veröffentlicht am 28. Mai 2019 (A Collection of Unmitigated Pedantry – A look at history and popular culture).

Diese Serie ist nun im Audioformat verfügbar; die gesamte Playlist kann man hier anhören.

Der folgende Beitrag ist der erste Teil einer dreiteiligen Serie, wo wir uns die Frage ansehen: „wie mittelalterlich ist Game of Thrones?“ und – wenn nicht auf dem europäischen Mittelalter – auf welcher Periode der Geschichte beruht es am meisten? In jedem Teil werden wir auf einen anderen historischen Rahmen zurückgreifen; zuerst auf die Militärgeschichte, dann auf die Sozialgeschichte und schließlich auf die politische Geschichte.

Teil 1, den ihr jetzt gerade lest, wird sich damit aus der Perspektive der Struktur von Krieg und Konflikt befassen. Teil 2 (hier) wird diese Frage stattdessen aus einer Perspektive der Sozialgeschichte stellen und kulturelle und religiöse Normen zusammen mit Fragen nach Geschlechterrollen und Familienstruktur. Zuletzt wird Teil 3 (hier) politische Strukturen und Normen betrachten (und auch die Schlussausführungen enthalten).

Aber zuerst möchte ich eine Frage beantworten: Warum mache ich mir die Mühe? Ist das nicht alles ein Haufen nutzloser Korinthenkackerei? Nun, erstens – was habt ihr von einem Blog erwartet, der A Collection of Unmitigated Pedantry heißt? Nutzloses Korinthenkacken ist unsere Spezialität. Aber – wenigstens einmal – denke ich, dass das nützliches Korinthenkacken ist. Für sehr viele Menschen wird Westeros zum Gesicht des europäischen Mittelalters werden und verzerrende vorgefasste Vorstellungen über diese Periode weiter bestärken. Wie wir die Vergangenheit sehen, hat einen enormen Einfluss darauf, was wir über die Gegenwart denken. Insbesondere verschafft uns die Tendenz, die ferne Vergangenheit als eine Zeit der hemmungslosen Barbarei zu sehen, sowohl ein unverdientes Überlegenheitsgefühl als auch oft eine gefährliche Überheblichkeit – „wir sind nicht mehr so, das kann nicht mehr passieren – die Menschen in der Vergangenheit waren einfach dumm“. Aber sie waren nicht einfach dumm oder einfach Verrückte – sie waren Menschen. Menschen sind Menschen, egal wann sie lebten.

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir von enthusiastischen Fans gesagt worden ist, dass Game of Thrones anderen Fantasy-Werken überlegen sei, weil es eine mittelalterliche Gesellschaft zeige, „wie sie wirklich war“ oder „realistischer“. Manchmal wird dieses Lob einfach auf „die Vergangenheit“ extrapoliert, als ob die menschliche Erfahrung eine Dualität zwischen „dem Jetzt“ (wo die Dinge gut sind) und „der Vergangenheit“ (als die Dinge einheitlich schlecht waren) sei. Die Behauptung, Game of Thrones sei dem „wirklichen“ Mittelalter getreuer, ist eine Behauptung nicht nur über Game of Thrones, sondern auch über die Natur des Mittelalters selbst. Und diese Behauptung verdient beurteilt zu werden. [Unten: Für ein Mittelalter ist mehr erforderlich als Ritter wie diese! Nicht zuletzt, weil diese Ritter nicht mittelalterlich sind – sie stammen von ca. 1540, aus der frühen Neuzeit (ca. 1450 – 1789).]

Dies ist ein Teil des Grundes, warum ich mich dafür entschieden habe, primär die Fernsehserie Game of Thrones zu betrachten und nicht die Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer (A Song of Ice and Fire, ASOIAF). Die Fernsehserie – die viele Millionen Menschen mehr erreicht und kulturell viel weitere Verbreitung hat – wird eine viel größere Wirkung auf die öffentliche Wahrnehmung der Vergangenheit haben. Außerdem scheint, um ehrlich zu sein, die „Verteidigung der Historizität“, die wiederholt für die Fernsehserie vorgebracht wird, als Verteidigung für die Bücher weniger gängig zu sein (teilweise vielleicht, weil Buchfans das Gefühl zu haben scheinen, dass die Bücher weniger Verteidigung benötigen).

Wir sollten für den Zweck dieses Vergleichs das europäische Mittelalter auch definieren. Das Mittelalter in Europa erstreckte sich von ca. 500 n. Chr. bis ca. 1450 n. Chr. eine beinahe 1000jährige Periode. Verständlicherweise gibt es massive Unterschiede zwischen dem wie Krieg und Gesellschaft im Jahr 550 aussahen verglichen mit 1350. Aber die äußere Aufmachung von Game of Thrones ist viel spezifischer: die Ritter in Plattenrüstungen, höfische Damen und kriegerische Turniere beschwören alle das Hochmittelalter (ca. 1000 – 1250) und das Spätmittelalter (ca. 1250 – 1450), daher ist das die Periode, mit dem wir es primär vergleichen werden.

Und schließlich zwei letzte Vorbehalte, bevor wir uns in die Sache stürzen. Erstens ist dies keine Kritik am Worldbuilding von George R. R. Martin. Es gibt immerhin keinen Grund, warum seine Fantasy-Welt dem europäischen Mittelalter getreu sein muss (wir werden auch über bekannte/mögliche historische Inspirationen reden, sowie wir dazu kommen). Ich denke nicht, dass Martin sich vorgenommen hatte, eine raffinierte Vorlesung über die Kultur des Mittelalters in Fantasyromanform zu entwerfen, daher kann man ihm nicht vorwerfen, etwas unterlassen zu haben, das er nie auch nur versuchte. Zweitens wird diese Betrachtung sich mehr auf die Fernsehserie als auf die Bücher beziehen, einfach weil die TV-Serie komplett ist und es leichter ist, etwas Vollständiges zu diskutieren – dennoch können Elemente des ASOIAF-Hintergrundes, die es nicht in die TV-Serie schafften, aber dennoch illustrativ sind, zur Sprache kommen.

In Ordnung? Stürzen wir uns in die Sache.

Destruktivität

Eine Sache, die Game of Thrones sehr klarmacht, ist, wie brutal zerstörerisch die Kriege von Westeros sind. Das Rad – „es dreht sich immer weiter und zermalmt jene am Boden“ (S5E8) – kommt der Beendigung der Gesellschaft von Westeros als Ganzes sehr nahe. Der Krieg der Fünf Könige zerrüttet die Nahrungsversorgungssituation ausreichend, um Hungersnöte und Verhungern in den Kronlanden und blutige Unruhen in Königsmund zu verursachen (S2E6). Königsmund selbst sollte während der Einnahme der Stadt durch Daenerys (S8E5) im Wesentlichen zerstört werden, mit wahrscheinlich hunderttausenden Opfern, angesichts des Ausmaßes der Zerstörung und der angegebenen Größe der Stadt (aber mehr dazu später).

Aber wie zerstörerisch ist dieses Rad wirklich? Können wir eine Zahl dafür angeben? Weder die Fernsehserie noch die Bücher liefern eine klare Metrik, um die Kriegsverluste abzuschätzen, aber angesichts des Brandes von Königsmund und der wiederholten Erwähnungen von Hungersnot können sie nicht niedriger als mehrere hunderttausend allein für die Zivilisten sein (und möglicherweise viel höher, wenn wir die Todesfälle durch die beinahe gewisse Winterhungersnot inkludieren). Hierzu müssen der Norden und die Flusslande hinzugezählt werden, die eine anhaltende Verheerung und Besetzung erleben.

Was ist mit Armeeverlusten? Die Armeen der Häuser Tyrell, Lannister und Baratheon werden alle auf dem Schlachtfeld vernichtet – wir werden Fragen nach dem Ausmaß demnächst betrachten -, aber vorerst: wenn sie die Hälfte ihrer Stärke verloren, dann könnten wir etwa 80.000 an Verlusten für diese Häuser schätzen. Die Verluste für die Flusslande, den Norden, Dorne, die Kronlande und die Eiseninseln sind weniger klar, aber wir könnten annehmen, dass sie ungefähr gleich sind wie die vorerwähnte Gesamtsumme. Zu der dann Daenerys‘ Streitkräfte hinzugezählt werden müssen, die bei Winterfell durch den Verlust von 4000 Unbefleckten und 30.000 Dothraki auf die Hälfte reduziert wurden (uns wird gesagt, dass sie „die Hälfte“ von beiden verlor).

Beruhend auf all diesen Spekulationen könnten wir überschlägig eine Mindestverlustzahl in den Kriegen als 300.000+ Zivilisten und ungefähr 200.000 Kombattanten annehmen (worin nicht die bei Essos erlittenen Verluste enthalten sind). Wenn man eine weitverbreitete Hungersnot hinzunimmt – und das sollte sie fast sicher werden, angesichts des kommenden Winters -, dann wäre die wirkliche Zahl viel höher, vielleicht weit über eine Million. Und wir haben die beinahe totale Vernichtung der Wildlinge weggelassen, deren Tod durch die südwärts marschierende Armee der Toten verursacht wurde, oder durch Überfälle der Eisenmänner. Dazu müsste die Übersterblichkeit durch Krankheiten hinzugerechnet werden – die wahrscheinliche Gesamt-Opferzahl könnte somit leicht in der Nähe von 2.000.000 oder mehr liegen.

Krieg ist in Game of Thrones somit nicht nur endemisch, sondern auch schockierend zerstörerisch. Wichtig ist dabei, dass die Kriegführung in Westeros ein demografisch signifikantes Ausmaß erreicht – dieser Krieg reicht aus, um eine reale, identifizierbare Abnahme der Gesamtbevölkerung von Westeros zu bewirken (die Bücher liefern nichts, anhand dessen man die Größe von Westeros‘ Bevölkerung schätzen könnte, aber eine grobe Schätzung von 40 Millionen ist völlig realistisch – was bedeutet, dass der Krieg in nur ein paar Jahren ungefähr zwischen 2,5 und 5 % der gesamten Bevölkerung tötete). Dies ist ein Ausmaß von Tod, das zukünftige Archäologen und Historiker von Westeros, die Dörfer ausgraben und Gemeindeaufzeichnungen lesen, durch den deutlichen Bevölkerungsverlust identifizieren können werden. Derart zerstörerische Kriege sind vor der Neuzeit selten – die meisten Kriege sind nicht in diesem Sinn „demografisch sichtbar“, weil die Kriegsverluste im „Rauschen“ der normalen Geburten und Todesfälle untergehen.

Während Kriege im Mittelalter häufig waren, waren sie im Allgemeinen nicht so zerstörerisch. Die Destruktivität und das Ausmaß der Todesfälle in mittelalterlichen Kriegen ist wegen der Natur der Quellen beinahe unmöglich mit einiger Präzision zu schätzen. Aber man kann ein paar Vergleiche anstellen. Die Standardschätzung für den Verlust an Leben durch die Kreuzzüge ist 1 – 3 Millionen, was bedeutet, dass der Krieg der Fünf Könige innerhalb von drei oder vier Jahren ungefähr so tödlich war wie zweihundert Jahre (1091 – 1291) mittelalterlicher Religionskriege im Nahen Osten. Ein alternativer Vergleich: man denkt, dass der Albigenserkreuzzug – ein Versuch in Frankreich, die Häresie der „Katharer“ zu unterdrücken – etwas im Bereich von 200.000 bis 800.000 Menschen tötete; der Großteil der Gewalt dauerte zwanzig Jahre (1209 – 1229), aber in der Totenzahl ist typischerweise auch das Resultat jahrzehntelanger Bestrebungen der Inquisition enthalten, die erst 1350 vollendet waren, eineinhalb Jahrhunderte nach dem Beginn des Kreuzzugs. Wichtig ist, dass diese Kriege – die das Ausmaß und die Intensität des Krieges in Westeros immer noch weit verfehlen – Religionskriege waren, wo Normen, die Gewalt gegen Zivilisten verhindern, viel schwächer waren.

Die meisten Kriege waren keine Religionskriege, und diese tendierten dazu, bedeutend weniger zerstörerisch zu sein, besonders für die Bauern, die die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Teilweise war das einfach praktische Vernunft: in einem Territorialkrieg war die Kontrolle der Bauernschaft und ihrer landwirtschaftlichen Produktion das Ziel, daher erreichte Massenmord an der Bauernschaft wenig. Kriege zwischen adeligen Herren konnten somit oft „über die Köpfe der Bauernschaft hinweg“ stattfinden (obwohl die Gefahr, überfallen zu werden oder dass Lebensmittel für die Verwendung durch die Armeen gestohlen wurde, akut blieb – wir sollten nicht herunterspielen, wie hart selbst diese Kriege für die Menschen vor Ort sein konnten).

Ein weiterer Faktor war eine Anzahl von sozialen Normen. Während das Mittelalter eine Zeit häufiger (kleiner) Kriege war, gab es in dieser Zeit auch einige der ersten Versuche zur Einschränkung der Gewalt in einem allgemeinen Sinn, die aus der katholischen Kirche entstanden: die Gottesfriedensbewegung. Der Gottesfriede (10. – 11. Jahrh.) gab der Bauernschaft und dem Klerus (zusammen mit Frauen und Witwen) religiösen Schutz als Nichtkombattanten. Die Kirche hielt Ritter und Lords dazu an, Eide dahingehend zu schwören, dass sie den Frieden nicht durch Angriffe auf die Bauernschaft verletzen würden.

Das soll nicht heißen, dass dieses Verbot immer hielt – in der Praxis scheint es zum Großteil nur ausnahmsweise beachtet worden zu sein. Aber in deutlichem Gegensatz zur Kriegführung in Westeros, wo Angriffe gegen die Zivilbevölkerung eindeutig normal sind – Tywin denkt sich nichts dabei, „die Flusslande vom Götterauge bis zum Roten Arm des Trident in Brand zu setzen“ (S1E10), und keiner seiner Bannermänner stellt den Befehl in Frage. Cerseis Versuch in Staffel 8,  Daenerys durch Versammeln von Zivilisten von Angriffen abzuschrecken, wird nur unternommen, weil sie denkt, dass Daenerys anders ist als ein normaler Lord – der sich bei dem Abschreckungsmittel vermutlich nichts denken würde.

In diesem Sinn ist Krieg in Westeros weniger wie Krieg im Mittelalter – wo es, ob es beachtet wurde oder nicht, ein allgemeines Gefühl gab, dass manche Individuen „Zivilisten“ waren und somit keine zulässigen militärischen Ziele -, und mehr wie Krieg in der Antike. Für die Römer zum Beispiel wurden Kriege im Allgemeinen gegen Völker geführt – die Römer reden davon, im Krieg mit den Karthagern zu sein (mit allen), oder mit den Keltiberern (mit allen), oder mit den Helvetern (mit allen). Die eine Ausnahme sind die hellenistischen Monarchien des Ostens, die die persönlichen Besitzungen von Königsfamilien waren statt von größeren ethnischen Gruppierungen – dort zogen die Römer gegen individuelle Monarchen in den Krieg. Aber das war die Ausnahme statt die Regel.

In diesem Kontext – wo die Römer sich im Krieg mit einem gesamten Volk befanden, wurde das gesamte Volk zu zulässigen militärischen Zielen. Und die Römer verhielten sich dementsprechend. Polybius beschreibt den römischen Prozess für die Plünderung einer Stadt – „Als Scipio dachte, dass eine ausreichende Zahl von Soldaten [in die Stadt] eingedrungen waren, schickte er die meisten davon, wie es der römische Brauch ist, gegen die Bewohner der Stadt mit dem Befehl, alle zu töten, denen sie begegneten, niemanden zu verschonen und mit der Plünderung erst zu beginnen, wenn das Signal gegeben wurde… man kann oft nicht nur die Leichen menschlicher Wesen sehen, sondern auch entzweigehauene Hunde und die abgetrennten Gliedmaßen anderer Tiere…“ (Polybius 10.15.4-5; Hervorhebungen von mir). Solche Schlächtereien wurden nicht als außerhalb der Regeln des Krieges gesehen, sondern vielmehr als normale Konsequenz des Versuchs, gegen eine Belagerungsarmee auszuhalten. Eine Stadt, die ein Massaker vermeiden wollte, sollte kapitulieren, bevor die Belagerung im Ernst begann (gemäß der römischen Kriegsregeln war der letzte Moment für eine Kapitulation jener bevor die erste Ramme die Stadtmauer berührte).

Es ist wahr, dass dieselbe Art von unterschiedslosem Töten gelegentlich im Mittelalter vorkam, fast immer im Kontext von Religionskriegen (wo die religiösen Einschränkungen der Gewalt nicht galten, nachdem die Feinde Häretiker oder Ungläubige waren), aber selbst dann wird das von den Quellen typischerweise als ungewöhnlich und schockierend präsentiert. Die Einnahme Jerusalems während des Ersten Kreuzzugs (1099) ist das typische Beispiel für maximale mittelalterliche Brutalität – die Kreuzfahrer massakrierten die Bevölkerung der Stadt in einem entsetzlichen Blutrausch. Raymond d’Aguliers, ein Augenzeuge, sagt von dem Massaker: „Wenn ich die Wahrheit sage, wird sie eure Fähigkeit zu glauben überschreiten“ – doch solch eine Schlächterei wäre in der römischen Welt normal und nicht bemerkenswert gewesen – oder anscheinend in Westeros. Was 1099 n. Chr. außergewöhnlich war, war 199 v. Chr. normal – oder in Königsmund.

Natürlich gibt es einen weiteren Grund, warum mittelalterliche Kriege tendenziell viel weniger zerstörerisch waren – mittelalterlichen Herrschern fehlte einfach die Kapazität – in Verwaltung, Infrastruktur und Ressourcen -, um so viel Schaden anzurichten. Und das bringt uns zum:

Ausmaß der Kriegführung

Krieg war im mittelalterlichen Europa im Allgemeinen eine relativ kleine Angelegenheit. Während viel Aufmerksamkeit Kriegen zwischen Königen gewidmet wird – dem Hundertjährigen Krieg, dem Rosenkrieg etc. -, war die große Mehrheit der Konflikte klein und fand zwischen lokalen Herren mit begrenzten Besitzungen statt. An dieser Art von Krieg waren oft „Armeen“ von nur Dutzenden oder Hunderten von Männern beteiligt. In der Vergangenheit habe ich Studenten Auszüge aus den vielen Beschwerden von Hugo V. von Lusignan (aus dem Jahr 1028) lesen lassen – Hugo befindet sich ständig im militärischen Konflikt mit seinen Nachbarn, aber das Ausmaß solcher Konflikte ist winzig – er nimmt zum Beispiel nur 43 Reiter für den Versuch mit, eine Burg und etwas Land zu gewinnen (und doch ist es eine ausreichend große Streitmacht, dass sein Lehnsherr, der Graf von Aquitanien, davon weiß und ihn wieder an den Hof zurückbeordert). Dieselbe Art von kleinmaßstäblicher Kriegführung bevölkert die „Geschichten von Kriegstaten“ (französisch: Chansons de Geste), wie jene von Raoul de Cambrai, wo Raoul das Gedicht hindurch versucht, das Lehen von Vermandois zurückzugewinnen (Raouls chanson berührt auch den vorherigen Punkt über Normen der Kriegführung: Raoul bricht den Gottesfrieden, indem er einen Konvent angreift, was seinen besten Ritter, Bernier, veranlasst, gegen ihn Partei zu ergreifen: Bernier tötet Raoul dann im Kampf, was zu einer Blutfehde zwischen den Familien führt. Beachtet, wie die Verletzung des religiösen Schutzes für Nichtkombattanten somit zum Untergang der Protagonisten und zu einem dauerhaften Zerwürfnis in der Gemeinschaft führt – die Moral ist klar: greift keine Nichtkombattanten an).

Im Vergleich damit sind die Armeen von Westeros riesig. Wenn wir nach dem Wiki of Ice and Fire gehen, könnten wir die Feldarmeen – nicht eingeschlossen Garnisonen und andere kleine Streitkräfte – jedes der großen Akteure ungefähr so schätzen:

Der Norden: 20.000 – 30.000 (aber langsam zu versammeln; theoretische Stärke 45.000)

Eiseninseln: 20.000

Flusslande: ca. 20.000 (theoretische Stärke 45.000, aber politisch gespalten)

Tal von Arryn: Ungefähr gleich wie der Norden oder Dorne (theoretisch ca. 45.000)

Westlande: 35.000 im Krieg im Feld (theoretisch: 55.000)

Kronlande: 10.000 bis 15.000

Sturmlande: ca. 30.000

Die Weite: 80.000 – 100.000 mit Renly (!!) eingesetzt

Dorne: ca. 50.000 hält man für die Martells für verfügbar

Zum Vergleich: die französische Armee bei Agincourt (1415) war nicht größer als vielleicht 35.000 Mann (manche Historiker haben argumentiert, dass sie bedeutend kleiner war), und doch genügte ihre Niederlage, um Frankreich zu verkrüppeln (was darauf hindeutet, dass die Armee den Löwenanteil der Feldstreitkräfte darstellte, die für den König von Frankreich zu der Zeit verfügbar war). Die englische Feldstreitmacht war kleiner – nur um die 9.000. Agincourt war kein kleines Scharmützel – dies waren königliche Armeen, die das Beste darstellten, was ihre Königge aufbieten konnten (Heinrich V, der König von England, war tatsächlich bei seiner Armee). Genauso wenig waren diese typischen Größen auf England und Frankreich beschränkt. Die Schlacht von Nicopolis (1396) fand zwischen den Osmanen auf einer Seite und einer großen Allianz christlicher Mächte auf der anderen statt, und es waren daran wahrscheinlich nicht mehr als 40.000 Männer auf beiden Seiten beteiligt (was zwei Armeen von ca. 20.000 bedeutet), trotz der Tatsache, dass die Schlacht zwischen den gut organisierten Osmanen auf einer Seite und mehr als einem Dutzend europäischer Mächte auf der anderen stattfand.

Im Vergleich damit sind die Armeen von Westeros massiv – und in den obigen Zahlen sind nicht die aus mehreren hundert Schiffen bestehenden Flotten enthalten, die viele Lords unterhalten. Renly Baratheon allein hat im Feld eine Schar von 100.000 Männern; Mace Tyrell marschiert später mit 70.000 Tyrell-Soldaten auf Königsmund. Zum Vergleich: im Jahr 1527 – weit in der frühen Neuzeit (wo die Größe von Armeen deutlich nach oben springt) – bestand die gesamte osmanische Armee aus 18.000 regulären Soldaten und 90.000 Timarioten (ethnischen Türken, die für spezifische Feldzüge zum Kampf gerufen wurden, so ziemlich wie Ritter und ihr Gefolge). Die Osmanen waren viel besser organisiert als jede mittelalterliche europäische Macht (weshalb es großer Allianzen bedurfte, der osmanischen Expansion entgegenzutreten – siehe oben). Und all diese osmanischen Truppen konnten absolut nicht an einem Ort unterhalten werden, wie es Renly mit seiner Schar tut.

Es hilft wenig, zu protestieren, dass Westeros ein riesiges Gebiet umfasst, weil das einfach neue Probleme aufwirft: die Logistik derart großer Armeen ist wahrscheinlich jenseits der Kapazität der meisten mittelalterlichen europäischen Herrscher. Selbst die Römer – deren logistische Kapazität jene des Mittelalters bedeutend überstieg – versammelten selten so große Armeen wie die von Renly oder Mace Tyrell, und nur für kurze Zeiten. Tiberius (als General unter dem Kaiser Augustus) versammelte eine Armee von ca. 100.000, um sich mit einer Revolte in Illyricum (dem heutigen Albanien, Bosnien und Teilen Kroatiens und Sloweniens) zu befassen – die Armee war groß genug, um die gesamte Provinz innerhalb eines einzigen Jahres in eine Hungersnot zu essen (was eigentlich Tiberius‘ Ziel gewesen zu sein scheint – die Revolte zu unterdrücken, indem man ihr Versorgungsgüter verwehrt) und wich nie weit von den Flüssen ab (wo sie über größere Entfernungen versorgt werden konnte).

Mace Tyrells Armee wird etwa 850 Meilen die Rosenstraße entlang nach Königsmund zu marschieren gehabt haben. Sie bewegte sich wahrscheinlich nicht schneller als 10 Meilen pro Tag, daher marschierte sie 85 Tage lang (legt diese Zahl zu den Akten – wir werden darauf zurückkommen). 80.000 Männer, zusammen mit Tragtieren für einen recht schlanken Tross (ca. 20.000 Maultiere – ja, das ist ein recht schlanker Tross für eine Armee dieser Größe!) würden um die 189 Tonnen Nahrung pro Tag konsumieren. Die Armee könnte in der Lage sein, Vorräte für etwa 20 Tage mitzuführen (das setzt voraus, dass diese Maultiere viele große, langsame Wagen ziehen), und sie ist viel zu groß, um sich einfach durch Ausplündern der örtlichen Bauern unterwegs zu versorgen. Das bedeutet, dass die Tyrells Nahrungsdepots an Schlüsselstellen entlang der gesamten Rosenstraße anlegen mussten. Wie viel Nahrung? Unter der Annahme, dass die Armee voll versorgt in Rosengarten aufbricht (das erscheint unwahrscheinlich), 12.285 Tonnen. Und da sind die Pferde nicht einmal berücksichtigt.

Kein mittelalterlicher König hatte Zugriff auf diese Art von Ressourcen, noch auf die Art von Verwaltung, die solch massive Mengen von Versorgungsmaterial beschaffen konnte. Das Römische Reich konnte das. Aber es erforderte die Mitwirkung von Finanzbeamten, örtlichen Magistraten und ein aufgebautes Versorgungssystem (das durch eine große stehende Armee von Berufssoldaten erhalten wurde). Und das führt uns zu:

Armeebauen für Dummies

Erinnert ihr euch an diese Zahl von 85 Tagen? Wir werden darauf zurückkommen. Bald. Ich verspreche es.

Die Phrase, die ich den Köpfen meiner Studenten über die Struktur mittelalterlicher Armeen einhämmere, ist, dass sie ein Gefolge aus Gefolgschaften sind. Damit meine ich, dass die Art, wie ein mittelalterlicher König seine Armeen aufstellt, darin besteht, dass er einen Haufen von Militäraristokraten (lies: Adeligen) hat, die ihm Militärdienst schulden (sie sind seine „Vasallen“) – sein Gefolge. Wenn er in den Krieg zieht, ersucht er all seine Vasallen, zu erscheinen. Aber jeder dieser Vasallen hat ebenfalls seinen eigenen Haufen von Militäraristokraten, die seine Vasallen sind – sein Gefolge. Und das wiederholt sich die Reihe hinunter, sogar bis hinunter zu einem einzelnen Ritter, der wahrscheinlich eine Handvoll von Nichtadeligen als sein Gefolge hat (vielleicht ein paar seiner Bauern, oder vielleicht hat er einen oder zwei Söldner als Dienstmänner angeheuert).

Falls ihr einen wirklich detaillierten (und recht trockenen) Blick darauf lesen wollt, wie das funktionierte, dann seht euch David Simpkins The English Aristocracy at War (2008) an; er hat überlebende englische Aufzeichnungen von ca. 1272 bis 1314 durchgekämmt, und er analysiert (unter anderem) die durchschnittliche Gefolgschaftsgröße. Das durchschnittliche Gefolge, das er fand, waren fünf Männer, obwohl bedeutende Lords (wie Earls) Hunderte von Männern in ihren Gefolgschaften gehabt haben konnten (die ihrerseits aus den Gefolgschaften ihrer eigenen Dienstmänner zusammengesetzt waren). Somit besteht das Gefolge des Adeligen aus den kombinierten Gefolgen all seiner Dienstmänner, und die Armee des Königs ist die kombinierte Gesamtheit der Dienstmänner aller Dienstmänner aller Vasallen, falls das einen Sinn ergibt. Daher: ein Gefolge aus Gefolgschaften.

Dies ist genau das System, von dem Game of Thrones behauptet, dass seine Armeen danach funktionieren. Die hohen Lords – Leute wie Tywin Lannister – „rufen ihre Banner“, und ihre Bannermänner – der Westerosi-Begriff für Vasallen (und vermutlich ein direkter Bezug auf das, was historisch ein „knight banneret“ genannt wurde – die niedrigste Form eines Aristokraten, der sein eigenes Banner und somit seine eigene Militäreinheit haben würde), erscheinen mit ihren Gefolgen genau wie oben. Und auf den ersten Blick erscheint das recht mittelalterlich – so wurden mittelalterliche Armeen im Hoch- und Spätmittelalter (meistens) gebildet. Das Problem ist, dass Armeen in Westeros nie innerhalb der Beschränkungen dieses Systems zu funktionieren scheinen.

Zuerst das Offensichtliche: dieses System, wo Armeen auf der Grundlage persönlicher Beziehungen zusammengestellt werden und wo die kleinsten Einheiten oft sehr klein sind, hat einfach nicht die Kapazität, für immer hochskaliert zu werden. Es gibt einfach nur eine begrenzte Zahl von Vasallen, zu denen ein König eine persönliche Beziehung unterhalten kann – und so weiter die Reihe hinunter.

Zweitens sind jene Dienstmänner nicht für immer „dienstbar“. Sie sind zu einer bestimmten Zahl von Tagen Militärdienst pro Jahr verpflichtet. Spezifisch war die Standardzahl – die aus der Vereinbarung von Wilhelm dem Eroberer mit seinen Vasallen nach der Besteigung des englischen Throns hervorgeht – 40 Tage. Der ganze Punkt dieses Systems ist, dass der König seinen Vasallen Land gibt und sie ihm Militärdienst leisten, sodass niemand irgendjemandem irgendetwas zahlen muss, weil mittelalterliche Könige nicht die Art von Einnahmen haben, um langfristig stehende Armeen zu unterhalten. Es ist kein Zufall, dass die zerstörerischsten mittelalterlichen Konflikte Religionskriege waren, wo die teilnehmenden Krieger im Grunde auf „bewaffneter Pilgerfahrt“ waren und daher länger im Feld bleiben konnten (nachdem Gott einen unbegrenzteren Anspruch auf die Zeit eines Ritters hat als der König).

Und schließlich stellt euch vor, die Versorgung für eine Armee wie diese zu organisieren. Jede Gefolgschaftseinheit hat eine andere Größe: Lord Tarly könnte ein paar hundert Männer haben, Lord Risley ein paar Dutzend, Lord Hastwyck erschien nur mit seiner fünfköpfigen Leibgarde und so weiter (für Dutzende und aber Dutzende Gefolge). Ihr – der Quartiermeister des Königs – wisst nicht, wie groß diese Gefolge sind, aber ihr müsst Lebensmittel so rationieren und verteilen, dass ihr nicht in eine Position geratet, wo ein Gefolge hungert, während die anderen Überschüsse haben. Ihr müsst auch den Tross mit den überschüssige Lebensmitteln koordinieren… aber natürlich gehören die meisten der Wagen und Tragtiere all den kleineren Lords mit ihren kleinen Gefolgen. Ihr beginnt das Problem zu sehen: eine zentralisierte Versorgung – notwendig, um eine große Armee ernährt zu halten – ist praktisch unmöglich.

(Falls ihr etwas über die Schwierigkeiten lesen wollt, selbst eine frühneuzeitliche Armee [mit einer etwas zentralisierteren Versorgung und Logistik] über eine lange Distanz beisammenzuhalten, dann zieht in Betracht, Geoffrey Parkers The Army of Flanders and the Spanish Road zu lesen, und denkt daran, dass die Armee, die er beschreibt (und die unüberwindlichen Schwierigkeiten, sie zu bezahlen und zu versorgen), an ihrem Höhepunkt nie mehr als 90.000 Mann zählte – kleiner als Renly Baratheons Schar – und im Durchschnitt etwas weniger als 60.000 Mann stark zu sein tendierte).

Was für eine Art von Armee ist das?

Um also zusammenzufassen, was wir soweit behandelt haben: die Kriegführung in Westeros ist in Wirklichkeit nicht sehr mittelalterlich. Während uns gesagt wird, dass die Armeen nach Art des Mittelalters organisiert sind, sind sie viel zu groß, und die Kriege, die sie führen, sind viel zerstörerischer als das, was für politische (lies: nicht-religiöse) Konflikte im Mittelalter normal war. Außerdem scheinen sie nicht durch die kulturellen Normen des Mittelalters (wie der Gottesfriede) eingeschränkt zu sein, oder durch die logistischen Grenzen, die den (schlecht organisierten) mittelalterlichen Armeen gemeinsam waren.

Gibt es eine Zeit in der europäischen Geschichte, in die diese Armeen besser passen würden?

Ich denke, die Antwort darauf ist „ja“ – diese Armeen sind nicht mittelalterlich, sondern vielmehr frühneuzeitlich in ihrer Größe, ihren Fähigkeiten und ihrer Destruktivität.

Mehrere Dinge heben die frühe Neuzeit vom Mittelalter ab, aber dasjenige, das uns hier am meisten betrifft, ist die Staatskapazität. Damit meine ich die Fähigkeit des Staates (lies: des Königs), Einnahmen zu gewinnen und diese Einnahmen zu verwenden, um Dinge zu tun (militärische Kräfte aufstellen, die Gesellschaft umgestalten, Bürokraten anstellen, um noch mehr Einnahmen einzutreiben, etc.). Mittelalterliche Könige hatten eine sehr begrenzte Staatskapazität, weil ihre eigenen Adeligen – die (siehe oben) ihre eigenen Armeen hatten – auf die Beschränkung der Macht des zentralen Monarchen hinarbeiteten. Im Gegensatz dazu ist die frühe Neuzeit (ca. 1450 – 1789) eine Periode der schnell zunehmenden Staatskapazität, so wie die Monarchen die Regierungsführung ihres Landes aggressiv zu zentralisieren beginnen.

Veränderungen in der Natur sind sowohl eine Ursache als auch eine Auswirkung davon. Eine zentralisierte königliche Macht ermöglichte größere, standardisiertere, professionellere Armeen, die mittels königlicher Einnahmen außerhalb der Kontrolle des Adels aufgestellt wurden – und die ihrerseits effiziente Mechanismen für die Unterdrückung des Adels und somit für die weitere Zentralisierung der Macht waren (ich sollte anmerken: die Wissenschaft über die genauen Mechanismen, durch die das geschieht, ist umfangreich und umstritten – dies ist nur eine allgemeine Beschreibung des Phänomens; Kap. 7 von Wayne Lees Waging War (2016) ist eigentlich eine für Laien ziemlich zugängliche Einführung in die Geschichte und die Debatte, falls ihr das wollt).

Wie ich anderswo erwähnt habe, ist die visuelle Sprache, die Game of Thrones für alle Armeen von Westeros außer jener des Nordens der frühen Neuzeit entlehnt. Diese Armeen haben eine einheitliche Ausrüstung – vermutlich zur Verfügung gestellt von staatlichen Zeughäusern – und sind dafür trainiert und gedrillt worden, taktmäßig zu marschieren und zu kämpfen. Selbst wenn wir die visuelle Darstellung der Armeen als Fehler seitens der Fernsehserie übergehen, bedeutet die Tatsache, dass diese Armeen Monat um Monat im Feld bleiben können, dass zumindest bedeutende Teile dieser Streitkräfte effektiv professionell sind und für ihren Dienst bezahlt werden, statt im Rahmen eines Vasallensystems aufgestellt worden zu sein. (Unten: Kein Gefolge aus Gefolgen – die Lannister-Armee marschiert auf Rosengarten. Beachtet die sauber ausgerichteten, gleichförmig großen Einheiten.)

Die Größe der Armeen deutet ebenfalls in diese Richtung. Während der genaue Entwicklungsverlauf des Armeewachstums in der frühen Neuzeit etwas umstritten ist, ist nicht umstritten, dass Armeen in der frühen Neuzeit wesentlich größer waren als jene des Spätmittelalters. Von mittelalterlichen Armeen im Bereich von Tausenden oder wenigen Zehntausend schwollen die Armeen der Großmächte Europas in den 1500ern in den oberen Zigtausenderbereich an und dann in den mittleren 1600ern auf weit über 100.000. Diese Armeen waren wegen Logistikproblemen nicht generell an einem Ort konzentriert, aber die allgemeine Zerstörungskapazität des Staates hatte auf das Mehrfache zugenommen.

Während also George R. R. Martin oft auf den Rosenkrieg (1455 – 1487 – somit, wie ich anmerken könnte, ein frühneuzeitlicher, kein mittelalterlicher Krieg) als die historische Inspiration für Game of Thrones verwiesen hat, beschwört das Ausmaß des Konflikts und die Größe der Armeen deutlicher die Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts herauf, wie den Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648). Wie man sich vorstellen kann, bedeuten größere Armeen oft größeren „Kollateralschaden“; sehen wir uns also an, wie die frühe Neuzeit sich in der Destruktivität der Kriegführung mit dem Mittelalter vergleichen lässt.

Die Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts – besonders der Dreißigjährige Krieg – waren schockierend zerstörerisch verglichen mit dem, was davor war. Ein Teil des Grundes dafür war die Natur der Konflikte: viele dieser Kriege entstanden aus der protestantischen Reformation und waren somit Religionskriege, bei denen Protestanten gegen Katholiken standen. In dieser Art von Krieg wird – anders als in einem politischen Disput um einen Thron oder ein Territorium – die gesamte feindliche Bevölkerung zu einem Ziel für Gewalt, weil sie „das Falsche“ glaubt. Im Dreißigjährigen Krieg pflegten katholische Armeen protestantische Dörfer zu zerstören und umgekehrt, mit dem Ziel, die religiöse Zusammensetzung der Region gewaltsam zu verändern. (Unten: Tafel 7 [Die Plünderung und Brandschatzung eines Dorfes] aus Les Grandes Misères de la Guerre, einer Reihe von Radierungen von Jacques Callot [1592 – 1635], die die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zeigt.)

Aber nicht alle Konflikte dieser Periode waren Religionskriege. Während die säkularen Kriege nie die rohe Schlächterei des Dreißigjährigen Krieges erreichten, waren sie dennoch deutlich zerstörerischer als das, was davor war. Ein weiterer Teil des Grundes dafür war die Verbesserung der Armeen selbst – Leute schreiben dies dem Schießpulver zu, aber langsam feuernde Musketen sind nicht so viel zerstörerischer als die Waffen der Vergangenheit. Aber eine mittelalterliche Armee konnte – wie wir diskutiert haben – nur eine begrenzte Größe haben und nur eine begrenzte Zeit im Feld bleiben. Aber die neuen stehenden Armeen der frühen Neuzeit bestanden aus Profis, die ganzjährig Krieg führen konnten, und sie waren noch dazu größer. Außerdem hatte die Reformation – indem sie die Macht der Kirche zersplitterte – genau die religiösen Normen geschwächt, die manchmal die Gewalt im Mittelalter (wie schwach auch immer) einschränkte. Die Konsequenz waren Armeen, die sowohl fähiger als auch bereitwilliger waren, der Bevölkerung als Ganzes Schaden zuzufügen.

Und schließlich trug die Größe dieser Armeen auch auf eine andere, unerwartete Weise zu größeren Destruktivitätsniveaus bei: sie stießen an die obersten Grenzen der Logistik vor dem Eisenbahnzeitalter. Als Regierungen damit zu kämpfen hatten, diese Soldaten zu bezahlen, zu ernähren und auszurüsten, waren Armeen im Feld gezwungen, sich örtlich zu versorgen und Soldaten mit Beute aus Plünderungen auf Kosten der örtlichen Bevölkerung zu bezahlen. Unter diesen Bedingungen wurde es zunehmend schwierig, Soldaten von extremen Gewalttaten abzuhalten, wenn sie sich Lebensmittel oder Beute nahmen, und grenzte an das Unmögliche. Armeen im Feld wurden fast zu Elementargewalten der Zerstörung, schlingerten von Belagerung zu Schlacht zu Belagerung und ruinierten das Land, durch das sie zogen. (Unten: Die Plünderung aus Les Grandes Misères de la Guerre, einer Reihe von Radierungen von Jacques Callot [1592 – 1635], die die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zeigt. Achtet darauf, wie viele der Soldaten die Küche nach Lebensmitteln und Versorgungsgütern durchstöbern.)

Auf diese Weise entvölkerte der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) einen großen Teil dessen, was heute Deutschland ist, und tötete ungefähr ein Viertel der gesamten Bevölkerung (aber das Gemetzel war oft sehr lokalisiert – manche Gegenden blieben effektiv unberührt, während andere völlig entvölkert wurden). In den Niederlanden schuf der Achtzigjährige Krieg (1568 – 1648) ein entvölkertes Niemandsland, wo die beiden Seiten (die spanischen Armeen und die niederländischen Rebellen) in einem langen defensiven Patt aufeinandertrafen. Spanische Armeen, die lange keine Bezahlung bekommen hatten, plünderten auch Antwerpen (1576) – den regionalen Sitz der spanischen Regierung -, um sich ihre Zahlungsrückstände durch Plünderung zu holen, womit sie die lokale Wirtschaft für Jahrzehnte schwer schädigten und tausende Bewohner töteten.

Diese Art von Krieg – weniger beschränkt, mit größeren, zerstörerischeren und raubgierigeren Armeen – liegt viel näher an dem, was wir in Game of Thrones sehen. Ironischerweise schlägt Joffery (in S1E3) tatsächlich vor, eine stehende Armee nach Art der frühen Neuzeit aufzubauen, und die Idee wird von Cersei abgelehnt:

Man fragt sich jedoch – angesichts dessen, dass Cersei wenig vom Krieg weiß und nicht annähernd so schlau ist, wie sie denkt -, ob Tywin nicht bereits damit begonnen hat, das Gold der Lannisters zu verwenden, um die Armee nach Art der frühen Neuzeit aufzubauen, die er anscheinend bereits hat.

Schlussbetrachtungen über militärischen Medievalismus

Die militärische Situation in Westeros scheint somit nicht sehr gut zum wirklichen europäischen Mittelalter zu passen. Armeen von Westeros scheinen nicht durch die kurzen Militärdienstzeiten eingeschränkt zu sein, die in mittelalterlichen Armeen üblich waren, sie sind viel größer, als mittelalterliche Armeen jemals waren, und zu bedeutend mehr Zerstörung fähig. Außerdem – und das ist ein Faden, den wir nächstes Mal wieder aufgreifen werden – scheinen sie nicht durch die sozialen und religiösen Grenzen für Gewalt im Mittelalter eingeschränkt zu sein. Wir sollten keine übermäßig rosige Vorstellung haben – diese Grenzen wurden oft mehr ausnahmsweise beachtet als in der Regel (und sie galten auch nicht für jeden gleichermaßen). Dennoch bezeugt die scharfe Zunahme der militärischen Sterblichkeit in der frühen Neuzeit, dass jene Grenzen – organisatorische Grenzen, zusammen mit kulturellen – tatsächlich in einem niedrigeren allgemeinen Gewaltniveau resultierten.

Es scheint, als würde fast jede Diskussion des Mittelalters mit „diese Periode war extrem gewalttätig“ beginnen. Und darin liegt etwas Wahrheit – verglichen mit der modernen Welt zogen mittelalterliche Könige und Lords oft in den Krieg. Krieg war ein normaler Teil des Lebens. Aber verglichen mit der frühen Neuzeit oder auch der klassischen Antike tendierten diese Kriege dazu, relativ klein zu sein, und ihre Auswirkungen waren begrenzt. Verglichen mit der Neuzeit (das heißt, unserer historischen Periode) – nun, wir schafften es, mehr Menschen (in absolutem Sinne) in einem einzigen entsetzlichen Krampfanfall erderschütternder Gewalt von 1937 bis 1945 zu töten (ca. 85 Millionen Menschen), als wahrscheinlich in allen mittelalterlichen europäischen Kriegen zusammengenommen starben. Gewalt ist relativ. Verglichen mit dem langen Frieden des Römischen Reiches (27 v. Chr. – ca. 235 n. Chr.; das Imperium selbst überdauerte im Westen bis ca. 450 [und im Osten bis 1453], aber seine letzten Jahrhunderte waren gewalttätiger) war das Mittelalter wirklich recht gewalttätig. Aber verglichen mit dem, was danach kam, gab es im Mittelalter mehr Krieg, aber weniger Tod (und wir haben noch nicht einmal die menschliche Katastrophe diskutiert, die die Entdeckung der Neuen Welt war…).

Bedeutet das, dass Martin irgendwie „versagt“ hat? Nein – überhaupt nicht. Noch einmal, A Song of Ice and Fire ist keine dünn verschleierte Geschichtsvorlesung, sondern eine Fantasyromanreihe. Martin hat eine Gesellschaft mit ihren eigenen Regeln und Systemen geschaffen und folgte dann den Regeln und Systemen dieser Gesellschaft bis zu ihrem logischen Schluss. Was ich stattdessen hervorheben möchte, ist dass – wenn es um militärische Angelegenheiten geht – die Armeen von Westeros in Wirklichkeit nicht sehr wie die Armeen des europäischen Mittelalters sind, trotz der Ähnlichkeiten in Rittern und Waffen und Rüstungen.

Dennoch ist die Beobachtung des Unterschiedes zwischen dem Mittelalter und Westeros wichtig, weil sie eines der zentralen Themen des Handlungshintergrundes in einen neuen Rahmen stellt. Es ist tröstlich zu denken, dass die außer Kontrolle geratende Gewalt in Westeros das Produkt von etwas ist – einer Kultur aus Krieger-Rittern und Gewalt – das wir nicht mehr haben. Aber das Gegenteil trifft zu: außer Kontrolle geratende Gewalt von der Art, wie Westeros sie hat, ist das Produkt von etwas, das wir immer noch sehr haben: die enorme Kapazität des modernen Verwaltungsstaates für Gewalt.

Unsere modernen Verwaltungsstaaten können wunderbare Dinge tun – sie bauen Straßen und Schulen, bieten medizinische Versorgung (manchmal), sie können für die Armen sorgen und Vorschriften für Arbeitsplätze erlassen. Aber sie können auch Gewalt in spektakulärem und entsetzlichem Ausmaß produzieren. Es ist diese Aufgabe – die Gewalt, nicht die Schulen oder die Straßen -, für die sie entworfen wurden und für die sie am besten geeignet bleiben. Wir vergessen das (indem wir so tun, als würde solche Gewalt nur zu HBO und zur fernen Vergangenheit gehören) auf unsere eigene Gefahr.

Nächstes Mal werden wir uns ansehen, wie kulturelle und religiöse Normen in der Gesellschaft von Westeros funktionieren. Das Mittelalter in Europa war in vieler Weise durch starke kulturelle und religiöse Normen definiert. Wie passt Westeros dazu?

Ein Gedanke zu „Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 1“

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