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Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 2

Von Bret Devereaux. Original: How It Wasn’t: Game of Thrones and the Middle Ages, Part II, veröffentlicht am 4. Juni 2019 (A Collection of Unmitigated Pedantry – A look at history and popular culture).

Fortsetzung von Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 1.

Diese Serie ist nun im Audioformat verfügbar; die gesamte Playlist kann man hier anhören.

Dies ist der zweite Beitrag in einer dreiteiligen Serie, wo wir uns die Frage ansehen: „Wie akkurat entspricht Game of Thrones dem europäischen Mittelalter““ – und wenn nicht dem Mittelalter, welcher Geschichtsperiode ähnelt es am meisten? Dieser Beitrag wird diese Frage hinsichtlich kultureller Normen (besonders Normen in Verbindung mit Geschlecht und Familie) und Religion betrachten, welche, wie wir sehen werden, eng miteinander verflochten sind.

Teil 1 dieser Serie, die diese Frage aus der Perspektive militärischer Angelegenheiten betrachteten, gibt es hier. Teil 3 ist hier, und wir werden darin die politischen Institutionen, Normen und Strukturen von Westeros betrachten und sehen, wie gut sie das europäische Mittelalter abbilden. Wie zuvor interessieren wir uns primär für das Hoch- und Spätmittelalter (zusammen die Periode von ca. 1000 bis ca. 1450), nachdem dies die Periode ist, die die Fernsehserie heraufzubeschwören sucht.

Von all den Beiträgen, die ich mache, habe ich mich bei diesem stärker auf die Expertise anderer gestützt. In keiner bestimmten Reihenfolge: Ich möchte euch diesen Artikel darüber empfehlen, wie die Frauenfeindlichkeit in Games of Thrones mehr den Viktorianern und der Renaissance entlehnt ist als dem Mittelalter. Ich sollte auch sicherlich meinen Kollegen Peter Raleigh und Elizabeth Hassler danken, auf deren Expertise ich mich hier gestützt habe, und meiner Frau Diana, deren Bücherregale mehr mit Büchern über die mittelalterliche Kirche vollgestopft sind als meine! Jegliche Fehler sind natürlich meine.

Nun also ohne weitere Umstände vorwärts!

Glaube und Institutionen

Wir sollten beginnen, indem wir in groben Zügen den Platz der mittelalterlichen Kirche in Westeuropa darstellen. Ich sollte als erstes anmerken, dass dies ein riesiges Thema ist – wie schnell klar werden wird, gab es fast keinen Teil der Gesellschaft, in dem die Kirche keine bedeutende Rolle spielte -, und ich werde hier nur eine grobe Übersicht geben, die ausreicht, um eine Vergleichsbasis für die TV-Serie zu liefern. Der Großteil dieser Diskussion wird vorwiegend die lateinische Kirche (was heute die katholische Kirche ist) im Westen betreffen. Nachdem es bei dieser Diskussion – wichtig! – um den Stand der Dinge vor der Reformation geht, werde ich dazu tendieren, die lateinische Kirche der Kürze halber einfach als „die Kirche“ zu bezeichnen.

Als allererstes ist anzumerken, dass es die Kirche (in diesem Fall sowohl im lateinischen Westen als auch im griechischen Osten) schon vor dem Mittelalter selbst gab. Die Kirche kam als Relikt der römisch-imperialen Vergangenheit in das Mittelalter. Sie erbte die römisch-imperiale Organisation – die Diözese zum Beispiel leitete sich von den Grenzziehungen römischer Superprovinzen ab, die Diözesen genannt wurden (griechisch: διοίκησις). Anders als die neue mittelalterliche Aristokratie, die dazu tendierte, von befestigten Anwesen auf dem Land aus zu herrschen, blieb die Kirche in Ortschaften und Städten zentriert, von denen viele unter den Römern bedeutende Zentren gewesen waren. Als die römische Provinzverwaltung zusammenbrach, fiel es weitgehend der Kirche – als einer der wenigen überlebenden schriftkundigen Institutionen – zu, einige der Kernfunktionen zu ersetzen, wie das Führen von Aufzeichnungen und die Bewahrung von Literatur und Gelehrsamkeit. Dies traf in Skandinavien und Osteuropa weniger zu, Orten, wo die Kirche ein relativer Spätankömmling war, aber für den Großteil Westeuropas war die Kirche nicht irgendeine neue Institution, die einer bereits vorhandenen Gesellschaft aufgepfropft wurde (wie sie es unter den Römern gewesen war), sondern vielmehr ein Teil des kulturellen Fundaments, auf dem diese neue Gesellschaft errichtet wurde (Mit-Pedanten! – bitte achtet sorgfältig auf die Formulierung „Teil des“ im vorherigen Satz: mir ist bewusst, dass es andere Dinge gab!).

Dennoch beginnt die institutionelle Macht der Kirche (und hier meinen wir wirklich das, was die römisch-katholische Kirche sein würde) sich im 11. Jahrhundert dramatisch zu ändern, genau dort, wo wir in das Hochmittelalter kommen, und besteht über die nächsten Jahrhunderte fort (denkt daran, dass Game of Thrones und Das Lied von Eis und Feuer in Wirklichkeit das Hoch- und Spätmittelalter heraufbeschwören statt das frühe Mittelalter). Kurz gesagt, das institutionelle Gewicht der Kirche wächst dramatisch. Etliche Dinge beginnen stattzufinden, die miteinander verbunden sind: die Päpste beginnen mit dem Versuch, den säkularen Herrschern die Kontrolle über die Hierarchie der Kirche (spezifisch die Einsetzung der Bischöfe) zu entreißen. Der klerikale Zölibat wurde strenger durchgesetzt. Die Kirche mischte sich in die Kriegführung ein (wie wir mit der Gottesfriedensbewegung diskutiert haben). Sie begann mit dem Versuch, die Ehe direkter zu regulieren, besonders unter den Mächtigen (die Ehe wurde im Jahr 1184 zu einem Sakrament gemacht). Um die 1300er gehörte dazu in vielen Teilen Frankreichs die Führung detaillierter Aufzeichnungen über Geburten, Todesfälle und Heiraten, teilweise um sicherzustellen, dass niemand einen engen Verwandten heiratete.

(Und natürlich für diejenigen von euch, die denken: „wartet, ist das nicht auch die Zeit der Kreuzzüge – militärischer Expeditionen, zu denen der Papst aufrief und die zumindest nominell [aber nicht in der Praxis] unter seinen Auspizien stattfanden?“ Ja, das ist sie, und das ist ebenfalls kein Zufall.)

Nach meiner Erfahrung beim Unterrichten dieser Dinge ist es der nächste Schritt, der meine Studenten am meisten verblüfft. Diese riesige Zunahme der institutionellen Macht der Kirche wurde nicht durch Armeen oder raffinierte Realpolitik ermöglicht (obwohl beides daran beteiligt war), sondern durch den Glauben. Die primäre Waffe, die der Papst in seinen Bemühungen einsetzte, war die Drohung mit der Exkommunizierung, die (gemäß der katholischen Doktrin) exkommunizierte Individuen oder Gemeinschaften von der Erlösung abschnitt und sie potenziell für alle Ewigkeit verdammte. Aber diese Drohung ist nur real, wenn man glaubt, dass der Papst diese Macht hat. Und hierin liegt der entscheidende Punkt: der Großteil Europas glaubte es. Wie ich meinen Studenten sage, kann man im Allgemeinen mit Sicherheit annehmen, dass die Menschen in der Vergangenheit an ihre eigene Religion glaubten. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die allgemeine Regel bleibt.

In den Konflikten, die sich ergaben – denn wie ihr euch vorstellen könnt, waren säkulare Herrscher nicht gewillt, ihre Vorrechte aufzugeben -, spielte es eigentlich keine große Rolle, ob der König oder Kaiser an die Macht der Exkommunizierung glaubte, weil niemand allein herrscht. Als der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Heinrich IV. im Jahr 1076 von Papst Gregor VII. exkommuniziert wurde, war das Publikum bei diesem Akt daher nicht Heinrich selbst (der Gregor sowieso bereits für illegitim erklärt hatte). Er richtete sich an alle Vasallen und Unterstützer Heinrichs, entband sie von ihren Treueeiden und sagte im Wesentlichen: „Haltet zu diesem Kerl, und er wird euch in die Hölle mitnehmen.“ Es funktionierte, löste eine große Rebellion aus und zwang Heinrich dazu, sich im folgenden Jahr auf demütigende Weise zu entschuldigen.

(Unten: Heinrich IV. bittet Mathilde von Tuszien, Markgräfin der Toskana [und bedeutende mittelalterliche Herrscherin – ein Punkt, auf den wir zurückkommen werden], für ihn zu intervenieren, damit seine Exkommunizierung aufgehoben werde. Papst Gregor VII. ließ Heinrich dann drei Tage lang draußen im Schnee sitzen, bevor er seine Bitte erhörte. Nur damit klar ist, wer „gewonnen“ hat.)

(Historische Anmerkung: dies wäre „Runde 1“ in einem über mehrere Runden gehenden Kampf, der erst 1122 mit dem Konkordat von Worms entschieden werden sollte; am Ende gewann das Papsttum zum Großteil und beschränkte scharf die Macht der Heiligen Römischen Kaiser über seine Bischöfe.)

Sie glauben nicht an ihre eigene Religion

Und an dieser Stelle begeben wir uns nach Westeros und werfen einen Blick auf die Wurzel des Problems: niemand scheint an seine eigene Religion zu glauben, zumindest im Süden. Während also der Glaube an die Sieben viel vom Apparat der mittelalterlichen Kirche zu haben scheint, hat er fast nichts von der Macht des Originals; der Motor ist vorhanden, aber der Treibstofftank ist leer. (Mir scheint, dieses Problem ist vielen Versuchen gemeinsam, Doppelgänger der mittelalterlichen Kirche zu schaffen – man wird an das Magisterium in His Dark Materials erinnert, das auf irgendeine Weise über enormen Glauben gebietet und doch darauf angewiesen ist, Kinder zu entführen, statt, ihr wisst schon – um sie zu ersuchen. Wie es die wirkliche mittelalterliche Kirche tat, um ihre Klöster mit Novizen zu füllen. Menschen, die innig an eine Religion glauben, schicken ihre Kinder im Allgemeinen gern auf etwas, wovon ihnen gesagt wird, dass es heilige Erlösungsmissionen seien.)

Natürlich wird uns versichert, dass die gewöhnlichen Leute (ihr wisst schon, die Landeier) an ihre eigene Religion glauben, aber bedenkt die wirklich mit Namen versehenen Charaktere von Königsmund – niemand von ihnen, außer dem Hohen Spatz selbst, ist auch nur entfernt fromm (Tommen ist bloß jung und beeindruckbar; Laneel reagiert auf ein Trauma und scheint gehirngewaschen zu sein). Beachtet hier, dass ich nicht meine: „respektieren diese Charaktere die potenzielle politische Macht des Glaubens“ – ich meine: „verhalten sie sich so, als würden sie glauben, dass es sieben göttliche Wesen gibt, die über ein ewiges Nachleben herrschen.“ Keiner der Lannister-Baratheons tut das, noch die Tyrells oder irgendeines der rotierenden Mitglieder des Kleinen Rates. Wir sehen auch unter den Soldaten keine Anzeichen für Frömmigkeit – den Ser Meryn Trants, den Loras Tyrells, den Bronns vom Schwarzwasser etc. Es scheint viele Atheisten in den Deckungslöchern in Westeros zu geben. Selbst der unschuldige Podrick ist nicht moralisch entrüstet darüber (obwohl es ihm peinlich ist), in einem Bordell abgesetzt zu werden, trotzdem später von „Bruder Lancel“ ziemlich klargemacht wird, dass der Glaube solche Dinge schwer missbilligt.

Ich denke, diese Serie ist in die Annahme verfallen – die fast immer von jemandem außerhalb einer Gesellschaft gemacht wird, der in sie hineinschaut -, dass die örtliche Religion so blöd sei, dass niemand mit wahrer Intelligenz (womit anscheinend immer „die herrschende Klasse“ gemeint ist – ich bin erstaunt darüber, wie selbst Studenten aus der Arbeiterklasse sich schnell mit Rittern und Adeligen statt mit einfachen Bürgern identifizieren, wenn sie Geschichte lesen) daran glauben könnte. Dies ist der Fehler, den meine Studenten machen – sie glauben nicht an den mittelalterlichen Katholizismus oder das römische Heidentum, und daher nehmen sie schwach an, dass auch niemand aus dieser Zeit (oder zumindest niemand von den „wirklich klugen Leuten“) daran glaubte. Natürlich ist das falsch. Die Menschen in der Vergangenheit glaubten an ihre eigene Religion.

Es ist ein alter Fehler – Polybios macht ihn in einer Schrift von ca. 150 v. Chr. bezüglich der Römer. Polybios merkt an, dass die römische Religion bei der Bewahrung des Zusammenhalts des römischen Staates „deutlich überlegen“ sei, aber dass „sie (= die herrschende Klasse) diesen Weg um des gewöhnlichen Volkes willen eingeschlagen haben“ (Plb. 6.56.6-8), womit er meint, um der „wankelmütigen Masse“ willen, die „in unsichtbaren Schrecken und unter Gepränge gehalten“ werden müsse. Polybios widerspricht sich gleich wieder – ein Vorteil dieser Religion, sagt er, sei, dass römische magistrates (lies: elitäre Senatoren) nicht aus dem Volksvermögen stehlen, auch wenn sie nicht beobachtet werden, was anzudeuten scheint, dass selbst viele sehr elitäre Römer an ihre eigene Religion glaubten (und Ironiealarm: diese bekanntlich unbestechlichen Römer…). Arme Männer werden immerhin nicht dafür gewählt, auf das Volksvermögen aufzupassen.

Zum Glück ist Polybios nicht unsere einzige Quelle über die römische Kultur, daher ist es möglich zu sagen – und ich möchte das hier klarstellen -, dass Polybios falsch liegt (zumindest in diesem Punkt). Römische Eliten nahmen ihre Religion sehr ernst. Es gab natürlich Ausnahmen – Julius Cäsar war philosophisch ein Epikureer, obwohl das seine Ausübung der Pflichten von Roms höchstem Priesteramt nicht ganz gestört zu haben scheint (er war Pontifex Maximus). Dennoch wurden solche philosophisch eingestellten Männer im Allgemeinen selbst von den römischen Eliten verächtlich betrachtet (Cicero häuft in den Pro Murena solchen Hohn auf Catilina, in etwas, das eindeutig als freundliche „Hänselei“ vor einem überwiegend elitären Publikum gedacht war), die einen religiösen Charakter sehr schätzten (im Gegensatz dazu ist Cicero schnell bereit, Catilina vor dem Senat der Religionslosigkeit zu bezichtigen). Römische Führer gelobten in Notlagen, Tempel und Opfer zu stiften, und bauten und gaben sie nach Siegen. Aufwendige Widmungen an die Götter aus allen Ebenen der römischen Gesellschaft bestätigen das allgemeine Bild: die Römer glaubten an ihre Religion. Ja, selbst die Eliterömer (es wird, wie ich anmerken sollte, insofern dadurch etwas kompliziert, dass die Eliten zu einer Trennung zwischen dem neigten, was sie als Religion betrachteten, und gewöhnlichem „Aberglauben“, aber das ist ein Thema für ein anderes Mal). Und die Belege für das „buy-in“ der Eliten in die mittelalterliche Religion sind viel umfangreicher.

Aber keiner der Hauptcharaktere von Game of Thrones, abgesehen vielleicht von Catelyn Stark, hängt in irgendeinem privaten Sinn der traditionellen Religion ihrer Region an. Ich kann mich an keine Stelle erinnern, wo irgendein Charakter aus religiösen Gründen gegen eine Handlung protestiert – keine Prozessionen werden an hohen Feiertagen abgehalten (welche in der antiken und mittelalterlichen Literatur regelmäßig vorkommen), keine Gruppen, Individuen oder Orte sind religiös von Gewalt ausgenommen. Der Glaube hat bestimmte Regeln über die Sexualität, aber sie sind Regeln, die in der Serie nicht nur privat von Individuen missachtet werden, sondern auch ganz öffentlich von der seit Jahrhunderten letzten herrschenden Dynastie.

Außerdem scheint keiner der regierenden Charaktere irgendwelche religiösen Funktionen zu haben – oder falls sie welche haben, ignorieren sie sie meistens einfach. Denkt daran, diese Leite glauben, dass ihre Götter – seien es die Sieben oder die Alten Götter – mächtige göttliche Wesen sind, die direkt und unmittelbar an der Welt interessiert sind und die gemäß diesem Interesse handeln. Solche Wesen zufrieden zu halten ist lebenswichtig – es ist kein Nebengedanke. Keine Gesellschaft hat, soweit ich sagen kann, jemals geglaubt, dass es genug Gold oder genug Armeen gibt, um einen zu retten, wenn man die Götter erzürnt hat. Es gibt einfach keinen Ausgleichshandel mit einer zornigen Gottheit (und bevor der schlaue Kerl fragt: „was ist mit einer wohlwollenden Gottheit?“: die Griechen hatten eine Antwort darauf – lest Euripides‘ Hippolytos. Es endet schlimm für die Sterblichen).

Das Fehlen religiöser Pflichten oder Funktionen für Charaktere, die Könige sind, ist besonders überraschend. Das Königtum hat drei zentrale Rollen in fast allen menschlichen Kulturen, wo die Institution vorkommt: Könige sind 1) oberster Richter, 2) oberster General und 3) oberster Priester. Diese dritte Rolle tritt in fast allen Gesellschaften mehr oder weniger markant in Erscheinung. Im alten Ägypten und (zeitweise) in Mesopotamien wurden Könige buchstäblich entweder für irdische Inkarnationen bedeutender Götter oder für eigene kleine Götter gehalten. Römische Kaiser hatten das Amt des pontifex maximus inne und übernahmen die Rolle des obersten Priesters des Staates, bevor sie bei ihrem Tod zu Göttern wurden. Der chinesische Kaiser war der „Sohn des Himmels“ und mit der Bewahrung der richtigen Beziehung zum Göttlichen beauftragt (das „Mandat des Himmels“). Von den Kaisern von Japan heißt es, sie seien direkte Nachkommen der Göttin Amaterasu (und sie haben einen Familienstammbaum, um das zu untermauern).

Die Beziehung zwischen mittelalterlichen Königen und der Kirche war komplizierter wegen der Existenz eines klaren religiösen Oberhauptes (des Papstes) außerhalb der säkularen Autorität, aber das mittelalterliche Königtum bewahrte einen starken Sinn einer religiösen Aufgabe. An Krönungsritualen war oft der Klerus beteiligt, und sie waren im Wesentlichen religiöse Rituale, weil man immer noch dachte, dass die königliche Macht von Gott verliehen wurde. Könige wiederum hatten eine besondere Rolle dabei, ihr Königreich in der richtigen Beziehung zum Göttlichen zu halten, sowohl durch gerechtes Herrschen (wozu der Schutz der Kirche gehörte) als auch durch die Ausführung religiöser Rituale. Jene Rituale funktionierten natürlich in beide Richtungen: man glaubte sowohl, dass sie religiös wirksam seien (dass sie dabei halfen, Gottes Gunst zu erwirken), aber sie waren auch wertvolle Mittel für die Schaffung königlicher Legitimität. Mancherorts (vor allem in England und Frankreich) hielt man Könige für heilig genug, um bestimmte Krankheiten auf wundersame Weise durch Berührung heilen zu können – ein König, der das nicht konnte, war eindeutig nicht fromm genug. (Unten: Was ist der Sinn, so viel Zeit und Geld in die Erhaltung solch eines Bauwerks zu investieren, wenn man weder die Regeln befolgt, die diese Götter als wichtig dargelegt haben, noch die Absicht hat, diesen Ort als Bühne für königliche Legitimität zu nutzen?)

Jene Rituale scheinen in Westeros – sowohl im Norden als auch im Süden – viel weniger wichtig zu sein. Robert Baratheon und Joffery sind beide von ihrem Temperament her ungeeignet dafür, und niemanden scheint es zu kümmern. Keiner der Thronanwärter scheint sich der Mühe zu unterziehen, ihre Legitimität auf diese Weise zu etablieren. Und niemanden scheint es zu kümmern. Was eine gute Überleitung ist zu:

Sakrileg, oder „Wie viele Ave Maria für die Sprengung einer Kirche?”

Es gibt in Game of Thrones mindestens zwei Momente absolut atemberaubender religiöser Verstöße, und doch gibt es für keinen davon irgendwelche bedeutenden Konsequenzen (beide ziehen einiges an sehr säkularer Rache nach sich, aber ich bin an der religiös motivierten Sorte interessiert). Natürlich meine ich die Rote Hochzeit und die Zerstörung der Septe von Baelor.

Eine Anzahl historischer Parallelen ist für die Rote Hochzeit genannt worden: das „Black Dinner“ von 1440 und das  Glencoe-Massaker von 1692, beide in Schottland. Beide Ereignisse waren krasse Verletzungen der Waffenstillstands- und Gastfreundschaftsbräuche in der englischen und schottischen Gesellschaft und bleiben als schändlich in Erinnerung, aber auffallenderweise fand keines davon bei einer Hochzeit statt – und das ist ein verdammt (und ich verwende dieses Wort sehr bewusst) großer Unterschied.

Bestätigen wir das: im frühen Mittelalter (ca. 450 bis ca. 1000) waren kirchliche Hochzeiten, wie wir den Begriff verstehen, eigentlich recht selten. Aber ab dem 11. Jahrhundert begann die Kirche mehr dabei mitzumischen. Um das späte 11. Jahrhundert wiesen Ratschläge Priester in Frankreich an, dass eine Messe Teil der Hochzeitszeremonie sein sollte (etwas, das für königliche Hochzeiten zwei Jahrhunderte früher eingeführt worden war, aber für den Rest der Gesellschaft selbst im früheren Teil dieses Jahrhunderts noch unüblich gewesen war). Um das frühe 12. Jahrhundert haben wir überlebende Liturgien, und die gesamte Zeremonie fand nun in der Kirche statt und wurde vom Priester durchgeführt (siehe G. Duby, The Knight, the Lady and the Priest (1983), übers. B. Bray, S. 149 – 153, für Näheres). Und schließlich wurde die Ehe beim Konzil von Verona 1184 formell als Sakrament bestätigt.

Dieser Prozess hat in Westeros eindeutig stattgefunden, da jede Trauung im Süden von einem Septon vollzogen wird. Wenn der Glaube an die Sieben wirklich so funktionieren würde wie die mittelalterliche Kirche, dann würde das einige wirkliche zusätzliche Probleme für Walder Frey schaffen. Ein Abkommen zu brechen ist eine Sache (obwohl es genug Beschwerden für einen ganzen weiteren Beitrag über die Art gibt, wie die Serie Eide behandelt – Charaktere werden dauernd zu schwören ersucht, ohne bei irgendetwas zu schwören, was nicht die Art ist, wie Eide funktionieren), aber ein von einem Kleriker vollzogenes Sakrament gewaltsam zu unterbrechen und es mit Mord zu entweihen, ist etwas ganz anderes – ein Verbrechen gegen Gott, das potenziell ewige Verdammnis bringt (und fast sicher eine politisch schädliche Exkommunizierung).

(Oben: Beachtet den Septon im mittleren Hintergrund. Hat Walder Frey ihn nun bei einem heiligen Eid belogen, oder war der Septon völlig damit einverstanden, für alle Ewigkeit in die Sieben Höllen geschickt zu werden? Denkt daran: in dieser Religion gibt es sieben Höllen für alle Ewigkeit.)

Dennoch gibt es dafür ein historisches Beispiel, und es ist illustrativ: die Bartholomäusnacht oder Pariser Bluthochzeit von 1572, wo eine große Zahl französischer Protestanten mittels einer königlichen Hochzeit zwischen Margarete von Valois, der Schwester des Königs, und Heinrich von Navarra in einen Hinterhalt gelockt wurde. Was diesen Fall stark von der Roten Hochzeit unterscheidet, ist der religiöse Kontext: die massakrierten Männer waren Hugenotten (französische Protestanten) und standen somit implizit außerhalb des Schutzes der katholischen Kirche. Außerdem hatte der Papst sich zu der Zeit geweigert, die Heirat vorab anzuerkennen, daher fiel jeglicher Anspruch auf religiösen Schutz weg.

Aber – was entscheidend ist – beachtet das Datum. Etwas wie die Pariser Bluthochzeit konnte nur in der frühen Neuzeit stattfinden, weil es voraussetzt, dass eines der definierenden Ereignisse dieser Periode (die protestantische Reformation) stattgefunden hat. Natürlich kann man das auch von den schottischen „Roten Hochzeiten“ sagen – 1440 befindet sich an der Schwelle zur frühen Neuzeit, während 1692 zur Tür hereingekommen ist und nun in der guten Stube herumlungert. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die berüchtigtsten dieser Massaker in der Periode stattfinden, wo die Autorität der Kirche und mittelalterliche Normen im Niedergang sind.

Und dann ist da noch die Zerstörung der Septe von Baelor. Wir werden in Teil III wieder darauf zurückkommen, daher werde ich mich hier kurz fassen und einfach festhalten: es spielt keine Rolle, ob alle Feinde von Cersei in der Septe waren, als sie explodierte. Sie lebt in einer Gesellschaft, wo die Sieben Götter, denen die Septe geweiht ist, für real und direkt in die Gesellschaft involviert gehalten werden. Nach der religiösen Logik jeder vormodernen Gesellschaft, die ich kenne, bringt eine solche Tat den göttlichen Zorn über die gesamte Gemeinschaft. Der politische Preis wäre extrem – für eine Frau, die bereits politisch marginalisiert war, fast sicher tödlich extrem. (Unten: Mehrere hundert, wenn nicht tausend Todsünden, in einer Gesellschaft, die, wie wir betonen müssen, an Todsünden glaubt [oder an etwas in der Art].)

Die dem am nächsten kommende Parallele, die mir einfällt, war die Plünderung Roms, die 1527 vom Heiligen Römischen Kaiser Karl V. durchgeführt wurde, bei der der Papst (Clemens VII.) am Leben gelassen, aber effektiv in seinem Schloss eingekerkert wurde. Karl hatte wenigstens das Feigenblatt, dass die Plünderung das Ergebnis einer Meuterei in seiner Armee war, während er gegen den Papst marschiert war, und dass die Einkerkerung des Papstes nicht sein Ziel war (er hatte beabsichtigt, eine Schlacht zu gewinnen und dann einen Frieden auszuhandeln, nicht die Ewige Stadt zu plündern). Aber noch einmal – achtet auf das Datum. Genau die Armee, die das möglich machte – die Art von professioneller „wir werden dafür bezahlt, keine Fragen zu stellen“-Armee, die wegen Zahlungsrückständen meutern mochte (siehe den letzten Beitrag in dieser Reihe), war eine Schöpfung der frühen Neuzeit. In der Tat gehörten zu der Armee, die Karl für den Feldzug aufgestellt hatte, bedeutende Zahlen deutscher Protestanten, die die Stadt ohne religiöse Befürchtungen plündern konnten.

Mittelalterliche Familien und die Kirche

Es ist bereits aufgezeigt worden, dass die Sicht auf die Geschlechterbeziehungen in Westeros noch schärfer patriarchalisch ist als die bereits recht patriarchalische Norm im Großteil des europäischen Mittelalters, und dass die Muster, die Martin repliziert hat, stattessen in – wartet – die frühe Neuzeit gehören (bemerkt ihr einen Trend?) sowie in die Vereinfachungen des Mittelalters im 18. und 19. Jahrhundert. Ich rege besonders an, dass ihr den dort verlinkten Artikel wegen der Abschnitte über die spirituelle Autorität und den Einfluss lest, die Frauen oft ausüben konnten – wie ich hoffentlich kommuniziert habe, konnte spiritueller Einfluss etwas sehr Reales sein. Ich möchte hier kein totes Pferd schlagen, und der verlinkte Artikel wird dem Thema viel gerechter, als ich es kann, aber ich füge noch ein paar Dinge hinzu:

Zu Beginn von Game of Thrones, vor dem Umbruch des Krieges der Fünf Könige, scheint es in Westeros nur eine weibliche Herrscherin gegeben zu haben: Maegen Mormont, die Lady der Bäreninsel (Lyanna Mormonts Mutter). Westeros selbst hat vor dem Krieg der Fünf Könige anscheinend niemals eine regierende Königin irgendeiner Art gehabt (das heißt eine, die in ihrem eigenen Namen regiert). Zum Vergleich mit dem wirklichen Europa empfehle ich diese wirklich recht lange Liste regierender Königinnen zu konsultieren, die in Europa herrschten. Spanien allein hatte vierzehn solcher regierender Königinnen zwischen 550 und 1550 gehabt (einschließlich der Herrscherinnen von Navarra). Meine persönliche Favoritin unter den mittelalterlichen regierenden Königinnen ist Irene von Athen (752 – 803), die erste Frau, die Kaiserin der Römer war (das heißt, Herrscherin des byzantinischen [= römischen] Reiches).

(Oben: Irene von Athen (752 – 803, reg. 797 – 802), auf einer Münze abrockend. Irene verwendete typischerweise die weibliche Form ihres Titels, βασίλισσα (Kaiserin), war aber bekannt dafür, dass sie die männliche Form βασιλεύς (Kaiser) mit einem weiblichen Pronomen benutzte, wenn sie betonen musste, dass sie nicht die Ehefrau des Souveräns war, sondern der Souverän.)

Ich möchte auch für einen Moment zu Walder Frey zurückkehren. Walder Frey hat im Alter von 90 neun Ehefrauen gehabt, sagt man uns, und zahlreiche Mätressen (und hat daher eine riesige Zahl von Nachkommen). Es erscheint schrecklich unwahrscheinlich, dass Walders Ehefrauen eine natürliche Lebenserwartung von 10 Jahren hatten, daher ist anzunehmen, dass er sich regelmäßig wegen jüngerer Frauen scheiden lässt. Wozu ich anmerken möchte, dass ein Versuch dieses Verhaltens genau der Grund für die Exkommunizierung von Philip I. von Frankreich im Jahr 1094 war – sein Versuch, seine Mätresse Bertrade zu heiraten und seine Ehefrau Bertha abzulegen. Die Exkommunizierung schien seine Herrschaft schwer zu beschädigen, und zeitgenössische Quellen deuten darauf hin, dass das, was die Krone beisammenhielt, die Vorfreude auf seinen Erben war. Die Kirche erkannte Philips zweite Ehe mit Bertrade nie an, und daher war Philips Thronfolger Berthas Sohn Louis. Selbst zu diesem frühen Zeitpunkt war die Kirche im Allgemeinen unnachgiebig – Geschiedene sollten nicht wieder heiraten können. (Unten: ein Schauspieler, der einen menschlichen Müllhaufen spielt.)

Es ist anzunehmen, dass Walder Frey, hätte er in Frankreich gelebt und nicht in den Flusslanden, prompt exkommuniziert worden wäre (im Wesentlichen eine Einladung an jeden seiner Söhne, ihn abzusetzen, oder für die Tullys, seine gesamte Familie zu enteignen), genau wie bei Philip. Jahrzehnte vor der Roten Hochzeit.

Schlussbetrachtungen

Ich möchte mit der Wiederholung eines Punktes aus dem letzten Beitrag beginnen: diese Kritiken bedeuten nicht unbedingt, dass Martin im Worldbuilding versagt hat. Ich kann es nicht wissen, aber ich vermute stark, dass ein Teil dessen, was er uns zeigen möchte, genau das ist, was geschieht, wenn man mäßigende historische Normen aus einer Fantasywelt entfernt: diese Spirale der Gewalt und Grausamkeit, die Game of Thrones ist. Ich bin nicht sicher, ob er es begreift, aber die Tatsache, dass dafür die Lahmlegung der Entsprechung zur mittelalterlichen Kirche erforderlich ist, sagt etwas über die komplizierte Natur der mittelalterlichen Kirche.

Martin hat in einem gewissen Ausmaß zu diesen Vergleichen eingeladen, indem er offen sagte, dass er den Glauben an die Sieben auf Basis der mittelalterlichen katholischen Kirche modelliert hat. Ich kann nicht für seine Absicht sprechen. Aber was er getan zu haben scheint, ist, etwas wie einige der Institutionen der Kirche zu replizieren, ihnen aber den intensiven Glauben (seitens der restlichen Gesellschaft) zu nehmen, der jenen Institutionen ihre Macht gab. Das Ergebnis sieht mehr wie eine katholische Kirche des 18. oder 19. Jahrhunderts aus, die weitgehend die Macht verloren hat, Herrscher zu beeinflussen, die nicht mehr die Notwendigkeit verspüren, zuzuhören. Es ist auch möglich, dass wir, so wie die Bücher sich entwickeln, sehen könnten, dass die Tonart von Martins Vision etwas von dem manchmal bitteren Nihilismus der TV-Serie abweicht, zum Vorteil einer wirklichkeitsnäheren Darstellung einer Fantasyversion der mittelalterlichen Kirche.

So oder so – während das Mittelalter eine riesige Zeitperiode mit vielen Variationen darin ist, kann man wohl mit Sicherheit sagen, dass das Europa des Hoch- und Spätmittelalters um einiges religiöser und sogar ein bisschen weniger frauenfeindlich war (wenn auch immer noch sehr frauenfeindlich, machen wir uns da nichts vor) als Westeros. Ich möchte diesen Punkt aber nicht übertreiben, und ich will auch nicht so tun, als wäre niemals etwas mit der mittelalterlichen Kirche nicht in Ordnung gewesen. Nur weil Game of Thrones um einiges grimmiger ist als das wirkliche Mittelalter, bedeutet das nicht, dass alles im wirklichen Mittelalter toll war; die mittelalterliche Kirche war immer noch zu außergewöhnlicher Brutalität fähig – lest im letzten Beitrag nach, was mit den Katharern in Südfrankreich gemacht wurde.

Aber der Zuseher, der nach dem Ansehen denkt, er hätte in Game of Thrones etwas in der Art gesehen, wie das Mittelalter „wirklich war“, weiß nun Schlimmeres als nichts. Insbesondere die TV-Serie scheint darauf angelegt zu sein, Menschen in einige genau jener irriger Vorstellungen zu locken, bei denen ich solche Mühe habe, meine Studenten davon abzubringen: dass Menschen in der Vergangenheit unmöglich an ihre eigenen Religionen glauben konnten, dass ihre Religionen so inhärent lächerlich gewesen seien, dass sie von vornherein unglaubwürdig waren, und dass das Patriarchat der Vergangenheit mehr wie die leicht zu erkennende Grausamkeit des schmierigen alten Walder Frey aussieht statt wie die viel schwieriger zu sehenden – aber viel heimtückischeren – Generationen von Individuen, denen es einfach nie in den Sinn kam, die Grenzen zu hinterfragen, die die Gesellschaft ihren Horizonten setzte (oder den Horizonten ihrer Freunde und Familien). Eingebettet darin ist die gefährliche Annahme, dass dieses Patriarchat viel weiter entfernt ist – in den Tiefen des Mittelalters lebt statt in den industriellen Hintergassen der viktorianischen Zeit (oder in den hinteren Winkeln unserer eigenen Köpfe) – als es wirklich ist.

Nächstes Mal werden wir uns die Politik ansehen. Wie gut modelliert Westeros die Politik in Systemen, wo die militärische und politische Macht auf Personalpolitik und dem Management von Vasallen beruht?

*       *       *

Den oben angedachten Essay darüber, wie Eide in Wirklichkeit funktionierten, hat Bret Devereaux inzwischen schon geschrieben:

Oaths! How do they Work?

Ein Gedanke zu „Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 2“

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