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Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 3

Von Bret Devereaux. Original: How It Wasn’t: Game of Thrones and the Middle Ages, Part III, veröffentlicht am 12. Juni 2019 (A Collection of Unmitigated Pedantry – A look at history and popular culture). Fortsetzung von Wie es nicht war: Game of Thrones und das Mittelalter, Teil 1 und Teil 2.

Diese Serie ist nun im Audioformat verfügbar; die gesamte Playlist kann man hier anhören.

Das Folgende ist der dritte Teil einer dreiteiligen Serie, wo wir uns die Frage ansehen: „wie mittelalterlich ist Game of Thrones?“ und – wenn nicht auf dem europäischen Mittelalter – auf welcher Periode der Geschichte beruht es am meisten? Dieser Teil wird die politischen (und in gewissem Maß) wirtschaftlichen Institutionen von Westeros betrachten, wie sie in der Fernsehserie präsentiert werden.

Teil 1, den ihr hier finden könnt, untersucht militärische Angelegenheiten (und auch die Gründe, warum ich das überhaupt schreibe), während Teil 2 religiöse und Familiennormen betrachtete. Ich denke, alle drei Teile sollten wahrscheinlich der Reihenfolge nach gelesen werden; falls dies also euer erstes Eintauchen in diese Beiträge ist, rege ich an, dass ihr am Beginn anfangt. Die Schlussbetrachtung insbesondere dieses Beitrags setzt voraus, dass ihr bereits die anderen beiden gelesen habt.

Machen wir uns also ohne weitere Umschweife auf den Weg.

Vasallen und Bannermänner

Ich möchte mit einer Feststellung beginnen, die offensichtlich ist, aber häufig ignoriert wird: Staaten sind komplexe Dinge. Der Apparat, durch den ein Staat Einnahmen gewinnt, Armeen aufstellt (mit diesen Einnahmen), Recht spricht und die Gesellschaft zu organisieren versucht – dieser Apparat erfordert Menschen. Nicht bloß irgendwelche Menschen: sie müssen Menschen der gebildeten, schriftkundigen Art sein, um Steueraufzeichnungen zu führen, die Gesetze zu lesen und (schriftliche) königliche Befehle und Erlässe zu übermitteln.

(Anmerkung: für eine detailliertere Einführung darüber, wie diese Art von Apparat aussehen kann, seht euch Wayne Lees Vortrag „Reaping the Rewards: How the Governor, the Priest, the Taxman, and the Garrison Secure Victory in World History“ an:

Er hat einige spezifische Punkte, auf die er hinauswill, aber die erste Hälfte des Vortrags ist eine allgemeine Übersicht über die Probleme, denen man als plötzlich erfolgreicher König gegenübersteht. Das Ganze ist auch faszinierend.)

In einer vormodernen Gesellschaft ist diese Aufgabe – die schriftkundigen Bürokraten zu versammelt, die man braucht, um einen Staat zu betreiben – sehr schwierig. Der Alphabetisierungsgrad ist oft sehr niedrig, daher ist die Zahl der Individuen mit den notwendigen Fertigkeiten winzig. Neue schriftkundige Bürokraten auszubilden ist teuer, so wie auch die Bezahlung derjenigen, die man hat, was einen Catch-22 schafft, wo der König kein Geld hat, weil er keine Steuereinnehmer hat, und er hat keine Steuereinnehmer, weil er kein Geld hat. Wenn man sich ansieht, wie Staaten entstehen, geht es daher oft darum, sich anzusehen, wie dieses Gleichgewicht der niedrigen Verwaltung gebrochen wird. Die Verwalter, die man braucht, könnten zum Beispiel in bürgerlichen Eliten zu finden sein, die dazu überredet werden, den Job im Austausch gegen Macht auszuüben, oder in einer kooptierten religiösen Hierarchie gebildeter Priester.

Vasallentum stellt eine weitere Reaktion auf das Problem dar, welche der Versuch ist – so weit möglich – ohne auszukommen. Spezifizieren wir die Begriffe: Ich verwende hier „Vasallentum“, weil es in einer Weise spezifisch ist, wie es der häufiger verwendete Begriff „Feudalismus“ nicht ist. Ich beziehe mich (noch) nicht darauf, wie Bauern (in Westeros „das gemeine Volk“, englisch „smallfolk“) mit Lords interagieren (was sowieso besser als „Grundherrschaft“ zu bezeichnen ist denn als Teil des Feudalismus), sondern vielmehr darauf, wie Militäraristokraten (Ritter, Lords etc.) miteinander interagieren.

Sagen wir also, ihr seid ein König, der plötzlich zu einer Menge Land gekommen ist, wahrscheinlich durch blutige Eroberung. Ihr müsst Einnahmen aus diesem Land beziehen, um die Armeen zu bezahlen, die ihr für seine Eroberung eingesetzt habt, aber ihr habt keinen Haufen schriftkundiger Bürokraten, um diese Steuern einzusammeln, und keine leichte Möglichkeit, welche zu bekommen. Indem ihr dieses Land als Lehen an eure militärischen Gefolgsmänner verteilt (sie werden eure Vasallen), könnt ihr einen Haufen Probleme auf einmal lösen. Erstens bezahlt ihr eure militärischen Gefolgsleute für ihren Dienst mit etwas, das ihr habt und das wertvoll ist (Land). Zweitens stellt ihr, indem ihr bestimmte Versprechungen (genannt „Hommage“) von ihnen verlangt, sicher, dass sie weiterhin für euch kämpfen werden. Und drittens teilt ihr euer Land in immer kleinere Stücke auf, bis sie klein genug sind, um direkt verwaltet zu werden, mit nur einem sehr, sehr minimalen bürokratischen Apparat. Eure neuen Vasallen können natürlich mit ihrem neuen Land dasselbe tun, womit das politische System weiter fragmentiert wird. (Unten: Eine wunderbare Karte der politischen Fragmentierung im Königreich Frankreich, erstellt von Gabe Moss. Beachtet, dass jede dieser farbigen Zonen [die auf einen großen Vasallen hinweisen] weiter unterteilt worden wäre [sodass der Herzog von Aquitanien seine eigenen Vasallen hätte, genau wie der König von Frankreich]. Die eigentlichen Besitzungen der französischen Könige sind die kleinen Flächen, die mit „Royal Lands of Hugh Capet“ bezeichnet sind.)

Dies ist das System in Westeros, wenn auch nach Generationen von Erbschaften (sodass Familien statt Individuen als die hauptsächliche politische Einheit dienen). Der Begriff für Vasall in Westeros ist „Bannermann“. Größere Militäraristokraten mit größerem Besitz sind Lords, während kleinere landbesitzende Ritter sind. Letztere haben oft bedeutende Ländereien und ein befestigtes Herrenhaus inne, was sie europäischen Burgvogten oder Baronen ähnlicher macht als, sagen wir, einem englischen Knight Banneret des 14. Jahrhunderts (bei dem es unwahrscheinlich ist, dass er die Erlaubnis hat, seinen Wohnsitz zu befestigen, welche als Erlaubnis zur Ausstattung mit Zinnen [license to crenellation] bezeichnet wird). Was in diesem System fehlt, ist die große Mehrheit der Ritter, die keine Art von befestigtem Wohnsitz oder Burg hätte, sondern stattdessen als Teil des Haushalts irgendeines höheren Mitglieds der Aristokratie beschäftigt wäre. Eine Handvoll landloser Ritter kommen in Game of Thrones vor, aber sie sollten bei weitem die Mehrheit sein und den Großteil der Armeen ausmachen.

Es gibt hier eine letzte fehlende Zutat, und das sind Burgen, welche es in Westeros reichlich gibt. Burgen verlagern – in Abwesenheit burgenknackender Kanonen – die Macht in diesem System nach unten, weil sie es Vasallen ermöglichen, sich ihren Lehnsherren wirksam zu widersetzen. Das könnte sich nicht so sehr in offener Rebellion manifestieren als in einer Weigerung, an einem Feldzug teilzunehmen oder Truppen zu stellen. Dies ist wichtig, weil es Lehnsherren genauso von ihren Vasallen abhängig macht, wie es Vasallen von ihren Lehnsherren sind.

Ehre, Hommage und Lehnstreue

Das Obige bedeutet: wenn, sagen wir, Tywin Lannister seine Armee will, dann bekommt er sie nur, wenn die Häuser Falwell und Ferren und Foote und Clegane sich dafür entscheiden, herauszukommen und für ihn zu kämpfen. Wenn Tywin den ländlichen Raum verwalten, ein Gesetz ändern, seine Untertanen zählen oder neue Steuern einführen will – dann kann er diese Dinge nur tun, wenn die Häuser unter ihm mitziehen (erinnert euch, er hat funktionell keinen eigenen Verwaltungsapparat – deshalb hat er die Aufgabe ausgelagert). Aber Tywins Optionen, diese Kooperation zu erzwingen, sind – wegen jener Burgen – extrem begrenzt.

Um auf eine Unterscheidung zurückzukommen, die in Wayne Lees oben verlinktem Vortrag eingeführt wird – Tywin kann sich nicht auf Gewalt stützen (tu es, weil ich dich töte, wenn du es nicht tust), sondern er muss Macht einsetzen (tu es, weil du denkst, dass du solltest). Weil der Staatsapparat hier sehr begrenzt ist, wird diese Macht weitgehend durch persönliche Beziehungen geschaffen – man sollte für seinen Lehnsherrn kämpfen, weil man eine persönliche Beziehung zu ihm hat. Man besucht ihn recht oft, man hat ihm (persönlich!!) Treue geschworen, er (oder seine Vorfahren) haben einem in der Vergangenheit beim Lösen von Problemen geholfen, und am wichtigsten, weil er einem in der Vergangenheit die Treue gehalten hat.

Was eine Art ist zu sagen, dass dieses System auf der Basis von Vertrauen und Ansehen funktioniert, und das wirkt in beiden Richtungen. Während Tywin seine Vasallen auf Anzeichen für Treulosigkeit beobachtet, beobachten seine Vasallen ihn. Steht er zu seinem Wort? Kann ich ihm trauen? Denn wenn die Antwort nein lautet – dann fange ich am besten an, mich abzusichern. Und dieses Absichern wird auf Arten kommen, die Tywin nicht will – ich könnte mich weigern, herauszukommen und zu kämpfen, oder meine Anstrengungen für die Befestigung meiner eigenen Besitzungen umwidmen, oder sogar zu einem anderen Lehnsherrn wechseln. Und in den ganz frühen Staffeln wissen Schlüsselcharaktere – vor allem Tywin und Tyrion – das und handeln entsprechend. Tywin redet zwar groß über Löwen und Schafe:

…aber wenn es darauf ankommt, weiß er, dass sein Ruf zählt – es stellt sich heraus, dass es eine sehr große Rolle spielt, was die Schafe über den Löwen sagen:

Dass Robb Stark es verabsäumt, richtig mit den Karstarks, Tullys und Freys umzugehen, ist sein schließliches Verderben. Tyrion schilt Cersei bei der Rückkehr nach Königsmund wegen ihrer Handlungen, die den Ruf der Lannisters in Frage stellen könnten („dieses bisschen Theater wird unsere Familie eine Generation lang verfolgen.“=

(Oben: Harold Godwinson schwört einen Eid auf Wilhelm, den Herzog der Normandie. Die Kisten dort sind heilige Reliquien, denn Eide werden üblicherweise auf etwas geschworen, und ihre Einhaltung wird von Gott durchgesetzt. Dies ist ein wesentliches Element beim Ablegen von Eiden, das in fiktiven Behandlungen der Institution oft weggelassen wird, aber es ist das, was dem Eid seine Macht gibt.)

Ungewöhnlich ist hier, wie häufig wichtige Charaktere von den Normen abweichen, die diese Gesellschaften für ihr Funktionieren brauchen – Adelige von Westeros sind verblüffend verräterisch für Menschen, die sich für ihr Überleben auf Systeme stützen, die auf Vertrauen beruhen. In einem System, das auf der Basis von Vertrauen und Ansehen funktioniert, tendieren Eliten dazu, Vertrauen und Ansehen zu schätzen. Sie produzieren Literatur, die diese Dinge preist (wie es in der Tat die meisten „Fürstenspiegel“ – Anleitungsbücher dafür, wie man ein guter Herrscher ist – aus dem Mittelalter tun; siehe zum Beispiel Buch 3 von Dhoudas Liber Manualis [9. Jhdt.], das endlos über Vertrauenswürdigkeit redet) und verfeinern oft ihre Praxis. Die Art von spektakulärem Verrat, die in Game of Thrones so häufig ist, war im wirklichen historischen Mittelalter aus genau dem Grund viel seltener, den Game of Thrones einen glauben lassen würde: Es ist fast immer selbstschädigend.

Das Problem hier kommt in den späteren Staffeln und darin, wie sie all dies neu kontextualisieren. Das Problem hat einen Namen, und er lautet Cersei. Cersei bricht all diese Regeln. Schon recht früh lässt sie ihre Soldaten (die – erinnert euch – keine bezahlten Söldner sind, sondern wahrscheinlich Vasallen ihres Hauses, die mit ihren Fähigkeiten sehr gut woanders hingehen können, wenn ihnen ihre gegenwärtige Dienstgeberin nicht zusagt) ihre eigene kapriziöse Vertrauensunwürdigkeit an Lord Baelish demonstrieren (sie hat auch Gewalt mit Macht verwechselt):

Sie demütigt Barriston Selmy bei Hofe, ein Spektakel, an das ihre eigenen zukünftigen Vasallen sich erinnern könnten. Sie verbrannte ihre eigene Familie – durch Blut und Heirat – zusammen mit ihren einstigen Verbündeten. Cersei ist endlos verräterisch, oft in törichter und offensichtlicher Weise, und doch…

Und doch spielt es keine Rolle. Die Bannermänner der Lannisters bemannen in der vorletzten Episode trotzdem die Mauern, um einen aussichtslosen Kampf für sie zu führen. Nicht nur ist dieses Verhalten unerklärlich, sondern es erscheint auch kaum möglich. Wer stellt denn diese Männer auf und führt sie? Wer koordiniert den Nachschub und die Getreidelieferungen in die Hauptstadt? Denkt daran, der Grund für dieses verteilte System der politischen Führung ist, dass der Zentralstaat nicht den Verwaltungsapparat hat, um selbst Armeen aufzustellen oder Städte zu ernähren – er muss das an Vasallen auslagern. Vasallen, die Cersei fast bis auf den letzten Mann ermorden lassen oder verprellt hat. Cersei wird besiegt, weil Drachen unaufhaltsame Ungeheuer sind, aber sie hätte besiegt werden sollen, weil sie einfach unfähig gewesen wäre, überhaupt eine Armee aufzustellen.

Oder Königsmund zu verwalten (geschweige denn ihre ferneren Besitzungen), und das bringt uns zu:

Königsmund ist sehr groß, oder: Uh-oh, es ist Zeit für Logistik, oder?

Dies könnte als eine seltsame Stelle erscheinen, um über Königsmund zu reden, aber die der Verwaltung einer Stadt von dieser Größe innewohnenden Probleme verweisen sauber auf eines der Probleme in Westeros‘ Sicht der mittelalterlichen Regierung. Königsmund ist riesig, dem Kanon nach mit einer Bevölkerung von 500.000 (zum Vergleich, das ist die zehnfache Größe von Dubrovnik, das die Stadt in der Serie verkörpert). Keine Stadt im mittelalterlichen Europa war so groß – am nächsten käme das Konstantinopel des 5. bis 8. Jahrhunderts (die höchsten Schätzungen für die Stadt in dieser Periode erreichen 500.000, die meisten sind um einiges niedriger). Das Konstantinopel dieser Zeit war natürlich keine mittelalterliche Stadt, sondern ein Relikt der großen Städte des Römischen Reiches, mit all der Gemeindearchitektur (wie Aquaedukte, Zisternen, Getreidespeichern und leistungsfähigen Häfen), die das bedeutete. (Unten: Königsmund mit sich schnell verringernder Bevölkerung. Diese Stadt ist wahrscheinlich immer noch zu klein – vergleicht dieses Bild mit dem darunter, das den Umfang von Konstantinopels Mauern im Mittelalter zeigt.)

Im Gegensatz dazu scheint Paris im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit zwischen 200.000 und 300.000 Einwohner gehabt zu haben (meistens eher am unteren Ende dieser Spanne; es erreicht 500.000 erst um 1700), während das spätmittelalterliche London wahrscheinlich maximal auf 100.000 kam (und ebenfalls erst um 1700 eine halbe Million erreichte).

(Rom an seinem Höhepunkt unter dem Römischen Reich war um einiges größer – Neville Morley schätzt eine Bevölkerung nahe an oder um eine Million (Metropolis and Hinterland, 1996), aber natürlich gehört diese Stadt in die Antike, nicht ins Mittelalter, und unsere Frage hier ist, wie mittelalterlich Game of Thrones ist. Es erscheint auch erwähnenswert, dass der Apparat für die tatsächliche Führung und Ernährung einer Stadt von dieser Größe fast sicher jenseits der Fähigkeiten der Art von Administration liegen würde, die Westeros besitzt.)

Es ist nicht klar, ob Benioff und Weiss – oder auch Martin – die Probleme ganz erkannt haben, die eine Stadt dieser Größe darstellt. Die physische Größe der Stadt ist in der TV-Serie inkonsistent, aber sie erscheint häufig zu klein. Die Theodosianischen Mauern von Konstantinopel, die in ihrer Blütezeit um die Stadt verliefen, umschlossen etwa 5,5 Quadratmeilen. Das Bild unten gibt ein gewisses Gefühl für dieses Ausmaß – bei 500.000 würden wir erwarten, dass alles Land innerhalb der Mauern bebaut ist (die Bevölkerungsdichte von ca. 400 pro Hektar, die das bedeutet, ist für eine recht dicht bevölkerte antike Stadt realistisch, würde aber erfordern, dass der gesamte Raum überbaut wird; es ist etwas weniger dicht, als für Rom angenommen wird (siehe Metropolis oben).

(Oben: Künstlerische Darstellung einer Luftansicht des mittelalterlichen oder spätantiken Konstantinopel. Um die Bevölkerung von Königsmund zu erreichen, sollte der gesamte Raum innerhalb der Mauern bebaute Stadtlandschaft sein. Beachtet auch die großen und hervorstechenden Hafenanlagen, um die Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen. Konstantinopel wurde auch durch Aquaedukte und Zisternen mit Wasser versorgt.)

Nun möchte die TV-Serie unterstellen, dass die Herrscher von Westeros die Verwaltung von Königsmund handhaben, indem sie sie nicht handhaben – daher ist die Stadt arm, schmutzig und stinkt. Diese Erklärung funktioniert leider nicht für eine Stadt von dieser Größe. Selbst gut verwaltet wäre eine Stadt dieser Größe wahrscheinlich arm, schmutzig und stinkig, aber ohne effektive Verwaltung wäre sie verhungert. Wir könnten sehr ungefähr schätzen, dass der Getreidebedarf für jeden Einwohner um 17 kg pro Monat ist (was durch andere Lebensmittel ergänzt werden müsste), oder 8.500.000 kg pro Monat für die ganze Stadt. Das bedeutet, dass die Stadt 312 Tonnen Getreide pro Tag importieren muss, jeden Tag. Eigentlich mehr, denn sie müssen Vorräte für den Winter anlegen, und die Art von Schiffen, die Westeros hat, kann nicht in allen Jahreszeiten segeln (aber das ist ein Thema für ein anderes Mal).

Diese Lebensmittel werden über weite Entfernungen importiert werden müssen. Unter der Voraussetzung von recht gutem Land (hier mache ich teilweise Anleihen bei Erdkamps Zahlen in The Grain Market in the Roman Empire [2005] und verwende teilweise meine eigenen; beachtet, dass die antike und mittelalterliche landwirtschaftliche Produktivität viel niedriger ist als die moderne) und eines Überschusses von 10 % (weil die Bauern den Großteil der Lebensmittel essen, die sie anbauen) könnten wir erwarten, dass eine Stadt wie Königsmund ein Minimum von 6.426.000 acres (10.040 Quadratmeilen) guten Weizenlandes braucht, um sich zu ernähren. Kurz gesagt, Königsmund würde eine Getreidefarm von der Größe von Massachusetts benötigen, bloß um den Mindestbedarf für das Überleben zu decken.

Aber diese Lebensmittel können fast sicher nicht über Land reisen. In Game of Thrones wird uns wiederholt gesagt, dass Königsmund von der Weite versorgt wird und die Nahrungsmittel über die Rosenstraße in die Hauptstadt kommen. Während es schwer ist, saubere Schätzungen zu bekommen, ist die Straße von Rosengarten nach Königsmund etwa 900 Meilen lang; wie wir anderswo erwähnt haben, ist der Transport von Massengütern über Land vor den Eisenbahnen teuer. Ausgehend vom römischen Preisedikt des Diokletian verdoppelt sich der Preis von Getreide alle hundert Meilen, die es über Land transportiert wird – selbst die Lannisters könnten Schwierigkeiten haben, ihren beträchtlichen Haushalt bei diesen Preisen zu ernähren. Selbst wenn Königsmund im Zentrum eines perfekten Kreises von idealem Agrarland liegen würde (und das tut es sehr eindeutig nicht), wäre es nicht möglich, dass auch nur der Großteil des Getreides, das die Stadt braucht, über Land kommt.

All das soll heißen, dass die Regierung von Westeros, wenn Königsmund existieren soll, fast sicher den Ferntransport von Getreide in die Hauptstadt koordinieren muss, hunderte Tonnen jeden Tag, und dass das meiste davon über See kommen wird. Die Römer taten das, aber sie hatten eine (für die antike Welt) ziemlich hochentwickelte Bürokratie, mit der sie es tun konnten, die Cura Annonae, die den Einkauf (oft durch Steuern), den Transport, das Backen, die Lieferung und Lagerung für ein paar hunderttausend Bürger in der Stadt koordinierte (der Rest war auf das angewiesen, was der Markt lieferte, aber der Markt konnte die vom Staat gebaute Infrastruktur [Straßen, Häfen] für diesen Zweck nutzen). Und dies sind die Anfänge, nicht das Ende der Verwaltungsprobleme: Brennholz (für das Heizen und Kochen), Wasser, Abfälle, Häfen, Straßen und so weiter. Die römischen Investitionen in Roms Hafen bei Ostia waren massiv.

Aber ihr werdet euch daran erinnern, dass es der ganze Sinn des Vasallentums war, die administrativen Fixkosten des Königs zu begrenzen, weil der König wenige Verwalter hatte. Und nein, damit das klar ist, die Goldröcke genügen nicht annähernd, um Königsmund zu managen. Die Art von Regierung, die wir Westeros führen sehen, ist nicht in der Lage, Königsmund zu ernähren. Es ist daher ein Glück, dass sie auch unfähig ist, Königsmund hervorzubringen.

Damit eine Stadt wächst, muss es irgendeinen wirtschaftlichen Nexus geben, der die Lebensmittel anzieht, die nötig sind, um die großen Zahlen von Nicht-Bauern zu erhalten, die in der Stadt leben. Dieser Nexus war anfänglich oft ein Markt (der wiederum Handwerker und andere Arten von Produktion anzieht), zusammen mit der Konzentration elitärer Landbesitzer, denen der ländliche Raum gehörte, die aber in der Stadt lebten. Aber um wahrhaft riesige Städte hervorzubringen, die Lebensmittel aus hunderten Meilen Entfernung anziehen, muss eine Stadt viel, viel mehr wirtschaftliche Zugkraft haben. Vor der Industrialisierung waren Steuern effektiv die einzige Quelle für diese Art von wirtschaftlicher Zugkraft.

Im Grunde zog der Sitz der Regierung, die ein riesiges Imperium besteuerte, große Reichtümer in die Hauptstadt, wo sie dann den erforderlichen wirtschaftlichen Nexus bilden konnten. In Rom machten Eroberungen die Eliterömer fantastisch reich, und jene Römer wiederum wollten alle Arten von Gütern und Diensten kaufen, was die wirtschaftliche Nachfrage nach Arbeitskräften erzeugte (sowie die wirtschaftlichen Ressourcen, die für den Kauf all dieser Lebensmittel erforderlich waren). Römische Steuern wurden auch verwendet, um wie erwähnt tausende Bürger mit Gratisbrot zu versorgen, womit die Bevölkerung der Stadt direkt subventioniert wurde. Im Grunde wurde die Stadt Rom durch die ständige Flut von Steuern fett, die aus den römischen Provinzen eingehoben wurden. Dasselbe traf breit gesprochen auf Konstantinopel zu oder auf die großen Kapitalen Chinas unter den verschiedenen herrschenden Dynastien (oder auf die großen imperialen europäischen Hauptstädte der frühen Neuzeit und der Neuzeit).

Aber eine Tatsache, die immer wieder klargemacht wird, ist, dass die Steuereinhebungsmacht des Eisernen Throns armselig ist. Und das ist keine Überraschung – denkt daran zurück, wie dieses politische System funktioniert. Der König hat Land an seine Vasallen verteilt, damit sie mit den von ihnen eingehobenen Einnahmen Streitkräfte auf diesem Land aufstellen. Wenig bis nichts von diesem Steuergeld kommt zum König – daher muss der Eiserne Thron mit den Steuereinnahmen aus den Kronländern auskommen. Dies ist gelinde ausgedrückt nicht genug, um eine Stadt dieser Größe zu rechtfertigen. Wenn die primäre wirtschaftliche Aktivität von Königsmund der Rote Bergfried und der königliche Haushalt ist, dann wäre Königsmund nie so groß geworden. Was irgendwie ein Glück ist, insofern es dem König erspart, zusehen zu müssen, wie die Stadt verhungert, weil er sie keinesfalls ernähren kann.

Führung einer Stadt im Mittelalter

Natürlich wussten historische mittelalterliche Herrscher sehr wohl, dass ihre begrenzten Verwaltungen nicht sehr gut darin waren, Städte irgendwelcher Größe zu führen. Selbst eine bescheidene mittelalterliche Stadt (mit einer Bevölkerung irgendwo im unteren bis mittleren Zigtausenderbereich) erfordert mehr Verwaltung und Regierungstätigkeit, als ein Königshof wahrscheinlich hat. Doch eine Stadt kann nicht auf immer kleinere Vasallen aufgeteilt werden, wie man es auf dem Land tun kann. Was soll ein König tun?

Die Antwort war historisch, die Stadt – die selbstregierend war – effektiv als Vasallen des Königs oder Lords zu behandeln, der die Region kontrollierte. Zum Beispiel waren viele Städte der Niederlande Vasallen der Herzöge von Burgund (die auch die Herzöge und Grafen einer verwirrenden Anzahl von Titeln in den Niederlanden waren). Die City of London stellte sicher, dass ihre alten Stadtprivilegien und Rechte von einem englischen König nach dem anderen respektiert wurden. In der Tat werden die „Freiheiten und freien Gebräuche“ der City of London sowie „aller anderen Städte, Gemeinden, Ortschaften und Häfen“ ausdrücklich von der Magna Carta geschützt (Abschnitt 13). Im Heiligen Römischen Reich waren viele der wichtigsten Städte direkte Untertanen des Kaisers, die „reichsfreien Städte“, und hatten beträchtliche Autonomie.

Wie diese Selbstregierung einer Stadt aussah, variierte sehr von einer Stadt zur anderen. Der Großteil der Stadtpolitik wurde von einer Auswahl reicher Elitefamilien dominiert (Mitglieder dieser Familien werden manchmal allgemein als „Patrizier“ bezeichnet) sowie von mächtigen kommerziellen Vereinigungen von Geschäftsleuten (das heißt, Gilden). Wie auch immer sie jedoch organisiert waren, würden alle diese Individuen in Westeros als „smallfolk“ eingestuft werden – niedrig geborene Geschäftsleute und Grundbesitzer, die zu Wohlstand gekommen waren. Dennoch waren diese Männer im mittelalterlichen Europa wichtig – sie schlecht zu behandeln konnte eine Stadt zur Revolte veranlassen, und eine befestigte Stadt mit ihrer eigenen Stadtmiliz, die revoltierte, war ein kniffliges militärisches Problem. Zum Beispiel löste der Versuch von Philip IV. von Frankreich, die Unabhängigkeit der flämischen Städte zu verringern, die er kontrollierte, eine Revolte aus, die im Jahr 1302 bei Courtrai eine französische Armee vernichtete (Philip „gewinnt“ schließlich einen Teilsieg, aber er muss die Unabhängigkeit der meisten flämischen Städte anerkennen).

Das Fehlen dieser wohlhabenden und einflussreichen Stadtleute ist noch auffälliger, wenn man bedenkt, wie viel der Handlung in Königsmund oder in Altsass stattfindet, beides viel zu große Städte, um direkt von den Häusern verwaltet zu werden, die sie angeblich führen (Baratheon für Königsmund, Hohenturm für Altsass). Es eliminiert auch ein bedeutendes historisches Element der mittelalterlichen Regierungsführung, besonders im späteren Mittelalter – das Vorhandensein bedeutender Nichtadeliger, mit denen man zurechtkommen muss.

In Westeros sind gewöhnliche Leute in einem Maß völlig von der Regierung ausgeschlossen, das die Verwaltung dieser großen Städte ad absurdum führt. Westeros ist eine Welt, wo „Feudalherren“ die Gesamtheit der Regierung ausmachen. Wenn es im Gegensatz dazu eine Sache gibt, die die Politik des Mittelalters definiert, so sind das fragmentierte Machtstrukturen, wo Könige gezwungen sind, nicht nur mit militäraristokratischen Adeligen wie sie selbst klarzukommen, sondern auch mit Klerikern – von denen manche auch die Herrscher ihrer eigenen Stadtlehen sind (sie sind „Fürstbischöfe“ und „Fürsterzbischöfe“, weil viele der Städte und kleinen Regionen Europas im Wesentlichen unter die Herrschaft des örtlichen Bischofs kamen) – und den Vertretern wichtiger Städte. An Orten wie England waren sogar nichtadelige Grundbesitzer – die Gentry – bedeutend, teilweise weil sie im 13. und 14. Jahrhundert eine wichtige Quelle für militärische Mannstärke boten.

Wir werden auf dieses Problem in der Schlussausführung zurückkommen, wenn wir einige der Fäden aus allen drei Teilen über Machtstrukturen in Westeros und im Mittelalter miteinander verknüpfen, aber zuerst möchte ich mich mit einer weiteren größeren Betrachtung befassen:

Der Norden ist ein Nationalstaat

Dies ist kein Problem per se, aber es ist etwas an Westeros, das im historischen Mittelalter zutiefst deplaziert gewesen wäre. Mittelalterliche Königreiche und frühneuzeitliche Staaten waren um die persönlichen Besitzungen individueller Herrscher aufgebaut. Wenn man zum Beispiel von „Österreich“ oder „Burgund“ in den 1400ern als Staaten/Länder/Regierungen reden würde, so wäre das ein Anachronismus. Es gab keinen österreichischen Staat, sondern bloß die Ansammlung von Ländern, die von dem zu der Zeit gerade regierenden Habsburger besessen oder kontrolliert wurde. Genauso war Burgund, sagen wir, im Jahr 1440 keine zusammenhängende Einheit, sondern einfach die Ansammlung von Ländern Philips des Guten (Herzog von Burgund, aber auch Herzog von Brabant, Limburg, Luxemburg und Lothier, Graf von Artois, Flandern, Charolais, Haniaut, Holland und Seeland und Markgraf von Namur). Das „Königreich“ war somit nicht so sehr eine dauerhafte Einheit als vielmehr eine Ansammlung von Besitzungen in gleicher Weise, wie meine persönliche „Bibliothek“ kein permanentes Gebäude ist, sondern bloß eine Bezeichnung für „Bücher, die ich gerade besitze“. (Unten: Eine Karte der Besitzungen der Herzöge von Burgund. Jede umrissene Sektion stellt einen anderen Titel derselben Person dar, wobei jeder Titel seine eigenen Vasallen hat [von denen viele Bischöfe oder Städte waren].)

Es ist daher ein bisschen seltsam, dass die Regionen von Westeros von ihren Bewohnern als klar und unveränderlich gesehen werden. Zum Beispiel hat die Weite Grenzen, diese Grenzen bewegen sich nicht, und jeder innerhalb dieser Grenzen ist dem Haus Tyrell loyal. Das ist nicht, wie mittelalterliche Herrschaft funktioniert. Die Grenzen von, sagen wir, Frankreich, verschoben sich im Laufe der Zeit (manche Gegenden, die wir als „offensichtlich“ Teile von Frankreich betrachten, wurden erst ziemlich spät hinzugefügt, wie das französische Flandern oder die Provence), so wie sich die Fähigkeit des französischen Königs änderte, jene Regionen zu kontrollieren. Während langer Zeitabschnitte des Mittelalters wurden große Teile Frankreichs effektiv von den Königen von England kontrolliert (weil sie auch Herzöge dieses oder jenes französischen Herzogtums waren).

Die Vorstellung, dass Frankreich, oder Deutschland oder Italien eine eigene, permanente Entität mit ihrer eigenen Existenz separat von irgendeiner bestimmten Königsfamilie sei – mehr als bloß ein Bereich auf einer Landkarte -, die ein Volk, seine Sprache und die Regierung jener Menschen beinhaltet, dies ist ein modernes Phänomen. In der Tat könnte man argumentieren, dass es – das heißt, der Nationalstaat – das moderne Phänomen ist.

Aber in Westeros ist der Norden anders. Während er dasselbe auf Vasallentum beruhende politische System hat wie der Süden, hat er ein völlig anderes politisches Bewusstsein, das sauber von Lyanna Mormonts Erklärung zusammengefasst wird: „Der Norden erinnert sich – wir kennen keinen König außer dem König im Norden, dessen Name Stark ist.“ Der Norden besteht nicht bloß aus den persönlichen Besitzungen und Vasallen des Stark, der gerade das Sagen hat – er hat eine klare und separate Existenz.

Diese nationale Identität überlebte (oder wurde möglicherweise in dieser Zeit geformt) Jahrhunderte der Targaryn-Herrschaft (zum Teil weil die Targaryns die lokalen Eliten in ihren Positionen beließen), nur um fast unmittelbar nach Ned Starks Tod wieder als Staat zu erstehen (man nimmt an, dass Ned Starks Freundschaft mit Robert Baratheon der einzige Grund war, warum das nicht früher geschah). Selbst als der neue Staat scheiterte, tauchte er nach dem Zusammenbruch dessen wieder auf, was im Wesentlichen eine Besatzungsregierung der Lannisters war. Der Norden ist religiös eigenständig, was in diesem Zusammenhang sicherlich eine Rolle spielt (denkt daran, ein Grund, der dafür genannt wird, dass Robb Stark sich zum König erklärt, war, dass die Bewohner des Südens nicht einmal „die richtigen Götter verehren“), und eindeutig kulturell verschieden, mit seinen eigenen besonderen Moden und kulturellen Werten. Wichtig ist, dass diese kulturelle Andersartigkeit sich vom Adel bis hinunter zu den Gemeinen durchzuziehen scheint, wobei die Gemeinen selbst eine Bindung an die Idee des Nordens und der Herrschaft der Starks empfinden. Nördliche Lords scheinen das Gefühl zu haben, dass sie mehr mit ihrem gewöhnlichen Volk gemeinsam haben als mit, sagen wir, den Lannisters.

In diesem Sinn könnte der Norden in der Tat das mittelalterliche Königreich Schottland und seine Bemühungen wiederspiegeln, unabhängig von der englischen Krone zu bleiben, aber das Ausmaß der Einheit im Norden ist viel höher. Man fragt sich, ob Martin im Wesentlichen den späteren schottischen Nationalismus zurück in die mittelalterlichen Darstellungen hineingelesen hat; die frühesten Hinweise auf eine schottische Nationalidentität beginnen in Wirklichkeit erst in den 1300ern zu erscheinen (in der Spätzeit des Mittelalters), obwohl es wahrscheinlich verfrüht ist, selbst dies als Nationalismus zu bezeichnen. Viele schottische Adelige hatten zum Beispiel kulturell mehr mit ihren anglo-normannischen Entsprechungen in England gemeinsam, wohingegen die Lords des Nordens sich eindeutig als kulturell nördlich betrachten und die Religion, die kulturellen Gewohnheiten und Kleidungs- und Sprachmuster dort mit den anderen gemeinsam haben. Und während Schottland sich im Mittelalter wiederholt fragmentierte, wird der Norden eindeutig als ein einziger Staat mit nur einer Familie betrachtet, die das Königtum beanspruchen kann.

Während solch ein früher Nationalstaat in Westeros kein Wordbuilding-Fehler per se ist, ist erwähnenswert, dass er gegen einige der vorherrschenden wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber geht, wie Nationen entstehen. Insbesondere hebt Benedict Anderson in Imagined Communities (1983) die Rolle der Druckerpresse bei der Schaffung eines gemeinsamen landessprachlichen Diskurses hervor, der wiederum die Bildung nationaler Identitäten förderte, die um gedruckte nationale Schriftsprachen geformt wurden. Angesichts dessen, wie ausgedehnt der Norden ist, kann man sich schwer vorstellen, wie er die kulturelle Einheit bewahrt, die wir dort sehen, ohne diese Art von Technologie zu haben, die eine Möglichkeit für entfernte Gemeinschaften bietet, miteinander zu interagieren.

Wir könnten diesen Fehler dem einfachen Versuch zuschreiben, die Politik des spätmittelalterlichen Englands auf einen kontinentalen Maßstab aufzublasen, wenn die politischen Systeme, auf denen sie beruht – seien es Vasallensysteme oder Clanloyalität – sich nicht hochskalieren lassen. Dennoch müssen wir schlussfolgern, dass ein Königreich wie der Norden – riesig und ohne ein starkes Gefühl der nationalen Einheit – im europäischen Mittelalter eine verblüffende Seltsamkeit gewesen wäre; es ist im Grunde ein Anachronismus.

Schlussausführungen

Ich möchte damit beginnen, dass diese drei Beiträge nicht die Gesamtheit meiner Kritik an Game of Thrones oder Das Lied von Eis und Feuer ist. Stattdessen habe ich mich mit einer spezifischen Frage befasst: wie getreu sind diese Werke der Kultur und Gesellschaft des europäischen Mittelalters? Dies ist ein Teil des Grundes, warum Essos hier unerwähnt geblieben ist. Es hat seine eigenen Probleme, besonders den ans Rassistische grenzenden Exotizismus, mit dem viele seiner Kulturen (besonders die Dothraki) behandelt werden, aber das ist etwas völlig Separates von Westeros‘ historischer Grundlage. Jene Probleme wären, denke ich, ab besten separat zu behandeln, und wahrscheinlich von einer anderen (lies: besser als ich) Art von Wissenschaftler. Aber ich möchte zu dieser zentrale Frage zurückkehren: wie mittelalterlich ist Game of Thrones?

Wie vermutlich nun offensichtlich ist, denke ich nicht, dass Game of Thrones oder auch Das Lied von Eis und Feuer ein gutes Double für das europäische Mittelalter ist. Während Fans beider Werke üblicherweise erklären, dass Martin es erzählt hat, „so wie es war“, fällt es schwer, diese Sicht aus historischer Perspektive zu bestätigen. Westeros ist als Surrogat für das mittelalterliche Europa nicht besser als Mittelerde oder Narnia (selbst nach den Bemühungen von Benioff und Weiss, so viel von den übernatürlichen Elementen aus Das Lied von Eis und Feuer zu entfernen wie sie nur konnten). Dies ist keine Kritik am Worldbuilding: es gibt keinen Grund, warum eine Fantasy-Welt einer Gesellschaft der wirklichen Welt ähneln muss. Aber es ist eine Warnung davor, sich die eigenen Annahmen über die Vergangenheit von dieser Art von Fiktion einfärben zu lassen.

Während die Unterschiede, die ich dargelegt habe, geringfügig erscheinen, summieren sie sich, besonders weil nahezu alle davon in dieselbe Richtung drücken: sie minimalisieren konkurrierende Machtzentren außerhalb des Adels. Martin hat systematisch die „Bremsen“ des mittelalterlichen Herrschaftssystems entfernt. Vielleicht das definierende Merkmal der mittelalterlichen Herrschaft war die Fragmentierung der Macht zwischen dem niedrigeren Adel (jene kleineren Häuser, über die wir fast nie etwas hören), wichtigen Bürgerlichen (wie die Stadtregierungen, die es in Westeros nicht gibt) und mächtigen Mitgliedern des Klerus (entweder als weltliche Führer – Fürstbischöfe – oder spirituelle). Außerdem war der Herrscher durch religiöse und politische Normen stark eingeschränkt, die bestimmte Verhaltensformen forderten – Frömmigkeit, Eidestreue etc. – und Abweichungen von diesen Normen streng bestrafen konnten.

Martin hat die Schwäche des zentralen Monarchen beibehalten, aber ansonsten all diese anderen Systeme aus der mittelalterlichen Gesellschaft herausgerissen. Nun ist es wahr, dass diese Institutionen in England schwächer waren als anderswo in Europa, aber das war genau deshalb der Fall, weil der englische König viel mächtiger war als die meisten anderen Monarchen in Europa und diese Macht – die selbst ein Produkt riesiger königlicher Landbesitzungen war, die weit über das hinausgehen, was die Targaryns oder Baratheons haben – dazu benutzt hat, konkurrierende Institutionen beiseite zu drängen. Aber selbst in England mit seinem viel mächtigeren zentralen Monarchen waren diese Institutionen viel stärker, als sie in Westeros sind.

Weil die Erzählung von Game of Thrones und Das Lied von Eis und Feuer so auf die Politik fokussiert sind, zieht sich diese radikale Umgestaltung dessen, wie politische Macht funktioniert, durch jeden Teil der Erzählung. Immerhin ist das definierende erzählerische Merkmal der Geschichte – ihr Kernthema – die enorme Destruktivität des ungebremsten Strebens nach Macht. Doch die ganze Natur der Herrschaft im Mittelalter stellte sicher, dass das Streben nach Macht typischerweise kontrolliert wurde und dass die Destruktivität des Krieges – verglichen mit der klassischen Antike oder der frühen Neuzeit – begrenzter blieb (wenn auch immer noch ziemlich schlimm). Es ist ein Gemeinplatz, das Mittelalter zu einer „gewalttätigen Zeit“ zu erklären, aber es ist unwahrscheinlich, dass die militärische Sterblichkeit im Mittelalter jemals die Niveaus erreichte, auf denen sie in der Antike oder in der frühen Neuzeit war (ganz zu schweigen von den wahrhaft atemberaubenden kriegerischen Sterblichkeitsraten in prähistorischen Gesellschaften).

Ich denke, dass eine echte Gefahr in dieser Fehldarstellung des Mittelalters als Hexenkessel der Gewalt und des Ehrgeizes liegt. Als Game of Thrones seiner letzten Staffel entgegeneilte, spekulierten viele Fans darüber, wie die „Helden“ „das Rad brechen“ und Westeros‘ Probleme lösen würden. Welche Form einer moderneren – und somit implizit friedlicheren und humaneren – gesellschaftlichen Organisation würde eingeführt werden? Diesen Spekulationen lag die Annahme zugrunde, dass es die mittelalterlichen Aspekte von Westeros waren, die zu seinen Katastrophen und Leiden führten, und dass die Lösung eine Modernisierung der einen oder anderen Art war. Das sind historische Annahmen, die Implikationen für die wirkliche Welt haben.

Sie sind auch falsch und beruhen auf einer fehlerhaften, popkulturellen Sicht auf das Mittelalter als eine einzigartig gewalttätige und unterdrückerische Zeit (ich hoffe klargemacht zu haben, dass es nicht gewalttätiger war als die Perioden unmittelbar davor und danach). Tatsächlich ist Westeros‘ Problem – dass die enorme Macht des Staates zur Ausübung von Gewalt ungehemmt durch irgendwelche konkurrierende (demokratische, religiöse, kulturelle) Institutionen ist – ein modernes Problem, kein mittelalterliches. Ein Publikum zu der Annahme zu verleiten, dass diese Art von Kriegen und Problemen etwas ist, das erst durch moderne Institutionen in die ferne Vergangenheit verbannt wurde oder leicht zu lösen ist, heißt, es gefährlich irrezuführen.

Kurz gesagt, die Gefahr liegt im Korrelat zu der Idee, dass Martin und Game of Thrones es zeigen, „wie es wirklich war“, welches die Vorstellung ist, dass Game of Thrones zeigt, „wie es nicht mehr ist“. Und diese Annahme – dass dies eine Geschichte über die Art von Barbarei und Gewalt ist, die nur der Vergangenheit angehört – ist gefährlich. Und hierin liegt das Paradox der mittelalterlichen Aufmachung von Das Lied von Eis und Feuer: Martin zeigt uns nicht so sehr „wie es wirklich war“, sondern „wie es wirklich sein könnte“. Und das ist eine unbequemere – aber viel wichtigere und wertvollere – Lektion als die falsche Annahme, dass Game of Thrones der Vergangenheit getreu ist.

Unsere Wache ist niemals beendet.

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Eine interessante Ergänzung zu diesem Dreiteiler hinsichtlich der Entwicklung einer zentralisierteren und leistungsfähigeren Staatsmacht (und der Entwicklung von Wirtschaft und Technologie) einerseits und der Destruktivität von Kriegen ist Bret Devereaux‘ fünfteilige Serie über Befestigungen von der Antike bis zur Gegenwart:

Fortification, Part I: The Besieger’s Playbook

Fortification, Part II: Romans Playing Cards

Fortification, Part III: Castling

Fortification, Part IV: French Guns and Italian Lines

Fortification, Part V: The Age of Industrial Firepower

Siehe auch Der Ruin des Krieges: Lektion aus den Parallelen zwischen dem Strategiespiel „Victoria II“ und realen Kriegen im Industriezeitalter, ebenfalls von Bret Devereaux

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