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Ist Realismus unrealistisch?

Von Rick Robinson. Original: Is Realism Unrealistic?, veröffentlicht am 7. November 2011 (Rocketpunk Manifesto). (Erstes Bild aus dem Originalartikel, die anderen wurden vom Übersetzer hinzugefügt.)

Realismus ist praktikabel, solange man nur realistische Dinge tun will. Den Weltraum zu erforschen ist realistisch. Bergbau darin zu betreiben, ihn zu kolonisieren oder Epische Schlachten in seinen fernen Weiten auszutragen sind alles Space-Opera-Dinge. Nichts davon ist unmöglich. Aber alle sind höchst unwahrscheinlich, jedenfalls in der leicht absehbaren Zukunft, mit der Technologie, wie wir sie kennen.

Der Fairness halber muss man sagen, dass ich allgemein die „plausible mittelfristige Zukunft“ diskutiert habe, eine Zeit und einen Ort, charakterisiert als plausibel, aber nicht unbedingt als höchstwahrscheinlich oder auch nur überhaupt sehr wahrscheinlich. Aber das beseitigt nicht das Problem. Läuft eine stillschweigende Voraussetzung einer „plausibel“ halb-realistischen Technologie auf eine unrealistische Einschränkung hinaus, wenn sie auf essenziell Space-Opera-mäßige Settings angewandt wird?

Oder um es anders auszudrücken – und auf Fälle runterzubrechen -, bietet die Serie über Weltraumkriegführung angesichts dessen, dass Kriegführung im tiefen Raum unter den technologischen Einschränkungen, die ich hier diskutiert habe, ziemlich verdammt unwahrscheinlich ist, Autoren oder Gamern irgendeine brauchbare Hilfe, die ihre Raumschlachten überzeugender machen wollen? Wären sie in Wirklichkeit nicht besser dran, wenn sie einfach die Space-Opera-Technologie ihrer Wahl annehmen und dann die Implikationen für Kampf unter diesen Bedingungen ausarbeiten?

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Über die Hügel und weit fort – Epilog: Wohin auch immer der Weg führt

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen(2): Es scheint, wir sind im Himmel(3): Das ist kein Mond(4): Scheint kein Mond in heller Pracht(5): Ein Herz aus Glas(6): Ein Weg aus Stein(7) Ein Fall von Gravitas und (8): Nicht geboren, um zu folgen.

DER KONTINENT SANTOSIA blieb unter der Welsh Lady zurück. Das Firmenkurierschiff der Cosmotrading Corporation hatte seinen Rumpfrücken nach Osten gedreht und legte sich langsam immer weiter über, um den Reisenden letzte Ausblicke auf Tidalos zu ermöglichen. Außerdem würden so nur die Hochtemperatur-Radiatorpaneele des Rumpfbauchs der Sonne ausgesetzt sein, wenn es sich im Mondsystem von Gravitas an der Sonnenseite des Gasriesen vorbeischwang, um am zweitinnersten Mond Stromboli mit einer Kombination aus Swing-by-Manöver und Oberth-Boost Tempo aufzunehmen. Während des Warptransfers zum Taurion-System, wo Cosmocorp eine Niederlassung hatte, würde der schwache Schub der Fusionsabgase den Bewegungsunterschied zwischen Tidalos und Taurionis in einer anderen Richtungskomponente ausgleichen, und im Zielsystem war noch ein Gravity Assist bei einem der Planeten vorgesehen, ehe das Schiff vor der Landung eine Atmosphärenbremsung mit seinem Plasmagschirm durchführte.

Solche Hangelmanöver waren in der interstellaren Raumfahrt oft notwendig, weil der Warpflug keine Auswirkung auf die Eigengeschwindigkeit hatte, die ein Raumschiff von seiner Ausgangswelt mitnahm und von der es sich bis zur Ankunft an die Eigenbewegung der Zielwelt anpassen musste. Der Schub des Plasmas aus den Fusoren und das Delta-v oder Geschwindigkeitsänderungsbudget der Schiffe reichten dafür nicht immer aus, trotz der Einspritzung von Abwasser und verdampftem Wasserstoff in die Boosterdüsen, und so behalf man sich mit Swing-bys und Oberth-Manövern. Je nach Geschwindigkeitsunterschied zwischen den Sonnensystemen und den Positionen ihrer Planeten machten diese einen variablen und nicht trivialen Anteil der Gesamtreisezeit aus.

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Über die Hügel und weit fort (8): Nicht geboren, um zu folgen

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen(2): Es scheint, wir sind im Himmel(3): Das ist kein Mond(4): Scheint kein Mond in heller Pracht(5): Ein Herz aus Glas(6): Ein Weg aus Stein und (7) Ein Fall von Gravitas.

DER KÜHLE MORGEN war fast windstill, als sie zur letzten Tankwechsel-Rast auf dem Großen Saltvlei hielten. In der Ferne war zu erkennen, wo Meerwasser von der westlichen Flutpforte her über die Salzfläche strömte. Durch die nächtliche Inversion war das Depressionsbecken stark ausgekühlt, und die dünne Nebelschicht über dem warmen Wasser zog eine helle Trennlinie unter die schon recht nahen Küstenberge der Südinsel Thermione, die sich vor den rosigen Schleierwolken über dem Horizont abhoben. Am hell gewordenen Morgenhimmel waren keine Trümmermonde mehr zu sehen.

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Über die Hügel und weit fort (7): Ein Fall von Gravitas

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen(2): Es scheint, wir sind im Himmel(3): Das ist kein Mond(4): Scheint kein Mond in heller Pracht(5): Ein Herz aus Glas und (6): Ein Weg aus Stein.

ALS DIE GRUPPE nach der Schlafpause schweigend frühstückte, war es deutlich kühler geworden. Gravitas, am Ostteil der Ruine vorbei sichtbar, wenn man an die Terrassenbrüstung ging, war zu einer breiten Sichel geschrumpft und wieder höher gestiegen, und die Sichel von Levitas begann hinter den dunklen oberen Rand des Planeten zu sinken. Kein anderer Mond stand am großteils klaren Himmel, über den wabernde grüne Aurorenschleier sich schon weit von Norden her ausgedehnt hatten.

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Über die Hügel und weit fort (6): Ein Weg aus Stein

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen(2): Es scheint, wir sind im Himmel(3): Das ist kein Mond(4): Scheint kein Mond in heller Pracht und (5): Ein Herz aus Glas.

DER LANGE, steile Abstieg von der Selvidda zum Rimrock Trail näherte sich seinem ersehnten Ende. Sie ritten schräg nach rechts über einen mit gelblichem Gestrüpp bewachsenen Geröllhang zur Alten Straße hinunter, die diesen Abschnitt der Wanderroute bildete. Sie verlief in einem weiten Linksbogen am Hang entlang auf eine Kehre zu, wo sie um einen von rechts oben kommenden bewaldeten Rücken mit Felsen am Kamm verschwand.

Ein Stück unterhalb der Straße begann ein Wald aus tidalischen Bäumen, der sich in Wellen über die Täler und die runder werdenden Kämme ausbreitete und mit ihnen flacher werdend zum Tal der Murnau abfiel. Jenseits dieses Flusses bildete ein runder Gebirgszug den Nordhorizont, während zur Rechten der fünf Männer die Sicht von der langen Felswand unter der Selvidda begrenzt wurde, die sie durch eine der zur Murnau entwässernden Bachschluchten verlassen hatten.

Die über den Hang hochschwebenden Nebelschwaden, die am überhängenden Rand der Felswand in einer Leewalze umkehrten und über das Tal zurücktrieben, wurden weniger, und obwohl der sichtbare Teil von Gravitas vor Kurzem unter dem Horizont verschwunden war, sorgte ihr Streulicht am Himmel zusammen mit dem Schein von Niferoon und der Trümmermonde für ausreichende Helligkeit. Und durch die fernen Bäume über der namensgebenden Rimrock-Granitdecke schien strahlend hell der kleine Mond Levitas und stieg schnell genug vor Gravitas‘ Ring auf, um sichtbar zu bleiben, obwohl die Männer immer tiefer kamen. Der Kohlendioxidgehalt der Luft war in dieser Höhe verträglich, daher ritten sie mit offenen Visieren und ohne Atemmasken.

Kurz vor dem Ausgang der Schlucht über dem Geröllhang hatten sie Schüsse gehört, aber diese klangen gedämpft und hörten sich an, als kämen sie von weiter weg, aus einem der Täler unterhalb der Straße. Vielleicht kämpften dort schon Rebellen gegen Systemkräfte, und das wäre gut, denn derzeit sah es für die ISSE-Streitmacht nicht gut aus.

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Über die Hügel und weit fort (5): Ein Herz aus Glas

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen(2): Es scheint, wir sind im Himmel(3): Das ist kein Mond und (4): Scheint kein Mond in heller Pracht.

AWA MARIM wandte sich wieder nach vorn und beschleunigte auf ihr normales Marschtempo. Der Wind in den Büschen und Bäumen spielte ihr Streiche: keine spinnenbeinigen Wesen waren hinter ihr auf die Alte Straße hochgekrabbelt; diese Biester folgten ihnen immer noch nur unten im Wald, von wo sie gelegentlich ein Rascheln oder Knacken hörte. Hinter ihr war nur die leere Straße, über deren uraltes Pflaster gerade ein schwacher Lichtstrahl hinwegstrich, der von einem der Monde durch ein wanderndes Wolkenloch fiel.

Beim Weitergehen achtete sie darauf, ihr Gewehr schräg nach links zu halten, weg von ihren beiden Schicksalsgefährtinnen, die vor ihr gingen. Vorneweg marschierte die weiße Gestalt von Boramy Saksarrim, immer bedacht, die Sichtverbindung nicht abreißen zu lassen, und dahinter in Grün Jorina Rohrer mit hängenden Schultern und müdem Schritt.

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Über die Hügel und weit fort (4): Scheint kein Mond in heller Pracht

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen(2): Es scheint, wir sind im Himmel und (3): Das ist kein Mond.

DAS GEHEN war leichter geworden, denn der Rimrock Trail verlief nun über die Alte Straße, die mit mäßiger Steigung talaufwärts führte, und die Hitze hatte nachgelassen. Die verwitterten Steinquader, über die sie gingen, gaben aber immer noch Wärme ab. In dem schwachen, diffusen Licht musste man aufpassen, nicht über Unebenheiten dieses Belags zu stolpern.

Hier war eine der wenigen derartigen Straßen der ersten intelligenten Bewohner von Tidalos erhalten geblieben, denn sie war durch all die vielen Jahrtausende unter dem Geröll geschützt gewesen, das sie von dem nach rechts ansteigenden Hang her überdeckt hatte, bis sie für Wissenschaft und Tourismus freigelegt worden war. Immer am Hang entlang führte sie, links von abgerundeten steinernen Zähnen gesäumt, die ungefähr im Zweimeterabstand kniehoch aus der schrägen Böschungsmauer ragten, um die schroffen Sandsteingrate herum oder in kurzen Tunnels durch sie hindurch und in Kurven in die Rinnen und Bachgräben dazwischen hinein.

Es hatte zu regnen aufgehört, aber es trieben noch Nebelfetzen von links aus dem gelben Wald herauf, stiegen über den Hang hoch zu der imposanten Felswand, die dem Rimrock Trail seinen Namen gegeben hatte, und wurden darüber vom Südwind über der Selvidda als Wolkendecke über das Tal zurückgeweht. Kein Mondlicht schien auf Boramy Saksarrim, die sie nun führte und sich nach ihnen umdrehte, wann immer dichterer Nebel sie einhüllte und sie trotz ihrer weißen Uniform für die anderen unsichtbar zu machen drohte. Sie hatten die Melusina nicht mehr erreicht.

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Über die Hügel und weit fort (3): Das ist kein Mond

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung der Kapitel (1): Two-Ten Six-Eighteen und (2): Es scheint, wir sind im Himmel.

AN DER von Spalten durchzogenen Wand einer stark verwitterten Granitformation saß Carlonides wie die anderen von seinem Reitschreiter ab. Verglichen mit der Saunahitze im Tiefland war es hier fast schon angenehm, nur noch erdtropisch heiß. Vor ihnen begann der Wanderweg, der in einer Linkskurve um den Felsbuckel herum auf das Hochland hinausführte, durch einen Bestand von Greylords, die hier niedriger wuchsen als in tieferen Lagen. Graubraun und knorrig standen die Bäume um die Legionäre, die runzlige Rinde in einem Muster wie um die Korkenzieherstämme gewundene Stränge verlaufend, die fraktal verzweigten blattlosen Äste steil nach oben strebend. Durch ihre schlanken Wipfel, die wie erstarrte gekräuselte Rauchfäden gelöschter Kerzen in den dunkelvioletten Himmel ragten, sah Carlonides das asymmetrische Scheibchen von Niferoon, das höher gestiegen und größer geworden war. An seinem linken Rand war der unbesonnte Teil zu erkennen, der vom Widerschein von Tidalos und Gravitas schwach erhellt wurde.

Ihr Zug hatte wieder die Vorhut gebildet, als die ISSE-Truppe zuletzt in der Deckung einer hauptsächlich von Glasblätterbüschen gesäumten Bachschlucht über einen ansonsten schütter bewaldeten steilen Hang heraufgeritten war. Da Carlonides mit Boomer und Cortho an der Spitze diesen Gewächsen ausgewichen war und alle anderen ihnen gefolgt waren, hatte niemand im Zug unerfreuliche Bekanntschaft mit den rasierklingenscharfen Kanten ihrer Blätter gemacht. Nun warteten sie auf der flachen Kuppe im Schutz des Greylordwäldchens und der Felsformation, damit der über vier Kilometer Länge auseinandergezogene Heerwurm sich wieder sammeln konnte.

Während Boomer mit Groaci, Mace und den beiden anderen Teamlern Details für den Weiterritt besprach, gingen Carlonides und Cortho ein Stück auf dem Weg voraus, gefolgt von ihren Maschinen. Nach der Linkskurve wurde der Weg wieder gerade, und jenseits der Bäume, durch die er ins Freie führte, sahen sie eine von links hell beleuchtete Wiese aus gelb-orangen krautigen Pflanzen, durchsetzt von niedrigen Strauchpolstern, die zu einer flachen Hügelkuppe anstieg und dahinter verschwand.

„Was ist das für ein helles Licht?“ fragte Cortho. „Ich habe mich vorhin schon gewundert, was die Baumwipfel von Osten her so anleuchtet. Das muss ein ordentlich großer und naher Mond sein.“

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Über die Hügel und weit fort (2): Es scheint, wir sind im Himmel

Ein SF-Roman von GS. Fortsetzung von (1): Two-Ten Six-Eighteen.

AUS NORDWESTEN kommend überquerte das Luftschiff Melusina den durch die Ebbe halb entblößten Schelf vor Silverskys Nordinsel. Dort unten war die Sonne Eridaon schon untergegangen, aber hier oben ließ ihr Licht noch die hohen Schleier der sich auflösenden Nachmittagsbewölkung glühen und verwandelte den Himmel über dem Horizont in ein prächtiges rotgoldenes Farbenspiel. Die Wolken, die sich unter der Melusina an einer Kette küstennaher Berge stauten, wurden von dem Schein in weiche Rosatöne getaucht.

Das zweihundertzehn Meter lange Luftschiff sog den Inhalt des Wasserstoffballonetts in der Mitte seiner Heliumhülle in seine Brennstoffzellen und hatte die Abwärmeheizung des Traggases deaktiviert. Dadurch füllten sich die Ballonetts in den Enden des Auftriebskörpers mit Außenluft, und das Schiff konnte sinken. Selbst in dieser Höhe war der Luftdruck noch um ein Sechstel höher als auf irdischem Meeresniveau, und der Anteil des schweren Argons, von dem sich die Atmosphäre nach oben zunehmend entmischte, war noch hoch. Tidalos war eine ideale Welt für Luftschiffe.

Jorina Celine Rohrer lag mit ihrem Mann im Bett und sah sich die Szenerie durch die raumhohe, nach außen geneigte Glaswand der Kabine an, die sie an Bord bewohnten. Es war eine der kleinsten Kabinen, direkt vor der großen Hecksuite an der rechten Seite des langgestreckten Kielwulsts gelegen, der die Passagier- und Besatzungsräume enthielt. Es war seltsam, dieses abendliche Schauspiel nach dem Frühstück zu betrachten, das sie im Panoramasalon am Vorderende des Kiels eingenommen hatten, ehe sie in die Kabine zurückgekehrt waren, um sich vor der Landung noch einmal zu lieben. Nun genoss Jorina das Nachglühen des langen tidalischen Tages gleichzeitig mit jenem anderen Nachglühen.

Sie und Willard hatten das letzte Viertel dieses Tages, das für sie kalendarisch Nacht war, wie die anderen Passagiere schlafend verbracht, während die Melusina das Meer zwischen Silversky und der panatlantischen Kolonie Tiborea überflogen hatte, die die neue Heimat des Paares werden sollte. Genau genommen war Tiborea der nordatlantische Teil der Föderationspräsenz auf Tidalos; die anderen ethnokulturellen Großregionen der PAF hatten hier ihre eigenen Kolonien: das lateinamerikanische Santosia südlich von Tiborea, das atlanto-afrikanische Guinova südlich von Silversky und das maghrebinische Dschasira al-Nur mit der über seinem Zentralmassiv zwei Kilometer hoch aufragenden Turmstadt Burj al-Shams zwischen diesen vier Landmassen.

Jorina war froh, dass sie von der Erde weggekommen waren, wo der Konflikt um die Abspaltung Südamerikas und der atlantikseitigen Staaten Afrikas von der Panatlantischen Föderation sich vor ihrer Abreise zugespitzt hatte. Die Hoffnung, hier vor einem Sezessionskrieg sicher zu sein, war ein Motiv für den Umzug nach Tiborea gewesen, nachdem Willard eine Stelle im Ökodepartment der Kolonialregierung angeboten worden war. Wegen des Baubooms bestand Aussicht, dass Jorina Arbeit in einem Architekturbüro finden würde, und so waren sie nach einigen Vorbereitungen und einem schweren Abschied von ihren Eltern abgereist. Wenn man die drei Monate in dem schnellen Astrorapide-Kurierschiff nicht zählte, das sie zu dieser erdfernsten Menschenwelt gebracht hatte, befanden sie sich nun auf ihrer nachgeholten Hochzeitsreise.

Offiziell waren sie vorerst nur Touristen. Da die Nachrückungen im Department, die Willard Rohrer seinen Einstieg ermöglichten, erst in zwei Monaten stattfinden würden, hatte man für ihn und Jorina eine Rundreise mit der Melusina durch die anderen Länder auf Tidalos arrangiert. Dabei sollte er als Quasi-Spion für die PAF-Kolonialbehörden unverfälschte Eindrücke und Informationen über die Verhältnisse dort gewinnen. Dass er sich mit seiner Frau in Tiborea niederlassen und für die Regierung arbeiten würde, sollte vorerst geheim bleiben.

Jorina war schon immer reisefreudig und abenteuerlustig gewesen, und sie hatte eigentlich vorgehabt, diese Neigung noch einige Jahre lang auszuleben und verschiedene Welten zu besuchen, ehe sie heiraten und sich häuslich niederlassen würde. Dass sie doch schon mit siebenundzwanzig geheiratet hatte, lag an ihrer Begegnung mit Willard, von dem sie sich nicht mehr trennen wollte. Nun würde sie Familiengründung und Reisen auf Tidalos miteinander verbinden können. Später, wenn ihre zukünftigen Kinder erwachsen waren, würde für Willard und sie immer noch Zeit sein, um Nachbarwelten zu besuchen. Die PAF und andere Erdmächte betrieben ihre Raumforschung in diesem Teil der Galaxis nun von Tidalos aus, um die Entfernungen für die Expeditionen zu verkürzen und die reichen Borvorkommen in den Evaporitlagerstätten hier und in den ausgetrockneten Meeren des zweitäußersten Mondes Serena für die Fusoren der Schiffe zu nutzen. Es würde also Mitfluggelegenheiten in Forschungs- und Versorgungsschiffen geben.

Die meisten ihrer Mitreisenden in der Melusina waren Superreiche, Angehörige des Astroset, einer Gesellschaftsschicht, die sich interstellare Privatreisen finanziell und zeitlich leisten konnte. Ihre Kaufkraft war der Hauptgrund, warum der Tourismus für die Kolonien auf Tidalos ein zwar kleiner, aber außenwirtschaftlich nicht unbedeutender Erwerbszweig war. Luftschiffe verbanden die grünen Archipele der von Menschen und anderem Erdenleben besiedelten Gebirge und Hochländer über der heißen tidalischen Lebenszone und boten Expeditionskreuzfahrten in die exotische Natur der tieferen Lagen, die sich durch ihr immerwährendes Herbstgelb abhoben. Dort landeten sie nur nachts, wenn die Temperatur gesunken war, und nur in der kühleren Saison vom Herbst bis zum Frühling. Jorina mochte die Astroset-Leute nicht.

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Über die Hügel und weit fort (1): Two-Ten Six-Eighteen

Ein SF-Roman von GS.

DER ZUNEHMENDE Kabinendruck machte sich in Carlonides‘ Ohren bemerkbar, und auch die Temperatur stieg, um ihn und seine Kameraden auf die Umwelt vorzubereiten, in die sie bald hinaustreten würden. Während der letzten Flugetappe von Taurion her waren sie über die Mission informiert worden, daher wussten sie, zu welcher Welt ihre Firma sie geschickt hatte: Tidalos. Nach dem Ausschleusen aus dem Frachter, der sie mit ihrem Landungsschiff Altair in dieses System gebracht und danach den zweitäußersten Mond Serena angeflogen hatte, waren sie mit der im Orbit versammelten kleinen Angriffsflotte in die Atmosphäre eingetreten. Carlonides saß rechts hinten an einem der Panoramafenster des diskusförmigen Schiffes, eines zum Dropship umgebauten Passagier- und Stückgutshuttles, und schaute auf die fremdartige Wattlandschaft hinaus, die im Abendlicht unter ihnen lag und bis zum dunstigroten Horizont reichte.

Bizarre, wie natürlich gewachsene Imitationen der Sagrada Familia in Barcelona wirkende lehmbraune Gebilde zogen unter dem Schiff vorbei: Riffbauten von Meeresorganismen, die ihre Kolonien schlanker, durchlöcherter Spitztürme vorzugsweise dort errichteten, wo an hydrothermalen Quellspalten Mineralschlote als Substrat wuchsen oder wo wenigstens harter Untergrund vorhanden war. Carlonides wusste, dass sie so hoch wie richtige Kirchtürme werden konnten, und das gab ihm einen Maßstab dafür, welche Höhe das Meer hier bei Flut mindestens erreichen musste. Nun waren davon nur Priele und Gezeitentümpel übrig, in denen sich die Rifftürme spiegelten.

Eine besonders große Wasserfläche kam in Sicht, die in einen Priel abfloss. Um diese Engstelle drängte sich eine Anzahl knochenbleicher Wesen, die auf den ersten Blick irdischen Flugsauriern ähnelten, deren größte Arten sie noch an Größe übertrafen. Sie hatten jedoch keine Hinterbeine, sondern stützten sich beim Herumstaksen auf ihren zusammengefalteten Flügeln auf ihre nach unten gekrümmten Schwänze, sodass ihre Fortbewegung am Boden jener von Beinamputierten auf Krücken ähnelte. 

Diese Brachiopter machten Jagd auf Wassertiere, die in den Priel zu entkommen versuchten, und wateten dabei in der seichten Uferzone herum. Viele weitere hielten sich am Rand des Sees auf, und einer hob gerade ab, um über das Gewässer hinwegzustreichen. Dabei sprang er mit den Flügeln vom Boden hoch, unterstützt vom sich streckenden Schwanz, an dem sich eine horizontale Schwanzflosse entfaltete. Ein weiterer schnappte nach einem Beutetier, und Carlonides dachte daran, dass das Wasser selbst um diese Tageszeit wahrscheinlich noch heiß genug war, um einen Menschen zu verbrühen. In den tiefen Lagen war dies eine Welt der Thermophilen. Er schaute dieser Szenerie nach, bis sie hinter einer hohen Riffturmkette verschwand, der das immer tiefer fliegende Schiff mit einem Seitwärtsschlenker auswich.

Bald darauf zeigten sich am Boden erste Büschel des Wattfarns, die sich schnell zu einem dichten ockerfarbenen Teppich schlossen, ein Zeichen dafür, dass der Gezeitenwald vor dem Flutsaum nahe war. Die Altair bremste ab und nahm wie das Nachbarschiff Vega auf Carlonides‘ Seite einen steileren Anstellwinkel ein, zündete ihre vorderen und unteren Manövriertriebwerke und schaltete ihren Borton-Fusor ab, um keine Brandspuren am Boden zu hinterlassen. Dann senkte sie sich auf ihre Landestützen.

Nach dem Aufsetzen standen Carlonides und seine Kameraden auf und gingen nach vorn. Ein Deck tiefer lösten die Trossleute die Transportsicherungen der Reitschreiter und Portabots und der wenigen Quadcombots und schickten die Maschinen von Bord und zu ihren Wartepositionen vor den Schiffen. Die Kämpfer aus dem Oberdeck folgten ihnen mit angelegten Atemmasken und geschlossenen Helmvisieren über die Bugrampe in die Saunahitze hinaus, die durch den schwachen Wind kaum gemildert wurde. Es half jedoch, dass die gewaltigen Gezeitenkräfte auf dieser Welt sich nicht nur auf die Meere, sondern noch mehr auch auf die Atmosphäre auswirkten und daher gerade Luftebbe war und der verringerte Luftdruck die Temperatur um mehrere Grad senkte. In ihren Uniformen aus Thairmex gaben die eingearbeiteten Kühlsysteme tröpfchenweise Wasser ab und bliesen Luft unter den Stoff, und Kühlwasser zirkulierte in den Helmen und führte Körperwärme ab. Molekülfilter reinigten ihre vorgekühlte Atemluft vom Kohlendioxid, das hier wie das Argon in einem Vielfachen der irdischen Konzentration vorhanden war. Der Sauerstoffgehalt war zwar auf Meereshöhe etwas geringer als auf der Erde, aber die Luftdichte war trotz der um ein Viertel schwächeren Schwerkraft um zwei Drittel höher als auf irdischem Meeresniveau, sodass der Sauerstoffpartialdruck dennoch hoch war.

Draußen schritten die Männer durch die schenkelhohe Vegetation zu ihren nebeneinander aufgestellten Reitschreitern, wo auch die Anführer warteten. Die Sonne war gerade untergegangen, aber der helle Westhimmel und reflektierende Wolken ließen die Landschaft noch gut erkennen. Tief im Westen sank auch die Silbersichel von Serena dem Horizont entgegen. Carlonides wusste, dass die Helligkeit des marsgroßen Mondes von den Salzwüsten der ausgetrockneten Meere und dem Staub und den Eiskristallen in der dünnen Atmosphäre kam. Die vielen kleinen Trümmermonde, die einen breiten Bogen aus Lichtpunkten wie eine zweite Milchstraße am Himmel bildeten, waren nun zwischen den Wolken deutlicher sichtbar. Manche der Lichtpunkte bewegten sich merklich: Raumschiffe, Orbitalstationen und Satelliten. Hoch am Osthimmel stand Niferoon als winziges Scheibchen zwischen Voll- und Halbphase. Hinter dem Gezeitenwald mit seinen gelb belaubten Riesenbäumen erhob sich ein bewaldetes Küstengebirge in ähnlichen Farben, aus dem nach einer durchgezogenen Regenfront Nebel aufstieg.

Carlonides schaute die acht Shuttles entlang, von denen Massen behelmter Männer in erdfarbig gemusterten Tarnuniformen wegschwärmten. Sie waren alle von derselben Bauart, dicke, ovale Diskuskörper mit schwarzen Bäuchen, sandgelben Oberseiten mit Cockpitkuppeln vor der Mitte und einem breiten zurückgesetzten Bereich zwischen den Gravoringen, in den achtern auch die Panoramafenster eingesetzt waren. Die Männer, die sie gelandet oder vielmehr hauptsächlich ihre KI-Computer dabei beaufsichtigt hatten, waren keine ausgebildeten Raumpiloten, sondern nur für diese Aufgabe angelernt und machten den Einsatz nun als Trossmänner mit, um die Truppe zu verstärken.

Fünfzehnhundert Mann auf des toten Mannes Kiste -, dachte er in einem Anflug von Galgenhumor und fragte sich, ob ihre Stärke für das Vorhaben wirklich ausreichen würde. Er hoffte, dass die Saboteure die Ortungsstation oben auf dem Vorgebirge wirklich schon mit ihrer Störsoftware lahmgelegt hatten, sonst war ihre Landung dem Feind schon bekannt. Bis ein Wartungstrupp kam, um die Störung zu beheben, würden sie und die Shuttles nicht mehr hier sein.

Als er sich zum Weitergehen wandte, trat er in etwas gallertig Weiches. Es war ein Schaumnest einer Meerestierart, das hier nach der letzten Flut zwischen den Wattfarnen hängengeblieben war, ein kniehoher schleimiger Batzen mit eineinhalb Meter Durchmesser. Die faustgroßen, wie Bernsteinklumpen aussehenden Eier in der Mitte enthielten fischförmige Föten mit etwas wie angezogenen Drachenflügeln. Feine Luftschläuche führten von jedem zur Oberseite des Gallertkörpers. Carlonides erkannte das Gebilde als Ichthyoptergelege.

„Two-Ten!“, brüllte sein Gruppenführer Groaci und setzte „Six-Eighteen!“ hinzu, als ein Mann aus der Vega, dessen ID-Nummer gleich begann, darauf reagierte. „Komm schon! Du bist nicht als Tourist hier!“

Carlonides eilte an seinen Platz neben seinem Reitschreiter, links von seinem stämmigen Teamführer Boomer. Es war üblich, dass die Trooper und Teamführer von Interstellar Security Enforcement von Höherrangigen nur mit ihrer Dienstnummer angesprochen wurden, und die ersten beiden Zahlengruppen von Carlonides‘ Nummer 2-10 618 10-44 standen untereinander auf seinem Brustpanzer, auf dem Tornister und auf den Helmseiten. Er hieß auch nicht wirklich Carlonides. Dieses Pseudonym hatte er beim Eintritt in das Militärunternehmen (die Bezeichnung Söldnerfirma vermied er) aus Elementen seines richtigen Namens gebildet, den nicht einmal die Vertragsabteilung seines Dienstgebers kannte. Auch alle anderen Legionäre verwendeten im Umgang untereinander nur Pseudonyme. Es hieß, Groaci habe seines, das er anstelle einer Dienstnummer auf seinen Rüstungsteilen führte, von einer alten Bezeichnung für einen Vorgesetzten, der seine Augen überall hatte.

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