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GRRM: Eine Nacht im Tarn House (Teil 1 von 2)

Von George R. R. Martin. Das Original „A Night at the Tarn House“ wurde für die 2009 veröffentlichte Anthologie Songs of the Dying Earth: Stories in Honor of Jack Vance geschrieben und in der Ausgabe 85 – Oktober 2013 des Clarkesworld Magazine nachgedruckt. Die Originalfassung ist in A Night at the Tarn House (fattestleechoficeandfire.com) und hier im Clarkesworld Magazine nachzulesen (Clarkesworld-Audioversion hier; Länge: 1:19:51).

A Night at the Tarn House spielt in der Welt von Jack Vances Dying Earth-Serie, von deren Protagonisten einige hier erwähnt werden, und es kommen einige der Wesen daraus vor, wie die Deodanden und die Twkmänner. Wie „fattestleech“ schreibt, ist die Geschichte ein Beispiel für zyklische Inspiration: Vance beeinflusste GRRM, und dieser gibt das nun zurück und bringt seinen eigenen Touch ein. (Mir persönlich gefällt Tarn House übrigens besser als alle originalen Dying-Earth-Geschichten von Jack Vance, die ich kenne.)

GRRM schrieb dazu am 4. Februar 2009 in seinem Blog „Not A Blog“ über seine Korrekturlesung vor der Veröffentlichung:

„Ich hatte drei Viertel von Tarn House am vorletzten Wochenende bei der CoSine in Colorado Springs gelesen, aber dies war das erste Mal, dass ich das ganze Ding durchgegangen war, seit ich es an meinen Mitherausgeber Gardner Dozois geschickt hatte. Es hielt sich recht gut, dachte ich. Niemand schreibt wie Jack Vance, außer Jack Vance, wodurch das eine ziemlich einschüchternde Aufgabe war… aber auch Spaß machte. Viele der anderen Autoren in dem Buch versuchten Vances einzigartigen Stil nachzubilden, aber ich war zufrieden damit, einfach in diese Richtung zu nicken und mein Bestes zu versuchen, seine Welt und etwas von seinem Witz heraufzubeschwören. Die Leser werden darüber richten, wie gut ich das tat, aber ich hoffe, dass die Vance-Fans da draußen es genauso genießen werden, Molloqos, Lirianne und dem Großen Chimwazle zu begegnen (dessen Namen ich von Howard Waldrop geklaut habe, wie ich errötend gestehe), wie ich es genoss, über sie zu schreiben.“

Nach meinem Wissen ist A Night at the Tarn House nie auf Deutsch veröffentlicht worden, daher habe ich es nun übersetzt, als Jahresabschlussgeschichte und als 400. Beitrag auf AstroSciFix. (Ein tarn ist übrigens ein Weiher oder kleiner See im Gebirge, aber nachdem der Weiher, an dem das gegenständliche Gasthaus der Geschichte liegt, anscheinend salzig ist, kam mir das nicht ganz zutreffend vor, sodass ich davon abgesehen habe, sie „Eine Nacht im Bergweiherhaus“ zu nennen.)

*       *       *

EINE NACHT IM TARN HOUSE

Durch die purpurne Düsternis kam Molloqos der Melancholische, getragen auf einer eisernen Sänfte von vier toten Deodanden.

Über ihnen hing eine geschwollene Sonne, wo dunkle Kontinente aus schwarzer Asche sich täglich über sterbende Meere von trübem rotem Feuer ausbreiteten. Hinter ihnen und voraus ragte der Wald auf, durchtränkt von scharlachrotem Schatten. Sieben Fuß groß und schwarz wie Onyx, trugen die Deodanden zerlumpte Röcke und sonst nichts. Der rechte vordere Deodand, der frischer als die anderen war, machte mit jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch. Aus seinem gasigen und geschwollenen reifenden Fleisch sickerte eine widerliche Flüssigkeit durch tausend Nadelstiche, wo die Exzellente Prismatische Berieselung ihn durchbohrt hatte. Er hinterließ feuchte Flecken auf der Oberfläche der Straße, einem alten und stark überwachsenen Weg, dessen Steine während der Glanzzeit von Thorsingol gelegt worden waren, das nun eine verblassende Erinnerung in den Köpfen der Menschen war.

Die Deodanden bewegten sich in einem stetigen Trab und fraßen die Leugen. Da sie tot waren, spürten sie nicht die Kälte in der Luft, noch die gesprungenen und zerbrochenen Steine unter ihren Füßen. Die Sänfte schwankte von einer Seite zur anderen, eine sanfte Bewegung, die Molloqos daran zurückdenken ließ, wie seine Mutter ihn in seiner Wiege geschaukelt hatte. Sogar er hatte einst eine Mutter gehabt, aber das war lange her. Die Zeit der Mütter und Kinder war vorbei. Die menschliche Rasse schwand dahin, während Grues und Irben und Pelgrane die Ruinen übernahmen, die sie zurückließ.

Die Befassung mit solchen Dingen würde jedoch nur zu einer noch tieferen Melancholie führen. Molloqos zog es vor, sich mit dem Buch auf seinem Schoß zu befassen. Nach drei Tagen fruchtloser Versuche, sich die Exzellente Prismatische Berieselung wieder einzuprägen, hatte er sein Zauberbuch, eine massive Schwarte, die in rissiges zinnoberrotes Leder mit Beschlägen und Scharnieren aus schwarzem Eisen gebunden war, zugunsten eines schmalen Bandes mit erotischen Gedichten aus den letzten Tagen des Sherit-Reiches beiseitegelegt, dessen Lieder der Lust vor Äonen im Staub versunken waren. Neuerdings war seine Schwermut so tief geworden, dass selbst jene leidenschaftlichen Reime ihn selten zur Erektion erregten, aber wenigstens verwandelten die Worte sich nicht in Würmer, die sich auf dem Pergament wanden, wie es jene in seinem Zauberbuch zu tun schienen. Der lange Nachmittag der Welt war dem Abend gewichen, und in jener langen Abenddämmerung hatte sogar die Magie begonnen, rissig zu werden und an Kraft zu verlieren.

So wie die geschwollene Sonne langsam im Westen versank, wurden die Worte schwerer auszumachen. Molloqos schloss sein Buch, zog sich seinen Mantel des Furchterregenden Auftretens über die Beine und sah zu, wie die Bäume vorüberzogen. Im ersterbenden Licht schien jeder sinistrer zu sein als der letzte, und er konnte beinahe Gestalten sehen, die sich im Unterholz bewegten, obwohl sie verschwunden waren, wenn er seinen Kopf für einen besseren Blick bewegte.

Auf einem rissigen und krispeligen hölzernen Schild neben der Straße stand:

TARN HOUSE
Noch eine halbe Leuge
Berühmt für unsere Zischaale

Ein Gasthaus wäre nicht unwillkommen, obwohl Molloqos keine hohen Erwartungen bezüglich jeglicher Herbergen hegte, die an einer so trostlosen und öden Straße wie dieser zu finden waren. Bei Dunkelheit würden sich bald Grues und Irben und Leukomorphe zu rühren beginnen, manche hungrig genug, um einen Angriff selbst auf einen Zauberer von furchterregendem Auftreten zu riskieren. Einst hätte er solche Kreaturen nicht gefürchtet: wie andere seinesgleichen war es seine Gewohnheit gewesen, sich mit einem halben Dutzend mächtiger Zaubersprüche zu bewaffnen, wann immer er die Sicherheit seines Herrenhauses zu verlassen hatte. Aber nun rannen die Zaubersprüche durch seinen Kopf wie Wasser durch seine Finger, und selbst diejenigen, über die er immer noch verfügte, schienen jedes Mal schwächer zu sein, wenn er gefordert war, sie anzuwenden. Und es waren auch die Schattenschwerter zu bedenken. Manche behaupteten, sie seinen Formwandler, mit Gesichtern so formbar wie Wachs. Molloqos wusste nicht, ob das wahr war, aber über ihre Böswilligkeit hatte er keine Zweifel.

Er würde bald genug in Kaiin sein und schwarzen Wein mit Prinzessin Khandelume und seinen Zaubererkollegen trinken, sicher hinter den hohen weißen Mauern und uralten Zaubern der Stadt, aber im Moment musste selbst ein so trostloses Gasthaus wie dieses Tarn House sicherlich einer weiteren Nacht in seinem Pavillon unter jenen sinistren Kiefern vorzuziehen sein.

*  *  *

Tief zwischen zwei hohen hölzernen Rädern hängend, schüttelte und bebte der Karren, während er die zerfurchte Straße entlangfuhr, über die zerbrochenen Steine sprang und Chimwazles Zähne gegeneinanderschlug. Er packte seine Peitsche fester. Sein Gesicht war breit, seine Nase flach, seine Haut lose hängend und körnig, mit einem grünlichen Schimmer. Von Zeit zu Zeit zuckte seine Zunge heraus, um ein Ohr abzulecken.

Zur Linken ragte der Wald auf, dicht und dunkel und sinister; zur Rechten, jenseits ein paar schütterer Bäume und einem tristen grauen Strand, der mit Büscheln von Salzgras übersät war, erstreckte sich der Weiher. Der Himmel war violett, ins Indigo übergehend, und gesprenkelt mit dem Licht müder Sterne.

„Schneller!“ rief Chimwazle Polymumpho in den Strängen zu. Er warf einen Blick über seine Schulter zurück. Es gab kein Anzeichen einer Verfolgung, aber das bedeutete nicht, dass die Twkmänner nicht kamen. Sie waren unangenehme kleine Kreaturen, wenn auch schmackhaft, und hielten über alle Vernunft hinaus an ihrem Groll fest. „Die Abenddämmerung bricht herein! Bald wird die Nacht über uns sein! Beweg‘ dich! Wir müssen vor der Abenddämmerung Unterschlupf finden, du großer Trampel.“

Der mit einer haarigen Nase ausgestattete Pooner gab keine Antwort außer einem Grunzen, daher gab Chimwazle ihm die Peitsche zu kosten, um seine Anstrengungen anzuspornen. „Beweg‘ diese Füße, du verlauster Lümmel.“ Diesmal legte Polymumpho sich ins Zeug, mit pumpenden Beinen und schwabbelndem Bauch. Der Karren hüpfte, und Chimwazle biss sich auf die Zunge, als ein Rad gegen einen Stein knallte. Der Geschmack von Blut füllte seinen Mund, dick und süß wie schimmliges Brot. Chimwazle spuckte, und ein Brocken aus grünlichem Schleim und schwarzem Wundsekret traf Polymumphos Gesicht und klebte an seiner Wange, bevor er abfiel, um auf die Steine zu klatschen. „Schneller!“ brüllte Chimwazle, und seine Peitsche pfiff eine lebhafte Melodie, um die Füße des Pooners weiterstampfen zu lassen.

Endlich weiteten sich die Bäume, und das Gasthaus erschien vor ihnen, auf einem kleinen Steinhügel, wo drei Straßen sich trafen. Kräftig gebaut und heiter erschien es, unten Stein und weiter oben Holz, mit so manchem großen Giebel und hohen Türmchen, und weiten Fenstern, durch die ein warmes, einladendes rötliches Licht und die fröhlichen Klänge von Musik und Gelächter strömten, begleitet von einem Klappern von Tassen und Serviertellern, das zu sagen schien: Komm herein, komm herein. Zieh deine Stiefel aus, leg‘ deine Füße hoch, genieße einen Becher Bier. Jenseits spitzen Daches glitzerte das Wasser des Weihers glatt und rot wie gehämmertes Kupferblech, das in der Sonne glänzt.

Der Große Chimwazle hatte noch nie solch einen willkommenen Anblick gesehen. „Halt!“ rief er und ließ seine Peitsche an Polymumphos Ohr schnalzen, um die Aufmerksamkeit des Pooners zu erlangen. „Stop! Aufhören! Hier ist unsere Zuflucht!“

Polymumpho stolperte, wurde langsamer, hielt an. Er sah das Gasthaus zweifelnd an und schnüffelte. „Ich würde weiterdrängen. Wenn ich du wäre.“

„Das würde dir gefallen, da bin ich sicher.“ Chimwazle hüpfte vom Karren, und seine weichen Stiefel schmatzten im Schlamm. „Und wenn die Twkmänner uns erwischen würden, dann würdest du glucksen und nichts tun, während sie auf mich einstechen. Nun, sie werden uns hier nie finden.“

„Außer diesem einen“, sagte der Pooner.

Und da war er, ein Twkmann, der in aller Kühnheit um seinen Kopf flog. Die Flügel seiner Libelle erzeugten ein schwaches Summen, als er seine Lanze einlegte. Seine Haut war blassgrün, und sein Helm war eine Eichelschale. Chimwazle hob entsetzt seine Hand. „Warum belästigst du mich? Ich habe nichts getan?“

„Du hast den edlen Florendal gegessen“, sagte der Twkmann. „Du hast Lady Melescence verschlungen und ihrer Brüder drei verzehrt.“

„Stimmt nicht! Ich fechte diese Anschuldigungen an! Es war jemand anders, der wie ich aussah. Hast du einen Beweis? Zeig mir deinen Beweis! Was, hast du keinen zu bieten? Dann weg mit dir!“

Stattdessen flog der Twkmann auf ihn zu und stieß mit seiner Lanze nach seiner Nase, aber so schnell er auch war, Chimwazle war schneller. Seine Zunge schoss heraus, lang und klebrig, pflückte den winzigen Reiter von seinem Reittier und zog ihn heulend zurück. Seine Rüstung war hauchdünnes Material und knirschte schön zwischen Chimwazles scharfen grünen Zähnen. Er schmeckte nach Minze und Moos und Pilzen, sehr pikant.

Danach verwendete Chimwazle die winzige Lanze als Zahnstocher. „Da war nur der eine“, entschied er zuversichtlich, als keine weiteren Twkmänner zu erscheinen geruhten. „Eine Schüssel Zischaale erwartet mich. Du kannst hierbleiben, Pooner. Sieh zu, dass du meinen Karren bewachst.“

*  *  *

Lirianne hüpfte und tanzte, während sie dahinmarschierte. Biegsam und langbeinig, jungenhaft und vergnügt, ganz in Grau und Altrosa gekleidet, hatte sie etwas Prahlerisches in ihrem Gang. Ihre Bluse war aus Spinnenseide gesponnen, weich und glatt, die obersten drei Knöpfe offen. Ihr Hut war aus Samt, breitkrempig, verziert mir einer kecken Feder und verwegen schief aufgesetzt. An ihrer Hüfte hing Kitzle-Mich-Gut in einer Scheide aus weichem grauem Leder, die zu ihren schenkelhohen Stiefeln passte. Ihr Haar war ein Wuschel aus goldbraunen Locken, ihre Wangen mit Sommersprossen auf milchbleicher Haut gesprenkelt. Sie hatte lebhafte graue Augen, einen Mund, der für schelmisches Lächeln gemacht war, und eine kleine Stupsnase, die zuckte, wenn sie die Luft schnüffelte.

Der Abend duftete nach Kiefern und Meersalz, aber unter diesen Gerüchen konnte Lirianne schwach eine Andeutung eines Irben ausmachen, eines sterbenden Grues, und den nahen Gestank von Ghuls. Sie fragte sich, ob welche davon es wagen würden, herauszukommen und mit ihr zu spielen, sobald die Sonne unterging. Die Aussicht darauf brachte sie zum Lächeln. Sie berührte den Griff von Kitzle-Mich-Gut und drehte sich in einem Kreis herum, und ihre Stiefelabsätze warfen kleine Staubwölkchen auf, während sie unter den Bäumen dahinwirbelte.

„Warum tanzt du, Mädchen?“ sagte ein Stimmchen. „Es wird spät, die Schatten werden lang. Das ist keine Zeit fürs Tanzen.“

Ein Twkmann schwebte neben ihrem Kopf, ein weiterer gleich hinter ihm. Ein dritter erschien, dann ein vierter. Ihre Speerspitzen glitzerten rötlich im Licht der untergehenden Sonne, und die Libellen, auf denen sie ritten, schimmerten mit einer blassgrünen Lumineszenz. Lirianne erspähte weitere zwischen den Bäumen, winzige Lichter, die zwischen den Zweigen hinein- und herausflitzten, klein wie Sterne. „Die Sonne stirbt“, sagte Lirianne zu ihnen. „Es wird keine Tänze in der Dunkelheit geben. Spielt mit mir, Freunde. Webt helle Muster in der Abendluft, solange ihr noch könnt.“

„Wir haben keine Zeit für das Spiel“, sagte ein Twkmann.

„Wir jagen“, sagte ein anderer. „Später tanzen wir.“

„Später“, stimmte der erste zu. Und das Lachen der Twkmänner erfüllte die Bäume, scharf wie Scherben.

„Ist eine Twkstadt in der Nähe?“ fragte Lirianne.

„Nicht nahe“, sagte ein Twkmann.

„Wir sind weit geflogen“, sagte ein anderer.“

„Hast du Gewürze für uns, Tänzerin?“

„Salz?“ sagte ein anderer.

„Pfeffer?“ fragte ein dritter.

„Safran?“ seufzte ein vierter.

„Gib uns Gewürz, und wir zeigen dir geheime Wege.“

„Um den Weiher herum.“

„Um das Gasthaus herum.“

„Oho.“ Lirianne grinste. „Was ist das für ein Gasthaus? Ich glaube, ich rieche es. Ein magischer Ort, oder?“

„Ein dunkler Ort“, sagte ein Twkmann.

„Die Sonne geht aus. Die ganze Welt wird dunkel.“ Lirianne erinnerte sich an ein anderes Gasthaus aus einer anderen Zeit, ein bescheidener Ort, aber freundlich, mit sauberen Binsen am Boden und einem Hund, der vor dem Kamin schlief. Die Welt war sogar damals schon im Sterben gewesen, und die Nächte waren dunkel und voller Schrecken, aber innerhalb jener Mauern war es immer noch möglich gewesen, Gemeinschaft zu finden, Freude, sogar Liebe. Lirianne erinnerte sich an Braten, die sich über dem knisternden Feuer drehten, daran, wie das Fett spuckte, wenn es in die Flammen hinuntertropfte. Sie erinnerte sich an das Bier, dunkel und berauschend und nach Hopfen riechend. Sie erinnerte sich auch an ein Mädchen, eine Gastwirtstochter mir hellen Augen und einem albernen Lächeln, das einen wandernden Reisenden geliebt hatte. Tot jetzt, das arme Ding. Aber was soll’s? Die Welt war auch schon fast tot. „Ich möchte dieses Gasthaus sehen“, sagte sie. „Wie weit ist es entfernt?“

„Eine Leuge“, sagte der Twkmann.

„Weniger“, beharrte ein zweiter.

„Wo ist unser Salz?“ sagten die beiden gemeinsam. Lirianne gab jedem von ihnen eine Prise Salz aus dem Beutel an ihrem Gürtel. „Zeigt es mir“, sagte sie, „und ihr sollt auch Pfeffer haben.“

*  *  *

Dem Tarn House mangelte es nicht an Kundschaft. Hier saß ein weißhaariger Mann mit einem langen Bart, der irgendeinen ekelhaften purpurnen Eintopf löffelte. Dort lungerte eine dunkelhaarige Schlampe herum, die ihr Glas Wein hütete, als ob es ein neugeborenes Baby wäre. In der Nähe der hölzernen Fässer, die an einer Wand aufgereiht waren, sog ein wieselgesichtiger Mann mit einem schmuddeligen Schnurrbart Schnecken aus ihrer Schale. Obwohl seine Augen Chimwazle schlau und sinister erschienen, waren die Knöpfe an seiner Weste aus Silber, und an seinem Hut prangte ein Fächer aus Pfauenfedern, was darauf hindeutete, dass es ihm nicht an Mitteln mangelte. Näher am Kaminfeuer drängten sich ein Mann und seine Frau mit ihren zwei großen und plumpen Söhnen um einen Tisch und teilten sich eine riesige Fleischpastete. So wie sie aussahen, waren sie aus irgendeinem Land hierher gewandert, wo die einzige Farbe Braun war. Der Vater trug einen dichten Bart; seine Söhne trugen buschige Schnurrbärte zur Schau, die ihre Münder verdeckten. Der Schnurrbart ihrer Mutter war feiner und ließ ihre Lippen sehen.

Die Hinterwäldler stanken nach Kohl, daher eilte Chimwazle zur anderen Seite des Raumes und gesellte sich zu dem wohlhabenden Kerl mit den Silberknöpfen an seiner Weste. „Wie sind deine Schnecken?“ fragte er.

„Schleimig und ohne Geschmack. Ich empfehle sie nicht.“

Chimwazle zog sich einen Stuhl heraus. „Ich bin der Große Chimwazle.“

„Und ich Prinz Rocallo der Gefürchtete.“

Chimwazle runzelte die Stirn. „Prinz wovon?“

„Einfach so.“ Der Prinz sog eine weitere Schnecke aus und ließ die leere Schale auf den Boden fallen.

Diese Antwort gefiel ihm nicht. „Der Große Chimwazle ist kein Mann, mit dem man leichtfertig umgehen kann“, warnte er den sogenannten Prinzling.

„Und doch sitzt du hier, im Tarn House.“

„Mit dir“, bemerkte Chimwazle etwas verdrießlich.

Der Wirt trat in Erscheinung, mit Verbeugungen und Kratzfüßen, wie es für jemand seines Standes angemessen war. „Wie darf ich Euch dienen?“

„Ich werde ein Gericht deiner berühmten Zischaale versuchen.“

Der Gastwirt hüstelte entschuldigend. „Leider sind die Aale… äh… nicht mehr auf der Speisekarte.“

„Was? Wie das? Dein Schild behauptet, dass Zischaale die Spezialität des Hauses sind.“

„Und das waren sie, in anderen Tagen. Köstliche Kreaturen, aber bösartig. Einer hat die Konkubine eines Zauberers gefressen, und der Zauberer war so erzürnt, dass er den Weiher kochen ließ und den ganzen Rest ausrottete.“

„Vielleicht solltest du das Schild ändern.“

„Jeden Tag denke ich dasselbe, wenn ich erwache. Aber dann denke ich, die Welt könnte heute enden, sollte ich meine letzten Stunden auf einer Leiter hockend verbringen, mit einem Pinsel in der Hand? Ich schenke mir etwas Wein ein und setze mich hin, um über die Sache nachzusinnen, und bis zum Abend finde ich, dass der Drang vergangen ist.“

„Deine Dränge gehen mich nichts an“, sagte Chimwazle. „Nachdem du keine Aale hast, muss ich mich mit Geflügelbraten begnügen, schön knusprig.“

Der Gastwirt sah traurig drein. „Leider ist dieses Klima für Hühner nicht zuträglich.“

„Fisch?“

„Aus dem Weiher?“ Der Mann schauderte. „Ich würde davon abraten. Höchst ungesund, dieses Gewässer.“

Chimwazle wurde ärgerlich. Sein Gefährte lehnte sich über den Tisch und sagte: „Keinesfalls solltest du eine Schüssel Scrumby versuchen. Die Knorpelpasteten sind ebenfalls zu meiden.“

„Bitte um Verzeihung“, sagte der Wirt, „aber Fleischpastete ist alles, was wir gerade haben.“

„Was für Fleisch ist in dieser Pastete?“ fragte Chimwazle.

„Braunes“, sagte der Wirt. „Und Brocken von grauem.“

„Dann also eine Fleischpastete.“ Da war anscheinend nichts zu machen.

Die Pastete war zugegebenermaßen groß; das war das Beste, was man darüber sagen konnte. Was Chimwazle darin an Fleisch fand, bestand hauptsächlich aus Knorpeln, hier und dort ein Brocken gelbes Fett, und einmal etwas, das verdächtig knirschte, als er darauf biss. Es gab mehr graues Fleisch als braunes, und einmal einen Brocken, der grün schillerte. Er fand auch eine Karotte, oder vielleicht war es ein Finger. Auf jeden Fall war sie verbraten. Je weniger man über die Kruste sagte, desto besser.

Schließlich schob Chimwazle die Pastete von sich weg. Nicht mehr als ein Viertel war verzehrt. „Ein klügerer Mann hätte meine Warnung beachtet“, sagte Rocallo.

„Ein klügerer Mann mit einem volleren Bauch vielleicht.“ Das war das Problem mit Twkmännern; egal wie viele man aß, eine Stunde später war man wieder hungrig. „Die Erde ist alt, aber die Nacht ist jung.“ Der Große Chimwazle holte einen Packen bemalter Täfelchen aus seinem Ärmel. „Hat du schon Peggoty gespielt? Ein lustiges Spiel, das gut zu Bier passt. Vielleicht probierst du ein paar Runden mit mir?“

„Das Spiel ist mir unbekannt, aber ich lerne schnell“, sagte Rocallo. „Wenn du mir die Grundlagen erklärst, werde ich mich gerne daran versuchen.“

Chimwazle mischte die Täfelchen.

*  *  *

Das Gasthaus war prächtiger, als Lirianne erwartet hatte, und erschien seltsam und fehl am Platz, überhaupt nicht die Art von Etablissement, die sie an einer Waldstraße im Land den Fallenden Wand zu finden erwartet hätte. „Berühmt für unsere Zischaale“, las sie laut und lachte. Hinter dem Gasthaus schwebte ein kleines Stück der untergehenden Sonne rot über den schwarzen Wassern des Weihers.

Die Twkmänner schwirrten auf ihren Libellen um sie herum. Immer mehr hatten sich Lirianne angeschlossen, während sie die Straße entlangging. Vierzig, achtzig, hundert; inzwischen wusste sie nicht mehr wie viele. Die durchscheinenden Flügel ihrer Reittiere schwirrten in der Abendluft. Die purpurne Abenddämmerung summte von vielen zornigen Stimmchen.

Lirianne kniff sich in die Nase und schnüffelte. Der Geruch nach Zauberei war so stark, dass sie davon beinahe nieste. Hier gab es Magie. „Oho“, sagte sie. „Ich rieche Zauberer.“

Eine muntere Melodie pfeifend schlenderte sie näher. Ein klappriger Karren war nahe an den Anfang der Stufen herangezogen. An eines seiner Räder gelehnt saß zusammengesackt ein riesiger hässlicher Mann, dickbäuchig, mit grobem, dunklem Haar, das aus seinen Ohren und Nasenlöchern wuchs. Er schaute auf, als Lirianne nähertrat. „Ich würde nicht da hinaufgehen, wenn ich du wäre. Es ist ein schlimmer Ort. Männer gehen hinein. Keine Männer kommen heraus.“

„Nun, ich bin kein Mann, wie du leicht sehen kannst, und ich liebe schlimme Orte. Wer bist du denn?“

„Polymumpho ist mein Name. Ich bin ein Pooner.“

„Ich bin mit den Poonern nicht vertraut.“

„Wenige sind das.“ Er zuckte die Achseln, ein massives Wogen seiner Schultern. „Sind das deine Twkmänner? Sag ihnen, dass mein Herr in das Gasthaus gegangen ist, um sich zu verstecken.“

„Herr?“

„Vor drei Jahren habe ich Peggoty mit Chimwazle gespielt. Als mir die Münzen ausgingen, setzte ich mich selbst aufs Spiel.“

„Ist dein Herr ein Zauberer?“

Ein weiteres Schulterzucken. „Er hält sich für einen.“

Lirianne berührte den Griff von Kitzle-Mich-Gut. „Dann darfst du dich als frei betrachten. Ich werde deine Schuld für dich begleichen.“

„Wirklich?“ Er erhob sich. „Kann ich den Karren haben?“

„Wenn du möchtest.“

Ein breites Grinsen teilte sein Gesicht. „Hüpf drauf, und ich bringe dich nach Kaiin. Du wirst sicher sein, das verspreche ich dir. Pooner essen das Fleisch von Menschen nur, wenn die Sterne richtig stehen.“

Lirianne schaute auf. Ein halbes Dutzend Sterne war über den Bäumen sichtbar, Diamantstaub, der an einem purpursamtenen Himmel glitzerte. „Und wer wird beurteilen, ob die Sterne für solch einen Schmaus richtig stehen oder nicht?“

„Diesbezüglich kannst du mir vertrauen.“

Sie kicherte. „Nein, ich denke nicht. Ich bin für das Gasthaus.“

„Und ich für die Straße.“ Der Pooner hob die Stränge des Karrens an. „Falls Chimwazle sich über meine Abwesenheit beschwert, sag ihm, dass meine Schuld deine ist.“

„Das werde ich.“ Lirianne sah zu, wie Polymumphos in Richtung Kaiin davonrumpelte, mit dem leeren Karren, der hinter ihm hüpfte und rüttelte. Sie eilte die gewundenen Steinstufen hoch und stieß die Tür in das Tarn House auf.

Der Gemeinschaftsraum roch nach Schimmel und Rauch und Ghuls, und auch ein bisschen nach Leukomorphen, obwohl gegenwärtig keine solchen zu sehen waren. Ein Tisch war von haarigen Hinterwäldlern umdrängt, ein weiterer von einer großbusigen Schlampe besetzt, die Wein aus einem verbeulten Silberkelch nippte. Ein alter Mann, der nach der antiken Mode eines Ritters des alten Thorsingol gekleidet war, saß einsam und verloren da, sein weißer Bart hatte violette Suppenflecken.

Chimwazle war nicht schwer zu finden. Er saß mit einem anderen Strolch unter den Bierfässern, und jeder sah noch widerlicher aus als der andere. Letzterer hatte den Gestank einer Ratte an sich, der andere roch nach Kröte. Der rattenhafte Mann trug eine graue Lederweste mit funkelnden Silberknöpfen über einem engsitzenden Hemd mit cremefarbenen und azurblauen Streifen und großen Puffärmeln. Auf seinem spitzen Kopf saß ein breitkrempiger Hut, der mit einem Fächer aus Pfauenfedern verziert war. Sein krötenhafter Kumpan, der mit Hängebacken, einer grobkörnigen Haut und grünlichem Fleisch geschlagen war, das ihn aussehen ließ, als sei ihm ein wenig übel, bevorzugte eine schlaffe Kappe, die wie ein zusammengesackter Pilz aussah, eine schmutzige malvenfarbene Tunika mit goldenen Schnörkeln an Kragen, Ärmeln und Saum und grüne Schuhe, die vorne hochgebogen waren. Seine Lippen waren voll und fett und sein Mund so breit, dass er beinahe seine herabhängenden Ohrläppchen berührte.

Beide Vagabunden beäugten Lirianne lüstern, während sie die Möglichkeiten einer erotischen Tändelei abwogen. Die Kröte wagte es tatsächlich, ein Lächeln zu riskieren. Lirianne wusste, wie dieses Spiel gespielt wurde. Sie nahm ihren Hut ab, verbeugte sich vor ihnen und ging zu ihrem Tisch. Bemalte Täfelchen bedeckten dessen grobe hölzerne Oberfläche, neben den Überresten einer erstarrten und einzigartig unattraktiven Fleischpastete. „Was ist das für ein Spiel?“ fragte sie ganz unschuldig.

„Peggoty“, sagte der krötenhafte Mann. „Kennst du es?“

„Nein“, sagte sie, „aber ich spiele gern. Wirst du es mir beibringen?“

„Gerne. Nimm Platz. Ich bin Chimwazle, oft der Ritterliche genannt. Mein Freund ist als Rocallo der Zögerliche bekannt.“

„Der Gefürchtete“, korrigierte der rattengesichtige Mann, „und ich bin Prinz Rocallo, wenn’s recht ist. Der Wirt ist hier irgendwo. Möchtest du ein Getränk, Mädchen?“

„Möchte ich“, sagte sie. „Seid ihr Hexenmeister? Ihr habt ein zauberisches Aussehen.“

Chimwazle machte eine wegwerfende Geste. „So hübsche Augen hast du, und scharfe noch dazu. Ich kenne einen Zauberspruch oder zwei.“

„Ein Zauber, um Milch sauer werden zu lassen?“ schlug Rocallo vor. „Das ist ein Zauberspruch, den viele kennen, obwohl es sechs Tage dauert, bis er wirkt.“

„Diesen, und viele weitere“, prahlte Chimwazle, „jeder mächtiger als der vorherige.“

„Wirst du mir sie zeigen?“ fragte Lirianne mit atemloser Stimme.

„Vielleicht, wenn wir einander besser kennen.“

„Oh bitte. Ich wollte schon immer echte Magie sehen.“

„Magie würzt den Knorpel, der das Leben ist“, verkündete Chimwazle anzüglich grinsend, „aber mir liegt nichts daran, meine Wunderwirkungen vor solchen Trampeln und Poonern zu verschwenden, wie sie uns umgeben. Später, wenn wir allein sind, werde ich für dich Magie wirken, wie du sie noch nie gesehen hast, bist du vor Freude und Ehrfurcht aufschreist. Aber zuerst etwas Bier, und eine Runde Peggoty oder drei, um unsere Säfte in Fluss zu bringen! Worum wollen wir spielen?“

„Oh, ich bin sicher, dir fällt etwas ein“, sagte Lirianne.

*  *  *

Zu der Zeit, als Molloqos der Melancholische das Tarn House zu Gesicht bekam, ging die geschwollene Sonne unter und ließ sich im Westen langsam nieder wie ein alter, fetter Mann, der sich in seinen Lieblingssessel sinken lässt.

Sanft in einer Sprache murmelnd, die kein lebender Mensch gesprochen hatte, seit die Grauen Zauberer zu den Sternen gereist waren, befahl der Zauberer anzuhalten. Das Gasthaus neben dem Weiher war für den beiläufigen Blick höchst einladend, aber Molloqos war von argwöhnischer Art und hatte vor langer Zeit gelernt, dass die Dinge nicht immer so waren, wie sie erschienen. Er murmelte eine kurze Beschwörung und erhob einen Stab aus Ebenholz. Oben an dem Schaft befand sich eine Kristallkugel, in der ein großes goldenes Auge hierhin und dorthin schaute. Weder Zauberbann noch Illusion konnte das Wahr-Sehende Auge täuschen.

Seines Zaubers entblößt, stand das Tarn House verwittert und grau da, drei Stockwerke hoch und seltsam schmal. Es neigte sich zur Seite wie ein betrunkener Wormiger, eine krumme Treppe aus Steinplatten führte zu seiner Tür empor. Rautenförmige Scheiben aus grünem Glas gaben dem Licht aus dem Inneren einen kränklichen und leprösen Schimmer; sein Dach war mit herabhängenden Pilzsträngen überwachsen. Hinter dem Gasthaus war der Weiher, pechschwarz und nach Fäulnis riechend, durchsetzt mit ertrunkenen Bäumen, und sein dunkles, öliges Wasser bewegte sich ominös. Ein Stall stand abseits an einer Seite, ein so verfallenes Bauwerk, dass sogar tote Deodanden sich vielleicht sträuben würden, es zu betreten.

Am Fuß der Stufen zum Gasthaus befand sich ein Schild, auf dem stand:

TARN HOUSE
Berühmt für unsere Zischaale

Der rechte vordere Deodand meldete sich zu Wort. „Die Erde stirbt, und bald wird die Sonne versagen. Hier unter diesem verrotteten Dach ist ein geeigneter Ort für Molloqos, um die Ewigkeit zu verbringen.“

„Die Erde stirbt, und bald wird die Sonne versagen“, stimmte Molloqos zu, „aber wenn das Ende hier über uns kommen sollte, werde ich die Ewigkeit an einem Feuer sitzend verbringen und ein Mahl aus Zischaalen genießen, während du bibbernd in der Dunkelheit und Kälte stehst und zusiehst, wie Teile deines Körpers reif werden und verrotten und zu Boden fallen.“ Er richtete den Sitz seines Mantels des Furchterregenden Auftretens, nahm seinen hohen Ebenholzstab, stieg von der Sänfte, schritt in den von Unkraut überwuchernden Vorgarten und begann die Stufen zum Gasthaus hochzusteigen.

Oben knallte eine Tür auf. Ein Mann trat heraus, eine kleine und servile Kreatur mit Soßeflecken auf ihrer Schürze, die nur der Gastwirt sein konnte. Als er herabeilte und dabei seine Hände an seiner Schürze abwischte, erhaschte er seinen ersten guten Blick auf Molloqos und erbleichte.

Was durchaus verständlich war. Knochenweiß war das Fleisch von Molloqos unter seinem Mantel des Furchterregenden Auftretens. Tief und dunkel und voller Traurigkeit waren seine Augen. Seine Nase krümmte sich hakenförmig nach unten; seine Lippen waren dünn und recht mürrisch; seine Hände groß, ausdrucksvoll und langfingerig. An seiner rechten Hand waren seine Fingernägel schwarz bemalt, an seiner Linken scharlachrot. Seine langen Beine waren in eine in denselben Farben gestreifte Pluderhose gekleidet, die in wadenhohe Stiefel aus polierter Gruehaut gesteckt war. Schwarz und scharlachrot war auch sein Haar, Blut und Nacht zusammengemischt; auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Hut aus purpurnem Samt, der mit einer grünen Perle und einer weißen Feder verziert war.

„Gefürchteter Herr“, sagte der Gastwirt, „diese… diese Deodanden…“

„…werden dir keine Schwierigkeiten machen. Der Tod mindert selbst einen solch wilden Appetit wie ihren.“

„Wir… wir sehen nicht oft Zauberer im Tarn House.“

Molloqos war nicht überrascht. Einst hatte die sterbende Erde von solchen gewimmelt, aber in diesen letzten Tagen schwand sogar die Magie dahin. Zaubersprüche schienen weniger mächtig zu sein als zuvor, und allein schon ihre Worte waren schwerer zu begreifen und zu merken. Die Zauberbücher selbst zerbröckelten, zerfielen in ihren uralten Bibliotheken zu Staub, während ihre Schutzzauber erloschen wie flackernde Kerzen. Und so wie die Magie versagte, scheiterten auch die Magier. Manche fielen ihren eigenen Dienern zum Opfer, den Dämonen und Sandestinen, die einst jeder ihrer Launen gehorcht hatten. Andere wurden von Schattenschwertern zur Strecke gebracht oder von zornigen Frauenmobs zerrissen. Die Weisesten schlüpften davon zu anderen Zeiten und Orten, und ihre großen und zugigen Häuser verschwanden wie Nebel vor dem Sonnenaufgang. Ihre bloßen Namen waren zum Stoff von Legenden geworden: Mazirian der Magier, Turjan von Miir, Rhialto der Wunderbare, der Rätselhafte Mumph, Gilgad, Pandelume, Ildefonse der Präzeptor.

Doch Molloqos blieb, und es war seine Absicht, weiter zu bleiben und zu erleben, wie er einen letzten Kelch Wein trank, während er zusah, wie die Sonne erlosch. „Du stehst in Gegenwart von Molloqos dem Melancholischen, Dichter, Philosoph, Erzmagier und Nekromant, ein Student vergessener Sprachen und Fluch der Dämonen“, informierte er den katzbuckelnden Gastwirt. „Jeder Winkel dieser sterbenden Erde ist mir bekannt. Ich sammle seltsame Artefakte aus der Vergangenheit, übersetze zerbröckelnde Schriftrollen, die kein anderer Mensch lesen kann, pflege Umgang mit den Toten, erfreue die Lebenden, ängstige die Sanftmütigen und flöße den Unerleuchteten Ehrfurcht ein. Meine Rache ist ein kalter, schwarzer Wind, meine Zuneigung warm wie eine gelbe Sonne. Die Regeln und Gesetze, die geringere Menschen leiten, wische ich weg, wie ein Reisender den Staub von seinem Mantel wischen mag. Diese Nacht werde ich dich als Gast beehren. Keine Trauerfeierlichkeiten werden nötig sein. Ich werde dein bestes Zimmer verlangen, trocken und geräumig, mit einer Federmatratze. Ich werde auch bei dir zu Abend essen. Eine dicke Scheibe vom wilden Eber wird mich gut füllen, mit Beilagen, wie sie deine Küche liefern kann.“

„Wir haben hierorts keine Eber, ob wild oder zahm. Die Grues und die Irben haben die meisten davon gefressen, und der Rest wurde in den Weiher hinuntergezerrt. Ich kann Euch eine Fleischpastete servieren, oder eine sehr heiße Schüssel purpurnes Scrumby, aber ich denke nicht, dass Ihr das eine mögen werdet, und ich weiß, dass Ihr das andere hassen würdet.“ Der Gastwirt schluckte. „Bitte tausendmal um Verzeihung, gefürchteter Herr. Mein bescheidenes Haus ist nicht geeignet für solche wie Euch. Ohne Zweifel werdet Ihr irgendein anderes, komfortableres Gasthaus finden.“

Molloqos verfinsterte seine Miene. „Zweifellos“, sagte er, „aber da sich kein anderes Gasthaus darbietet, muss ich mich mit deinem begnügen.“

Der Gastwirt tupfte sich die Stirn mit seiner Schürze ab. „Gefürchteter Herr, ich bitte um Eure Verzeihung und wollte Euch nicht beleidigen, aber ich hatte schon Ärger mit Zauberleuten. Manche, die nicht so ehrlich sind wie Ihr, begleichen ihre Rechnung mit Beuteln voller verzauberter Steine und Dungbrocken, die durch Zauber wie Gold aussehen, und von anderen weiß man, dass sie unglücklichen Dienstmägden und unschuldigen Gastwirten Furunkel und Warzen beschert haben, wenn der Service nicht ihren Standards entsprach.“

„Das Gegenmittel ist einfach“, verkündete Molloqos der Melancholische. „Sorge dafür, dass der Service alles ist, was er sein sollte, und du wirst keine Schwierigkeiten haben. Du hast mein Wort, dass ich keine Zaubereien in deinem Gemeinschaftsraum vollführen werde, weder deinem Personal keine Furunkel oder Warzen verschaffe noch meine Rechnung mit Mist begleiche. Aber jetzt werde ich dieses Geredes müde. Der Tag ist zu Ende, die Sonne ist entflohen, und ich bin müde, daher möchte ich hier über Nacht bleiben. Deine Wahl ist einfach. Beherberge mich, oder ich beschwöre Gargoos Fauligen Mief auf dich herab und lasse dich bis zum Ende deiner Tage an deinem eigenen Gestank würgen. Was nicht lange sein wird, da Pelgrane und Irben von dem Geruch angezogen werden wie Mäuse von einem reifen Käse.“

Der Mund des Gastwirts öffnete und schloss sich, aber keine Worte kamen daraus hervor. Nach einem Moment schlurfte er zur Seite. Molloqos anerkannte die Kapitulation mit einem Nicken, stieg den Rest der Stufen empor und schob sich durch die Vordertür des Gasthauses.

Das Innere des Tarn House stellte sich als genauso dunkel, klamm und miserabel heraus wie das Äußere. Ein seltsamer saurer Geruch hing in der Luft, obwohl Molloqos nicht zu sagen gewagt hätte, ob er von dem Gastwirt kam, von den anderen Gästen oder von dem, was auch immer gerade in der Küche gekocht wurde. Eine Stille legte sich bei seinem Eintreten über den Gemeinschaftsraum. Alle Augen wandten sich ihm zu, wie nur zu erwarten war. In seinem Mantel des Furchterregenden Auftretens war er ein furchterregender Anblick.

Molloqos nahm an dem Tisch am Fenster Platz. Erst dann gestattete er sich, seine Mitgäste zu inspizieren. Die Gruppe in der Nähe des Feuers, die sich gegenseitig in tiefen, gutturalen Stimmen anknurrte, erinnerte den Zauberer an Kohlrüben mit Haaren. Drüben bei den Bierfässern lachte und flirtete ein hübsches junges Mädchen mit einem Paar offenkundiger Schurken, von denen einer nicht ganz menschlich zu sein schien. In der Nähe schlief ein alter Mann, der seinen Kopf auf die zu einem Polster auf dem Tisch gefalteten Arme gelegt hatte. Gleich jenseits von ihm war eine Frau, die den letzten Rest ihres Weines in ihrem Kelch herumschwenkte und den Zauberer quer durch den Raum spekulativ beäugte. Ein Blick genügte, um Molloqos zu sagen, dass sie eine Frau des Abends war, wenngleich der Abend sich in ihrem Fall der Nacht näherte. Ihr Gesicht war nicht ganz hässlich, obwohl etwas Seltsames und Beunruhigendes am Aussehen ihrer Ohren war. Dennoch hatte sie eine gefällige Gestalt, ihre Augen waren groß und dunkel und feucht, und das Feuer erzeugte rote Glanzlichter in ihrem langen, dunklen Haar.

So erschien es jedenfalls durch die Augen, mit denen Molloqos geboren worden war, aber er wusste, dass er diesen besser nicht traute. Ganz leise flüsterte er eine Beschwörung und schaute noch einmal durch das verzauberte goldene Auge am oberen Ende seines Stabes. Diesmal sah er wahr.

Als Abendessen bestellte der Zauberer eine Fleischpastete, da die Spezialität des Hauses nicht verfügbar war. Nach einem Biss legte Molloqos seinen Löffel weg und verspürte noch mehr Melancholie als einen Moment zuvor. Dampffahnen stiegen durch die aufgebrochene Kruste der Pastete auf und bildeten hässliche Gesichter in der Luft, ihre Münder offen vor Qual. Als der Wirt zurückkehrte, um zu fragen, ob das Mahl nach seinem Geschmack sei, sah Molloqos ihn tadelnd an und sagte: „Du hast Glück, dass ich nicht so schnell zornig werde wie die meisten meiner Brüder.“

„Ich bin für Eure Nachsicht dankbar, gefürchteter Herr.“

„Hoffen wir, dass deine Schlafgemache einem höheren Standard entsprechen als deine Küche.“

„Für drei Terzen könnt Ihr das große Bett mit Mumpo und seiner Familie teilen“, sagte der Wirt und deutete auf die Hinterwäldler in der Nähe des Kamins. „Ein privates Zimmer wird Euch zwölf kosten.“

„Nichts als das Beste für Molloqos den Melancholischen.“

„Unser Bestes Zimmer ist für zwanzig Terzen zu mieten und ist gegenwärtig von Prinz Rocallo besetzt.“

„Entferne sofort seine Sachen daraus und lasse den Raum für mich bereit machen“, befahl Molloqos. Er hätte vielleicht sehr viel mehr gesagt, aber gerade in diesem Moment erhob sich die dunkeläugige Frau und kam zu seinem Tisch herüber. Er deutete mit einem Nicken auf den Stuhl vor ihm. „Setz dich.“

Sie setzte sich. „Warum siehst du so traurig drein?“

„Es ist das Schicksal des Menschen. Ich sehe dich an und sehe das Kind, das du warst. Einst hattest du eine Mutter, die dich an ihre Brust hielt. Einst hattest du einen Vater, der dich auf seinem Knie schaukelte. Du warst ihr hübsches kleines Mädchen, und durch deine Augen sahen sie wieder die Wunder der Welt. Nun sind sie tot, und die Welt stirbt, und ihr Kind verkauft seine Traurigkeit an Fremde.“

„Wir sind jetzt Fremde, aber das müssen wir nicht bleiben“, sagte die Frau. „Mein Name…“

„- geht mich nichts an. Bist du noch ein Kind, dass du einem Zauberer deinen wahren Namen sagst?“

„Ein weiser Rat.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Ärmel. „Hast du ein Zimmer? Begeben wir uns nach oben, und ich werde dich glücklich machen.“

„Unwahrscheinlich. Die Erde stirbt. Genauso die Rasse der Menschen. Kein erotischer Akt kann das ändern, egal wie pervers oder energiegeladen.“

„Es gibt immer noch Hoffnung“, sagte die Frau. „Für dich, für mich, für uns alle. Erst letztes Jahr lag ich bei einem Mann, der sagte, dass eine Frau aus Saskervoy ein Kind geboren hatte.“

„Er hat gelogen, oder er wurde getäuscht. In Saskervoy weinen die Frauen wie überall und verzehren ihre Kinder in der Gebärmutter. Der Mensch schwindet dahin und wird bald verschwinden. Die Erde wird zum Lebensraum von Deodanden und Pelgranen und schlimmeren Dingen werden, bis das letzte Licht flackernd erlöscht. Es gab kein Kind. Noch wird es eines geben.“

Die Frau schauderte. „Dennoch“, sagte sie, „dennoch. Solange Männer und Frauen fortbestehen, müssen wir es versuchen. Versuche es mit mir.“

„Wie du wünschst.“ Er war Molloqos der Melancholische, und er hatte sie als das gesehen, was sie war. „Wenn ich mich zurückziehe, kannst du in mein Schlafgemach kommen, und wir werden versuchen, der Wahrheit der Dinge auf den Grund zu gehen.“

*  *  *

Fortsetzung: Eine Nacht im Tarn House, Teil 2

Ein Gedanke zu „GRRM: Eine Nacht im Tarn House (Teil 1 von 2)“

  1. Interessant! Ich lese gerade die Goodreads-Seite über Michael Moorcocks Roman „The End of All Songs“ und sehe, dass dieses 1976 veröffentlichte Buch bzw. die Trilogie, dessen Abschluss es ist, offenbar von Jack Vances „Dying Earth“-Serie inspiriert wurde.

    Z. B. schreibt Kommentator Jamie Connolly:

    „These are great books. Taking place at the end of time where technology has peaked and people can create anything they want on demand (including reincarnation) using their minds and these power rings. Consequently there are no morals or values and people live only to enjoy themselves and experience all they can.“

    Und Roddy Williams schreibt gleich darauf:

    „…The End of Time, where the denizens are immortal and amoral hedonists, able to conjure whatever environment they wish by dint of their power rings. […] In the meantime, other aliens have arrived at The End of Time to warn Earth that the universe is dying due to the hedonists‘ power rings having drained virtually every star of its energy. Soon, everyone will die.

    Auch die „Dying Earth“-Geschichten spielen in einer Zeit lange nachdem die Technologie der Menschen ihren Höhepunkt erreicht hat und die Magie eine Art Fortführung von Physik und Mathematik auf einer höheren Ebene ist. (In Moorcocks Multiversum-Saga beruht sie auf der Quantenphysik.) Hier erschöpft die Magie nur die Energie der Sonne, und da sie einerseits die alte Hochtechnologie überflüssig gemacht hat und andererseits von immer weniger Magiern beherrscht wird (mit schwindender Wirksamkeit), dämmert die Welt auf viel primitiverem Zivilisationsstand ihrem Ende entgegen.

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